reise ins jenseits – die welt des übernatürlichen (rolf olsen, deutschland 1975)

Veröffentlicht: Februar 5, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

0076237Die Esoterikwelle, die in den späten Sechzigerjahren auch Deutschland erfasste und zweifelhafte Gesellen wie den Schweizer Schriftsteller Erich von Däniken oder den „Mentalist“ Uri Geller zu Millionären (ersterer) oder Mediensensationen (letzterer) machte, schlug sich auch in einigen hierzulande eher seltenen Beiträgen zum spekulativen Genre des Mondofilms nieder. Harald Reinls Däniken-Adaption ERINNERUNGEN AN DIE ZUKUNFT ist wahrscheinlich der populärste von ihnen, heimste unglaublicherweise gar eine Oscar-Nominierung als bester Dokumentarfilm ein (Reinl drehte später noch den ähnlich gelagerten UND DIE BIBEL HAT DOCH RECHT, die Verfilmung eines Sachbuch-Bestsellers von Werner Keller), Rolf Olsens REISE INS JENSEITS möglicherweise der berüchtigtste.

Nach einer recht ausführlichen Exposition, die sich mit der Frage auseinandersetzt, woher das gestiegene Interesse an übersinnlichen Phänomenen kommen mag, und welchen Sinn es hat, sich mit ihnen zu befassen, und sich dabei in eine wahre Tirade über den desolaten Zustand unseres Planeten hineinsteigert, bereist Olsen mit seinen Kameraleuten u. a. Italien, Ghana, Brasilien oder die USA, um Exorzisten, Medien, Wunderheilern, Zauberern bei der Arbeit zuzuschauen und zu ergründen, was es mit deren Fähigkeiten auf sich hat. Der betriebene Aufwand ist beachtlich: Wurden andere Mondofilme überwiegend aus preisgünstig erstandenem Stock Footage und aus mit Laiendarstellern im Hobbykeller gedrehten Szenen zusammengeschraubt, ist das meiste des hier verwendeten Materials tatsächlich original, wie Olsens sichtbare Anwesenheit beweist. Und original sind auch die zahlreichen Experten aus dem wissenschaftlich höchst seriösen Bereich der Parapsychologie, die in den Credits akribisch aufgelistet werden. Die äußerste Dramatik vermittelnde Stimme des aus unzähligen Report-Filmen bekannten Sprechers ruft zwar gewisse Assoziationen hervor, doch am Anfang erweckt Olsen tatsächlich den Eindruck von, nunja, Seriosität. Die Szene bei einem Münchener Zahnarzt, der eine überaus blutige Behandlung an einer angeblich nur durch Hypnose betäubten Patientin vornimmt, haut gleich gut rein, der folgende Besuch bei einer besessenen Alpenbewohnerin, die wie aus dem Nichts einen ihrer Anfälle bekommt, verfehlt seine Wirkung ebenfalls nicht. Vorläufiges bizarres Highlight ist eine in völliger Dunkelheit abgehaltene Seance, bei der dem Medium Ektoplasma (Eierkuchen?) aus dem Schädel tropft und ein Gespenst ohne Gesicht erscheint. Auch wenn das alles sehr nach Geisterbahn aussieht: Ich war zu diesem Zeitpunkt durchaus geneigt, dem Film zu glauben oder zumindest an meinen bisherigen Überzeugungen zu zweifeln, was als Beleg für Olsens kompetente Inszenierung gelten mag. Erst im weiteren Verlauf, entpuppt sich REISE INS JENSEITS als die handelsübliche Mogelpackung, die wilde Spekulationen marktschreierisch als hieb- und stichfeste Fakten präsentiert und die dargebotenen Sensationen gar nicht mehr hinterfragt.

Da hebt ein Magier aus Ghana durch den Einfluss von Wassergeistern vom Boden ab und die Kamera kann den Verdacht, dass er von Seilen hochgezogen wird, natürlich nicht entkräften, auch wenn der Sprecher das noch so nachdrücklich behauptet. Die Fähigkeit diverser Wunderheiler, mit bloßen Händen die Bauchdecke zu durchstoßen und Operationen an den Organen vorzunehmen, ohne dass eine erkennbare Wunde zurückbliebe, gründet sich in Wahrheit auf nur mäßig überzeugende Taschenspielertricks sowie das ablenkende Gemantsche mit Kunstblut und diversen Fleischabfällen, das Gleiche gilt für den brasilianischen Zauberdoktor, der hektisch mit einem Skalpell herumschnipselt, dass das Blut nur so spritzt – wie man sehr deutlich erkennen kann aber nicht aus den Patienten heraus, sondern lediglich aus der Trickmesserklinge. Der Versuch, solchen mit bloßem Auge als fadenscheinig und durchsichtig erkannbaren Hokuspokus mithilfe von hinzugezogenen Wissenschaftlern als Ausdruck überirdischer Kräfte zu werten, muss gnadenlos nach hinten losgehen, auch wenn REISE INS JENSEITS sich dabei nicht ganz so dummdreist anstellt wie seine Kollegen. So wird zwischendurch immer wieder eher unspektakuläres und unverständliches Zeugs eingebunden, etwa ein Typ, der mit Magneten herumspielt, was dann auf der Tonspur umso praller kommentiert wird. Olsen weiß: Dass der Zuschauer nicht alles begreift, was ihm vorgesetzt wird, ist Voraussetzung für die Überzeugungskraft eines Films, der von unerklärlichen Dingen jenseits der materiellen Welt handelt.

