crimson peak (guillermo del toro, usa/kanada 2015)

Veröffentlicht: Februar 8, 2016 in Film
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crimson-peak-mondo-poster-3„Ghosts are a metaphor for the past“, verteidigt die ambitionierte Schriftstellerin Edith Cushing (Mia Wasikowska) ihr Manuskript gegenüber dem skeptischen Verleger, der angesichts der Tatsache, dass die junge Frau ihm eine „ghost story“ andienen möchte, herablassend mit den Augen rollt. Sie solle es doch lieber mal mit einem Liebesroman versuchen, rät er ihr, aber immerhin sei ihre Handschrift sehr schön. Das nächste Manuskript werde sie mit der Maschine schreiben, erklärt die enttäuschte, aber nicht entmutigte Edith danach ihrem Vater (Jim Beaver), überzeugt, dass es ihre weibliche Handschrift war, die den Verleger von der Qualität ihres Romans abgelenkt hat.

Guillermo del Toro hat nicht, wie seine Heldin, das Problem, qua Geschlecht bestimmten Erwartungen ausgesetzt zu sein und trotzdem beherzigt er den Rat des Verlegers. Allerdings nicht, um seine wahren Interessen zu verschleiern, sondern weil beide Elemente, Geister/Erinnerung und Liebe, für ihn sowieso zusammengehören. Das Tolle an CRIMSON PEAK ist, dass del Toro gar keinen Hehl daraus macht, im Grunde genommen hoffnungslos romantisch und altmodisch zu sein. Nachdem es ihm trotz teilweise beachtlicher Leistungen und enormer Credibility unter Nerds und Genrefilm-Freunden nicht ganz gelungen ist, sich in Hollywood durchzusetzen – seit Jahren bemüht er sich, den dritten HELLBOY-Film an den Start zu bringen, vom HOBBIT-Mammutprojekt sprang er in letzter Sekunde ab und PACIFIC RIM war gewissermaßen der vorzeitige Samenerguss unter den Flops -, stellt CRIMSON PEAK eine stilistische und emotionale Rückkehr zu seinen beiden wahrscheinlich besten Filmen dar: EL ESPINAZO DEL DIABLO und EL LABERINTO DEL FAUNO, beides in erster Linie von ihrem Dekor, ihrer Stimmung und Einfühlsamkeit getragenen Filmen, für die der Begriff „Horror“ zu schrill, der Begriff „Grusel“ zu heimelig klingt.

In CRIMSON PEAK geht es um eine verhängnisvolle, tragische Liebe, eine Liebe, die alles, das sich ihr entgegenstellt, nicht nur missachtet, sondern auch umbringt und so zum eisigen Gefängnis für die Liebenden wird. Das Haus, in dem die beiden wohnen, versinkt langsam im roten Lehm, der – wie das Blut ihrer Opfer – langsam überall um sie herum aus dem Boden sprudelt, aus den Wänden und den Rohren sickert. Das erinnert natürlich an Poes „The Fall of the House of Usher“, in dem der marode Zustand eines einst stolzen Herrenhauses ein deutliches Zeichen für den moralischen Verfall und die Dekadenz seiner Bewohner ist. Auch wenn die beiden Antagonisten von CRIMSON PEAK große Schuld auf sich geladen und scheußliche Verbrechen begangen haben: Man trauert am Ende doch mit ihnen, weil sie schon in ihrer Kindheit auf einen verhängnisvollen Weg geführt wurden und nie wirklich die Chance hatten, ein normales Leben zu führen. Die schaurigen Gespenster, die als slicke, blutrote CGI-Kreaturen durch die dunklen Gänge der verwunschenen Ruine spuken, sind dagegen eher Beiwerk. Der wahre Star des Films ist eben dieses Haus, dessen spitze Türme sich wie Skelettfinger sehnsüchtig dem bleichen Himmel entgegenrecken, dessen löchriges Dach Wind und Wetter keinen Einhalt mehr gebietet, dessen verliesartiger Keller mit dem blutrot und zäh wie Lava durch den Boden dringenden Lehm wie der Eingang zur Hölle aussieht. Die Menschen bleiben – und das ist keinesfalls wertend gemeint – blass: Sowohl Mia Wasikowska als auch Tom Hiddleston und Jessica Chastain tragen eine blutarme Leichenblässe zur Schau, die einerseits mit dem zum Finale einsetzenden Schneegestöber korrespondiert, andererseits einen schönen Kontrast zum Scharlachrot bildet, das logischerweise eine wichtige Rolle im Film spielt. Wenn man del Toro vorwürfe, CRIMSON PEAK sei nicht gerade die Neuerfindung des Rades oder, noch etwas weniger nett gesagt, „konservativ“, es gäbe wenig, was sich wirklich dagegen vorbringen ließe. Ich hingegen bin sehr froh, dass sich noch jemand traut, solche Stoffe ohne Anbiederungen an zeitgenössische Trends, ohne geilen Twist, ohne Cliffhanger für ein mögliches Sequel, dafür aber mit jeder Menge spürbaren Herzbluts, viel sichtbarer Liebe zum gestalterischen Detail und größter erzählerischer Eleganz auf die große Leinwand zu bringen. Ich nehme gern mehr davon!

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