buio omega (joe d’amato, italien 1979)

Veröffentlicht: Februar 2, 2016 in Film
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beyond_darkness_poster_02„Übles Machwerk, dessen Sadismus und Zynismus kaum zu übertreffen sind“, krakeelte der Filmdienst wie eine hyperventilierender Marktschreierin mit sich überschlagender Stimme, der Filmbeobachter diagnostizierte dagegen schon beinahe sachlich eine „[u]nnütze und ekelhafte Spekulation auf die niedersten Instinkte des Menschen“. Auch der deutsche Verleih hatte sich mit dem Titel SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF mächtig ins Zeug gelegt und seinen bescheidenen Teil dazu beigetragen, dass D’Amatos Film lange Zeit als einer der berüchtigtsten Vertreter des damals reüssierenden Splatterfilms italienischer Prägung galt. Ich fühlte mich demnach mächtig verrucht, als ich den Film damals in den Player schub, war anschließend aber eher verwirrt als wirklich verstört. In Erinnerung gelieben sind mir von damals nur einzelne, unverbundene Bilder – herausgerissene Fingernägel, natürlich die Leichensuppe -, vor allem aber der Eindruck einer eigenartig dekadent-morbiden Stimmung. Im Unterschied zu anderen Horrorepen, die ich mir damals in Reihe einverleibte, wollte BUIO OMEGA nicht so richtig Spaß machen.

Heute sehe ich das ein bisschen anders: Das Gemantsche, das die Sittenwächter damals auf die Barrikaden brachte und die Fans in die Videotheken trieb, ist eigentlich kaum noch der Rede wert. Klar, wie der blutarme Frank (Kieran Canter) seine tote Freundin ausnimmt, um sie fachgerecht zu konservieren, ist ein bisschen eklig, aber das ist ein Besuch beim Metzger unter Umständen auch. Die Effekte lassen die Detailfreude und Kunstfertigkeit eines Tom Savini total vermissen, was an Talent und Geduld fehlte, wird vor allem durch die entsprechend überdrehte Sounduntermalung wettgemacht – mit durchaus komischem Effekt. Das knorpelige Krachen etwa, das ertönt, wenn Frank dem Leichnam zwei Schläuche in die Nasenlöcher einführt, könnte ich mir auch gut als makabren Klingelton vorstellen. Äußerst geschickt ist auch der Schnitt, der den Eindruck erweckt, mehr zu sehen als tatsächlich gezeigt wird. Wunderschön, wie D’Amato vom Bild des Leichengeblubbers, das nach einer Säurebehandlung übrig geblieben ist, auf ein schleimiges Schmorgericht blendet, das die perverse Haushälterin Iris (Franca Stoppi) mit Inbrunst in ihr offenes Maul schaufelt, dass es nur so spritzt und sprotzt. Man liest das vielleicht schon heraus: BUIO OMEGA ist vor allem eine geschmacklose Komödie, eine derangierte Romanze, die von jener seltsamen Stimmung lebt, die auch D’Amatos spätere Softerotik-Filme auszeichnet.

Frank ist ein verwohnter, schmollmündiger Lappen, der wohlbehütet im von den Eltern geerbten Schlösschen lebt, in besonders schweren Momenten sogar die Brust seiner herrischen Haushälterin bekommt. Die überfürsorgliche Matrone macht sich große Hoffnungen, den reichen Schnösel zu ehelichen, weshalb sie eine alte Hexe engagiert, dessen Freundin Anna (Cinzia Monreale) mit einem tödlichen Fluch zu belegen. Und siehe da: Es funktioniert tatsächlich! Doch anstatt vor Trauer in den Schoß der groben Iris zu stürzen, beginnt Frank stattdessen eine unselige Liebschaft mit dem toten Körper der Verblichenen, was Iris gar nicht gern sieht. Als sich die Leichen zu stapeln beginnen – der völlig orientierungslose Frank hat Gefallen am Morden gefunden -, nutzt die Hintergangene ihr Wissen als Druckmittel und ringt dem wenig standhaften Jungmann ein halbherziges Heiratsversprechen ab. Das folgende Verlobungsbankett ist der heimliche Höhepunkt des Films, denn Iris hat ihre ganze degenerierte Verwandtschaft an den volkstümlich geschmückten Tisch gebeten. BUIO OMEGA profitiert erheblich von seinem eher ungewöhnlichen Alpensetting und den sonnigen Bildern grün bewaldeter Hügel und idyllisch daliegender Bergdörfer, die einen effektiven Kontrast zur moralischen Verkommenheit der Protagonisten und der Distanziertheit der Inszenierung bilden. (Man fragt sich, was wohl dabei herausgekommen wäre, wenn die Lisa-Film sich am Splatter-Boom beteiligt hätte.) Goblin haben dazu einen fantastischen Pianoscore komponiert, der die Groteske zur schwermütigen Tragödie überhöht. BUIO OMEGA wirkt nicht wenig wie eine geschmacksentgleiste Parodie auf typische Romantic Comedies, die sich um die Frage drehen, ob sie sich nun kriegen oder nicht, nur dass das Objekt der Begierde, von dem der Schönling nicht lassen kann, hier eine Leiche ist, und die eifersüchtige Neue eine perverse Matrone mit fragwürdigen Tischmanieren. Am Ende fährt Onkel Joe ein paar krachlederne Geisterbahneffekte auf, lässt die Schwester der toten Anna für einen kurzen Besuch vorbeischauen und Iris per Lautsprecher eine Stimme aus dem Jenseits spielen, um den ungebetenen Gast zu vertreiben. Allein in den letzten fünf Minuten verbrät D’Amato mehr Ideen als andere Filmemacher in eineinhalb Stunden, sodass man sich reif fühlt fürs Säurebad – oder für die Brust von Iris.

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