the visit (m. night shyamalan, usa 2015)

Veröffentlicht: Februar 14, 2016 in Film
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the-visit M. Night Shyamalan hat in seiner vergleichsweise kurzen Regiekarriere schon ziemlich viel erlebt. Nach THE SIXTH SENSE flogen ihm die Herzen zu, danach kühlte das Verhältnis seiner Zuschauer zu ihm und seinen Filmen merklich ab, bezichtigte man ihn, ein one trick pony zu sein, das verzweifelt versuchte, seinen großen Erfolg zu duplizieren (was meines Erachtens Quatsch ist, zumindest aber ein unfairer Vorwurf). Mit LADY IN THE WATER kippte die Stimmung endgültig gegen ihn – es war wahrscheinlich wirklich keine so gute Idee, die Rolle des Künstlers, der die Lösung für alle menschlichen Probleme entdeckt hat, selbst zu spielen -, THE HAPPENING wurde mit großer Einhelligkeit und fast bösartiger Unfähigkeit missverstanden, verrissen und verlacht, und mit THE LEGEND OF AANG war dann alles aus. Der Versuch, mit AFTER EARTH und dem ebenfalls nicht sehr gut beleumundeten Vater-Sohn-Duo Will und Jaden Smith ein Comeback zu starten, war wohl von Anfang an zum Scheitern verurteilt und die Nachricht, dass sich Shyamalan für THE VISIT mit den Produzenten von PARANORMAL ACTIVITY und INSIDIOUS für einen Found-Footage-Horrorfilm zusammengetan hatte, verhieß zumindest künstlerisch nichts Gutes. Umso überraschender und erfreulicher ist das Ergebnis: Shyamalans neuestes Werk ist nicht perfekt, hat durchaus einige Probleme, belegt aber doch, dass er ein höchst eigenständiger Filmemacher ist, dessen Filme ganz gewiss einen Gewinn darstellen.

In THE VISIT besuchen zwei Geschwister, die Teenagerin Becca (Olivia DeJonge) und ihr einige Jahre jüngerer Bruder Tyler (Ed Oxenbould), zum ersten Mal die Großeltern, mit denen ihre Mutter (Kathryn Hahn) seit einem Streit vor 15 Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Becca möchte die Gelegenheit nutzen, einen Dokumentarfilm über dieses Treffen zu drehen – mit dem Hintergedanken, eine Versöhnung der beiden Streitparteien einzuleiten. Aber die Großeltern erweisen sich schon nach kurzer Zeit als reichlich sonderbar: Die Oma (Deanna Dunagan) schleicht nachts kotzend durchs Haus, wenn sie nicht auf allen Vieren durch die Gegend kriecht, und der Opa (Peter McRobbie) verfügt über eine stattliche Sammlung vollgeschissener Windeln, die er in einem Holzschuppen versteckt. Auf Nachfrage kommen immer nur Beschwichtigungen: Oma und Opa seien schon alt und krank,  da werde man eben mitunter etwas wunderlich. Doch der wahre Schock stellt sich erst noch ein …

Was überzeugt an THE VISIT ist zunächst einmal die Ballung interessanter Erzählansätze, die völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen: So geht es nicht nur um die erste Konfrontation zweier Kinder mit Alter, Krankheit und Tod, die Bewältigung familiärer Traumata und den Spalt, der die Generationen notgedrungen voneinander trennt, sondern natürlich auch um Film und die hinter diesem stehende Technik selbst. Die daraus folgende Dichte zeichnet THE VISIT aus und hält das Interesse an der Geschichte wach, die sich am Ende als weitaus weniger mytseriös entpuppt als es zunächst den Anschein hat. Als herausragend habe ich die Dialoge insbesondere der Kinder empfunden: Mittels ihrer Sprache werden sie deutlich von den Großeltern unterschieden, und auf ebenso einfache wie authentische Art und Weise der Eindruck erweckt, dass hier wahrhaftig Welten aufeinanderprallen. THE VISIT hat für mich dann auch weitaus mehr als Komödie denn als Horrorfilm funktioniert. Erschreckt, gegruselt geschweige denn verstört hat er mich rein gar nicht, dafür empfand ich ihn gerade in den entsprechenden Szenen dann doch zu vorhersehbar und in seinen Darstellungen den seit einigen Jahren etablierten und demnach bereits reichlich abgenutzten Inszenierungsmustern verhaftet. Dafür begeistert sein sehr eigenwilliger, seltsamer Humor, der sich nur schwer greifen lässt und zur eigenartigen Atmosphäre entscheidend beiträgt. An der Auflösung werden sich – fast schon gute Tradition bei Shayamalan – wieder einmal die Geister scheiden: Während ich es durchaus begrüßt habe, dass der Film nicht ins Fantastische abdriftet, ist die kontinuierliche Zuspitzung der Ereignisse bis dahin nur bedingt gelungen. Ein echtes Gefühl der Bedrohung stellt sich nie ein, dafür wird THE VISIT dann in den letzten Minuten unerwartet ruppig, ganz so, als wolle er Versäumtes nachholen.

Trotz dieser Schönheitsfehler wünscheich  es Shyamalan trotzdem, dass er weiterhin die Gelegenheit bekommt, seine Filme zu drehen. THE VISIT ist mitunter wunderbar bizarr, verschroben und abseitig, weit weg vom glattgebügelten Mainstream-Horror, der kaum noch jemanden zu überraschen vermag. Vielleicht ist er bei solchen kleineren Produktionen ohne Publicity-geile Stars viel besser aufgehoben als bei den großen Blockbustern, in denen er auf Nummer sicher gehen muss, seit LADY und THE HAPPENING längst nicht mehr die Narrenfreiheit genießt, die man ihm damals zubilligte. Dass sich Bruce Willis oder Will Smith eine vollgeschissene Altherrenwindel ins Gesicht hätten drücken lassen, darf jedenfalls stark bezweifelt werden.

EDIT: Ich habe einen Spoiler entfernt, der in den Kommentaren zur Sprache gekommen ist.

Kommentare
  1. Joe sagt:

    Bin ja bzgl der Kritik fast 100% deiner Meinung, aber die spoiler gehen gar nicht („nicht ihre Großeltern“ z.b.) Bin froh dass ich den Film gesehen hab bevor ich dein Review gelesen hab🙂

  2. lance sagt:

    Die Kinderdarsteller sind die Wucht und alleine den Konsum des Films wert. Ich denke, dass ich nicht zuviel verrate, sondern warne, dass der 14-jährige mitunter in die found-footage-Kamera, ja, rappt. Trotzdem gelingt es, ohne reflexartige Zuckungen auf die ‚Stop‘-Taste den Film ganz zu sehen. Und das ist eine große Leistung, denn 14-jährige im Jahr 2016 spielen nunmal ‚Minecraft‘ im Netz, droppen lines oder bringen ihren Eltern in einer Schürze aus verwebtem Kaffeesatz vegane Küche bei.

  3. […] Oliver Nöding verteidigt auf Remember It For Later den vielgescholtenen, ehemaligen Fan-Liebling M. Night Shyamalan. Ferner hat er bei John und Bo Dereks „Tarzan“ ziemlich gestaunt und kommentiert meinen […]

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