glen or glenda (edward d. wood jr., usa 1953)

Veröffentlicht: Februar 4, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , , , , ,

glen-or-glenda-movie-poster-1953-1020143849Ed Woods wahrscheinlich persönlichster Film zeigt sehr gut, warum das geläufige Narrativ, nach dem er der „schlechteste Regisseur aller Zeiten“ sein soll, nur etwas für minderbemittelte Einfaltspinsel mit einem fragwürdigen Verständnis von (Film-)Kunst ist. Nur ein Filmemacher mit einem ausgeprägten eigenen Stil und einer höchst singulären Charakterstruktur konnte GLEN OR GLENDA drehen, ein wunderbar naives, stilistisch holpriges, aber dennoch hoch aufrichtiges, zudem tief empfundenes Plädoyer für grenzenüberwindende Liebe, für Verständnis und Toleranz – und natürlich ganz spezifisch für das männliche Bedürfnis, Frauenkleider zu tragen. Wahrscheinlich war GLEND OR GLENDA seinerzeit eine Nummer zu klein und obskur, um wirklich Einfluss auszuüben, und psychologisch ganz gewiss zu unbedarft, um als abschließende Stellungnahme zum Thema Transvestitismus gelten zu können, doch Woods Mut, sich in den Fünfzigerjahren, als Rollenverständnis und Geschlechterbild noch fest betoniert waren, für etwas einzusetzen, was für viele seiner Landsleute eine geradezu teuflische Perversion darstellte, sich noch dazu mehr oder weniger selbst zu outen, kann man gar nicht hoch genug bewerten.

Natürlich wäre Ed Wood nicht Ed Wood, wenn er nicht auch noch in einem Aufklärungsfilm über Transvestiten Platz für seinen Freund Bela Lugosi gefunden hätte. So hockt der ehemalige Dracula in seinem drittletzten Film in einem dunklen Raum voller Plastikskelette und anderer anheimelnder Requisiten, guckt – von unten evil angeleuchtet – finster in die Kamera, deklamiert in seiner unnachahmlichen Art allerlei unlaubliche Drehbuchzeilen über „snips and snails and puppy-dog tails“, zaubert Leute herbei und wieder weg, als sei das in diesem Rahmen selbstverständlich. Im „narrativen“ Teil des Films lässt sich Inspector Warren (Lyle Talbot), der eben den Selbstmord eines Transvestiten erfasst hat, von einem Psychiater (Timothy Farrell) in die Geheimnisse jener noch unerforschten sexuellen Spielart einweisen und hört zu diesem Zweck die Geschichte von Glen (Edward D. Wood jr.), einem vordergründig ganz normalen Mann, der eine unerklärliche Vorliebe für Frauenkleidung, besonders flauschige Angorapullis, hat. Seine Verlobte, die flotte Blondine Barbara (Dolores Fuller) weiß nichts davon und je näher die Heirat rückt, umso größer wird die Angst von Glen, sie durch ein Geständnis zu verlieren. Doch es hilft nichts und weil die Liebe stark ist zwischen den beiden, steht Dolores nach seiner Enthüllung und einem kurzen Moment der Regeneration auf, öffnet ihren Angorapulli und überreicht ihn aus dominanter, aber großzügiger Position ihrem sehnsüchtig und dankbar nach oben blickenden Glen. GLEN OR GLENDA kommt erwartungsgemäß nicht ganz ohne rührend unfreiwilligen Humor aus und auch wenn er selbst nach Akzeptanz strebt, tritt er mit der Anmut eines Elefanten in so manches Fettnäpfchen, das der amerikanische Puritanismus ihm stehen gelassen hat. Das Frauenbild des Films ist von frappierender Eindimensionalität und so ganz kann er sich auch nicht von dem Gedanken lösen, das Transvestitismus „geheilt“ werden müsse. Aber das ist egal, denn die oben beschriebene Szene, die in diesem absolut unsterblichen und zudem hocherotischen Bild kulminiert, ist pure Kinomagie, ein Moment für die Ewigkeit, der Ed Wood allein einen Platz in der Ruhmeshalle bescheren sollte.

GOG

Vielleicht ist es ein Fehler, dass GLEN OR GLENDA nicht mit dieser Szene endet, sondern danach noch etwas redundant weiterläuft und in den letzten zehn Minuten eine zweite Fallgeschichte präsentiert, die in eine Geschlechtsumwandlung mündet. Andererseits wäre Ed Wood eben nicht der Filmemacher, der er ist, wenn er sich als herausragender Editor erwiesen hätte. Sehr, sehr bizarr ist auch eine etwa zehnminütige Traumsequenz, in der ein Teufel mit hochtoupierten Augenbrauen den großen Versucher mimt und eine dunkelhaarige Schöne im Negligee sich wollüstig auf der Couch aalt. So richtig verstanden habe ich das nicht, aber das ist ja das Tolle an Ed Wood: dass er sich eben nicht irgendwelchen narrativen oder formalen Konventionen verpflichtet sah, sondern lediglich seinem – sehr eigenwilligen – Instinkt. GLEN OR GLENDA ist ein Monument, und wer wirklich meint, das sei hilfloser Trash, minderwertig oder sonstwas, der ist für wahre Schönheit hoffnungslos verloren.

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s