Im letzten Beitrag wird dann schließlich eine bemitleidenswerte Frau vorgeführt, in deren Gliedmaßen sich auf unerklärliche Weise Nadeln manifestieren (man sieht auch, wie sie in einer Operation entfernt werden). Der behandelnde Arzt ist sich sicher, dass diese nicht einfach von außen eingeführt worden sein können, der Sprecher steigert sich angesichts der eigens für den Film gemachten Röntgenaufnahmen in Allmachtsfantasien: Eine nie dagewesene Sensation sei das, was man dem Zuschauer hier böte, ein unschätzbarer Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung überdies. Naja, sensationell ist wohl eher die Bereitschaft, stets den absurdesten Interpretationsversuch für den wahrscheinlichsten zu halten. Aber natürlich wissen die Filmemacher, dass sie frechen Schabernack als ultimative Wahrheit verkaufen. Die eigentliche Intention des Films, nämlich die, dem Publikum ein paar dralle Sensationen unter dem Vorwand der Aufklärung zu bieten, entbirgt sich gnadenlos in den ekligen Bildern einer Operation, bei der einer Frau eine Tasse blutbuttrigen Talgs aus einer aufgeschnittenen Furunkel am Rücken gedrückt wird oder in der Abfilmung eines heidnischen Rituals, wo es dann auch den bis dahin schmerzlich vermissten Tiersnuff gibt, Menschen mit Tierblut und Hühnerfedern übergossen werden und sich in konvulsivischen Zuckungen am Boden wälzen. Die Aufnahmen sind durchaus beeindruckend, aber eben nicht in dem Sinne, in dem der Film sie verstanden wissen will, als Einblick in übersinnliches Walten, sondern in dem Sinne, dass sie das Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz bloßlegen, zeigen, wie weit er dafür bereit ist zu gehen und dass dieses Bedürfnis dann tatsächlich manifeste Folgen nach sich zieht. Reine Psychologie. Diese Erkenntnis liefert längst nicht jeder Mondofilm.

Advertisements
Kommentare
  1. zorafeldman sagt:

    Ich gestehe, dass mich im Laufe des Films eine gewisse Empörung gepackt hat. Am Anfang empfand ich die Bilder von verhungernden Kindern und Kriegs-, Terror- und Unfalltoten, unterlegt mit der Philosophiererei über die schlechte Welt und das sichere Ende dieses Lebens als, nun ja, denkanstößig. Aber als später diese Scharlatene, die so genannten Wunderheiler, so großmäulig präsentiert wurden, da würde mir erst klar, dass dort echtes menschliches Leid auch nur aus Gründen der Semsationsheischerei gezeigt wurde. Ich hätte dann nicht mehr so ein schlechtes Gewissen, den Blick abgewendet zu haben — am Anfang fühlte ich mich schlecht, weil ich mich nicht mit der Wahrheit konfrontieren konnte; am Ende dachte ich, es war doch gut, dass ich nicht dem voyeuristischen Impuls nachgegeben habe…

    • Oliver sagt:

      Diese Hinterlist ist ja dem Genre des Mondofilms inhärent. Die SCHULMÄDCHEN-REPORTs und ihre unzähligen Nachzügler haben sich das ja auch zunutze gemacht. Klar, ist das ekelhaft, aber auf der anderen Seite auch wieder sehr spannend, wie man da manipuliert und somit mit ins Boot geholt wird, anstatt nur passiver Empfänger einer dargereichten Botschaft zu sein. Auf mindfickende Art und Weise finde ich diese Strategie da durchaus wieder ehrlich bzw. menschlich. Unser Verstehen hängt eben oft davon ab, wie uns die Dinge dargeboten werden, ob sie uns sympathisch sind oder auch bloß gut reinlaufen. Davon, was wir eben glauben oder wissen WOLLEN. (Darum geht es ja in diesem speziellen Fall.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s