sedmikrásky (vera chytilová, tschechien 1966)

Veröffentlicht: Januar 26, 2016 in Film
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daisiesDie Welt ist kaputt und „verdorben“, wie die beiden Teenagerinnen Marie (Ivana Karbanová) und Marie (Jitka Cerhová) finden, warum also nicht selbst „verdorben“ sein? Im Folgenden machen die beiden sich einen Spaß daraus, sich von älteren Herren in teure Restaurants ausführen zu lassen, nur um die voller Hoffnung auf sexuelle Erfüllung Angetretenen ohne Gegenleistung wieder nach Hause zu schicken. Männer werden hingehalten oder offen verspottet, Klofrauen beklaut, die Ordnung immer wieder bewusst gestört. Irgendwann wird aber auch das langweilig. Also schleichen sich die beiden Mädchen in einen vornehmen Bankettsaal, schlagen sich mit den aufgetafelten Leckereien in Abwesenheit der in Bälde eintreffenden Gäste den Bauch voll und veranstalten im Anschluss eine lustvolle Zerstörungsorgie. Die Strafe für solche sinnlose Aggression folgt auf dem Fuße …

„Diese Film ist all jenen gewidmet, deren einziger Anlass zur Empörung das Haar in ihrer Suppe ist“, fasst eine Texteinblendung am Ende die „Moral von der Geschicht'“ nur sehr unzureichend zusammen. Wer ist gemeint? Sind es die kommunistischen Sittenwächter, die sich von SEDMIKRÁSKY so bedroht fühlen sollten, dass der Film wenig später mit einem Verbot belegt wurde? Oder doch eher jene Menschen, die sich – wie die beiden Mädchen – in einem doch eher behüteten Leben nur über ein Übermaß an Langeweile beklagen und sich in eine bequeme, aber ziellose Pseudorebellion flüchten? Chytilová beantwortet diese Frage nicht, sympathisiert lange Zeit durchaus mit den beiden Protagonistinnen, die das Privileg der Jugend genießen, gewissermaßen noch unter „Welpenschutz“ stehen. Erst am Schluss überschreiten sie eine Grenze, an der die Regisseurin zurückbleibt. Die Orgie, die die Maries entfachen, scheint kaum weniger dekadent als das Bankett, dass da für die feinen Herrschaften errichtet wurde, ihre Zerstörungswut sinnlos, feige und billig. Der Zorn der beiden richtet sich eben nie nach oben, sondern immer nur gegen Ihresgleichen, nach unten oder gegen tote Gegenstände.

SEDMIKRÁSKY ist, das kann man ja überall lesen, in erster Linie ein audiovisueller Parforceritt voller wilder Inszenierungsideen und Effekte, ein collagenhafter Bilderreigen, der den Werdegang der beiden Mädchen in farbenfrohen oder auch monochromen Tableaus aufblättert. Chytilová inszeniert expressiv statt naturalistisch, setzt auf eine symbolhafte Bildsprache und Dialoge, die nicht zur bloßen Informationsübermittlung gedacht sind, sondern wie kleine Gedichte, Spiele oder auch Rätsel funktionieren. Trotzdem bleibt SEDMIKRÁSKY nachvollziehbar, verschließt seine Bedeutung nicht hermetisch hinter Dutzenden von Bild- und Tonschichten. Eigentlich scheint mir der Film sogar wesentlich klarer als ein gewöhnlicher Erzählfilm, was auch daran liegt, dass seine Protagonistinnen gar kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, keine versteckten Motivationen verfolgen oder überhaupt so etwas wie ein verborgenes Innenleben haben. Sie sind vollkommen nach außen gekehrter Trieb und so ergießt sich dann auch jede ihrer Willensregungen geradewegs ins Bild. Ich bin noch etwas unentschlossen, wie ich den Film nun final bewerten soll. Er ist nicht ganz meine Tasse Tee, andererseits kann ich nach nunmehr zwei kurz hintereinander erfolgten Sichtungen auch nicht verhehlen, dass er etwas mit mir angestellt hat. Er ist schon sehr faszinierend und natürlich einfach aufregend schön anzuschauen. Die tschechische Sprache hatte es mir schon in VALERIE A TYDEN DIVU angetan und die beiden Maries sind ebenfalls entzückend. Die tschechische New Wave hat definitiv was, kitzelt sowohl den Verstand als auch südlichere Körperregionen, ist sinnlich, erotisch und intellektuell gleichermaßen. Da gibt es gewiss noch viel zu entdecken.

 

Kommentare
  1. […] Apropos „Remember“. Auf Remember It for Later hat Oliver Nöding „Tausendschönchen“ gesehen und resümiert: „Die tschechische New Wave hat definitiv was, kitzelt sowohl den Verstand […]

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