sicario (denis villeneuve, usa 2015)

Veröffentlicht: Februar 8, 2016 in Film
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sicario_posterOb sie verheiratet sei und Kinder habe, fragt der Flip-Flops tragende Unbekannte namens Matt Graver (Josh Brolin) die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) in einem Gespräch, dessen Zweck der jungen Frau zunächst unbekannt ist. Graver hängt entspannt auf dem Stuhl des Besprechungsraumes zwischen lauter offiziellen Anzugträgern, ein ostentativ selbstbewusstes Lächeln im Gesicht, das die Freude über die Unsicherheit des Gegenübers und die Überlegenheit der eigenen Position gnadenlos zur Schau stellt. Soll Macer für einen Fehler bestraft werden? Offeriert man ihr eine Beförderung? Niemand rückt mit der Sprache heraus und nachdem sie die beiden Fragen wahrheitsgemäß mit „Nein“ beantwortet hat, entlässt man sie auch schon wieder, um sich zu beraten. Wenig später bietet man ihr an, Teil einer Operation zu sein, die die Ergreifung des mexikanischen Drogenbarons Fausto Alarcon (Julio Cedillo) zum Ziel hat. Kurz zuvor war Macer bei einer Razzia in der Nähe von Phoenix auf ein Massengrab gestoßen, Opfer des Drogenkrieges und Alarcons. Nach ihrer Zusage wird ihr schnell klar, dass sie nicht an einem normalen Einsatz teilnimmt: Der folgende Flug nach El Paso geht tatsächlich über die mexikanische Grenze nach Juárez, wo unter Aufbietung einiger Schusskraft Kartellmitglied Manuel Diaz (Bernardo Saracino) entführt, in die USA gebracht und dort verhört wird. Immer mit dabei ist der mysteriöse Alejandro (Benicio del Toro), über dessen Identität sich Graver beharrlich ausschweigt. Macer muss erkennen, dass der „War on Drugs“ mit Mitteln geschlagen wird, die anderen Regeln folgen als denen, deren Einhaltung sie als Kriminalbeamtin sichern soll.

SICARIO zeigt deutlich die Handschrift Villeneuves, die man schon im meisterlichen PRISONERS oder im weniger gelungenen ENEMY kennenlernen durfte: Er erzählt ruhig, selbst die wenigen Gewaltausbrüche wirken gedämpft, seine Charaktere pflegen sparsam mit Worten umzugehen, erheben nur ganz selten ihre Stimme. Die Welt ist deutlich aus den Fugen und alle bewegen sich in ihr, als stünden sie unter Schock. Der Blick der Kamera gleitet selbst wie hypnotisiert über die ausgebrannte, bleiche Wüstenlandschaft, in der ein aussichtloser, um seines selbst Willen geführter Kampf ausgetragen wird, und der Score besteht weniger aus Musik im traditionellen Verständnis als aus einem atonalen Dröhnen, das an einen apokalyptischen Fliegeralarm gemahnt. So eindeutig identifizierbar die Form von Villeneuves Film ist, so eigen ist auch sein narrativer Stil. SICARIO erhebt die Ahnungslosigkeit seiner Protagonistin zum Strukturprinzip, folgt einem Erzählfluss, dessen innere Logik sich dem Zuschauer nur bedingt erschließt (hierin erinnert er an Johnny Tos brillanten DU ZHAN, auch ein Drogenkriegsfilm). Es ist nie vorhersehbar, was als nächstes passieren wird, dem fest entschlossenen Treiben Gravers und Alejandros folgt man mit hündischer Ergebenheit, klammert sich daran, dass sie einen Plan haben. Und wenn der sich dann schließlich offenbart, ist es für ein Umkehren bereits zu spät.

Es gab vorher schon Filme über den Kampf der US-Regierung gegen die Drogenkartelle aus Mexiko, Soderberghs TRAFFIC ist wahrscheinlich der populärste von ihnen, aber selbst Serien wie WEEDS oder BREAKING BAD kamen nicht drum herum, irgendwann einen Fuß über die Grenze zu setzen. SICARIO greift einige der typischen Motive auf, vermittelt einen Eindruck von der viehischen Brutalität, mit der die Kartelle gegen ihre Gegner vorgehen, zeichnet eine Stadt wie Juárez als Vorhof zur Hölle, in dem ein Menschenleben nichts mehr wert ist, zeigt aber auch, wie Drogenhandel und Korruption Bestandteil eines ganz normalen mexikanischen Alltags zwischen Familie und Beruf sein können. Und er wirft natürlich einen kritischen Blick auf die Involvierung der entsprechenden US-Behörden, deren mitleidloses Vorgehen nicht immer die Richtigen trifft und das den Ruch der ziellosen Symbolpolitik nie ganz ablegen kann. Auf diesen Aspekt legt SICARIO sein Hauptaugenmerk und ich würde sogar soweit gehen, dass es Villeneuve nicht in erster Linie um die Auseinandersetzung mit dem „War on Drugs“ ankam, sondern das dieser nur ein besonders konkretes Beispiel für ein Problem darstellt, das sich in Außen-, Sicherheits- und Interventionspolitik nicht nur der USA, sondern generell zeigt.

Die vorschriften- und regeltreue Macer muss sich damit abfinden, dass Fairness und Menschlichkeit im Krieg keinerlei Priorität genießen, dass die Verfassung, auf der sich ihre Nation gründet, ohne zu zögern außer Kraft gesetzt wird, sobald sie im Weg ist. Es ist die Erkenntnis, die Hunderte ausgebrannter Bullen des Copfilms bereits im kleineren Rahmen machen mussten: Man kann kein Spiel gewinnen, wenn der Gegner sich nicht an die Regeln hält, an die man selbst gebunden ist. Die Konsequenz ist nur logisch: Mit Graver und Alejandro werden zwei Soldaten für den erfolgreichen Kampf von allen Verpflichtungen entbunden, gehen mit derselben Härte und Brutalität gegen das Kartell vor, mit der dieses seine Rivalen ausschaltet. Moral, Rechtsstaatlichkeit oder gar Menschlichkeit werden bewusst außer Kraft gesetzt. Doch was bedeutet das? Ist dies wirklich der Weg zum Ziel, der Befreiung vom Verbrechen? SICARIO zeigt sehr deutlich, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Der Einsatz von Killern wie Alejandro dient der Zuspitzung des Konflikts, die nun ihrerseits wieder die Rechtfertigung liefert, nur noch härter zuzuschlagen. „Das hier ist jetzt das Land des Wolfs“, sagt Alejandro am Ende, als er seine Aufgabe getan, den Drogenzar exekutiert hat. Das Geräusch von fernen Maschinengewehrsalven zerreißt die Stille. Der Kampf hat erst begonnen.

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