11 days, 11 nights (joe d’amato, italien 1987)

Veröffentlicht: Februar 16, 2016 in Film
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51qrh8blzklEtwas mehr als ein Jahr nach Adrian Lynes Skandalfilm 9 1/2 WEEKS kam mit 11 DAYS, 11 NIGHTS Joe D’Amatos Version der Geschichte um experimentierfreudigen Sex, Manipulation und Enttäuschung in die deutschen Kinos (ja, richtig gelesen, in die Kinos). Vom Vorbild unterscheidet sich der Nachzügler in der etwas kürzeren Liaison, dem Schauplatz (New Orleans statt New York), vor allem aber durch die vertauschten Vorzeichen: Bei D’Amato ist es der Mann, der zum hilflosen Spielzeug wird, während die Frau in bester Noir-Tradition die Rolle der kreativ-fantasievoll-verruchten Verführerin übernimmt. Natürlich gibt es noch weitere gravierende Differenzen: Wo sich im US-amerikanischen Erotikklassiker die übernatürlich attraktiven Kim Basinger und Mickey Rourke mit dem Becken durch perfekt eingerichtete Yuppie-Wohnungen schoben, da sind es in 11 DAYS, 11 NIGHTS zwei eher durchschnittlich attraktive Gestalten, deren Sexspielchen zudem reichlich abgeguckt und weniger perfekt umgesetzt anmuten. Man kann das durchaus als Realismus verbuchen: Der Aufstieg der Protagonisten auf den Olymp der Lust gleicht hier einem unter Keuchen absolvierten Fußmarsch auf den Kahlen Asten, auf dessen enttäuschendem Gipfel man sich ernüchtert die wund gelaufenen Plattfüße kühlt und sich in der mit Souvenir-Scheußlichkeiten vollgestellten Touristengaststätte labberige Knackwurst mit Kartoffelsalat aus dem Eimer servieren lässt.

11 DAYS, 11 NIGHTS hält sich nicht lang mit einer Exposition auf. Auf einer Fähre begegnet der absurd bebrillte Michael Terenzi (Joshua McDonald) der blonden Sarah Asproon (Jessica Moore), deren Name zwei ihrer hervorstechendsten Merkmale beinhaltet: Arsch und Dörrpflaume. Als erstes zeigt sie dem sofort hingerissenen Michael aber ungefragt ihre Brüste – und klaut ihm die Brieftasche. Als sie ihn wenig später anruft, ist das der Beginn einer wilden Affäre, die allerdings zeitlich begrenzt ist: In 12 Tagen soll Michael nämlich seine etwas dröge Verlobte Helen (Mary Sellers) ehelichen. Je wilder die Spielchen mit Sarah aber werden, umso weniger Lust hat Michael auf das nur wenig sexuelle Aufregung verheißende Leben mit der Ehefrau in spe. Was er nicht weiß: Sarah ist ein abgezocktes Biest, das die Männer in Reihe ausnutzt, um ihre Erfahrungen in einem Buch zu verarbeiten …

Als sie ihm ganz am Ende des Films ihr Geheimnis offenbart, ihm außerdem gesteht, dass er der hundertste war, mit dem sie ihr Spielchen gespielt hat, fragt er sie, warum sie ausgrechnet ihn auserkoren habe. Weil er schwach sei, so schwach, wie es in solchen Konstellationen sonst eigentlich nur Frauen seien, antwortet sie ihm. Es ist der Moment, in dem D’Amato selbst die Beziehung zu Lynes Film offenlegt und sich zu diesem ins Verhältnis setzt, als quasi-feministischer Gegenentwurf oder gar Wiedergutmachung. Wenn Michael in einer Spiegelung der entsprechenden Szene aus 9 1/2 WEEKS von Sarah auf der Toilette eines vornehmen Restaurants dazu gezwungen wird, in Frauenkleider zu schlüpfen, er wenig später sehr ungelenk auf hochhackigen Schuhen, in Seidenstrümpfen, Strapsen und einem kurzen Pailettenkleid unter den verwunderten Blicken der anwesenden Gäste hinausstolpert, möchte man 11 DAYS, 11 NIGHTS tatsächlich als die unblutige Revenge-Hälfte zur 9 1/2 WEEKS-Rape interpretieren. Aber diese Lesart geht nur bedingt auf, weil D’Amato keinen misanthropischen Designer-Sexfilm gedreht hat, sondern, wie schon mit BLUE ANGEL CAFE, ein Melodram, das den ganzen WASP-Mief der Achtzigerjahre ausdünstet, es aber nicht schafft, sich von ihm loszusagen. Michael ist im Grunde genommen ein jämmerlicher Feigling, der kurz vor der Heirat kalte Füße bekommt, aber sich seiner Angst nicht stellt, sondern vor ihr wegrennt wie ein kleiner Junge, und seine nichtsahnende Gattin einfach allein lässt, wahrscheinlich in der Hoffnung, sie werde sich in Luft auflösen. Und dann diese Frau, bei der er die Erlösung sucht: In unseren Breiten gibt es dafür den schönen Begriff „Pommeslocke“, eine etwas babyspeckig anmutende Blondine von mäßiger Attraktivität  und zweifelhaften Vorstellungen von Spaß. Gut, letzteres konnte man über Mickey Rourke natürlich auch sagen, aber seine Einfälle waren dann wenigstens wirklich kinky und diabolisch. In 11 DAYS, 11 NIGHTS besteht eines der gemeinen Spielchen Sarahs etwa darin, eine ganze Horde fieser Leute zu einem „romantischen Date“ mitzubringen, die sich wie die Tiere über das schäbige Essen vom China-Taxi hermacht und enthusiasmiert zur gruseligen Pornomucke aus dem Kasettenrekorder tanzt, bis Michael einen Anfall bekommt und sie rausschmeißt. Das ist nicht sexy, sondern einfach nur scheiße.

In seinem letzten Akt, wenn eigentlich alles erzählt ist, ergeht sich 11 DAYS, 11 NIGHTS in einer wahren Flut von Montage-Sequenzen: Fugenkunst, wie es Christoph von Eskalierende Träume nennt. Da wird New Orleans bis in den letzten Winkel und zurück erkundet, während sich der Synthie-Soul in einen emotionalen Taumel stürzt. Die längste dieser Sequenzen zeigt Michaels Gattin, die Lunte gerochen hat und ihrem mit der neuen Errungenschaft wie ein frisch Verliebter durch die Stadt bummelnden Verlobten nachstellt. Wie Helen da tränenreich und ohne jeden Selbstrespekt um die Liebe dieses Lappens kämpft, der so tut als wäre nichts, obwohl seine Hochzeit vor der Tür steht, ist geradezu schmerzhaft mitanzuschauen. Ich weiß nicht, ob D’Amato das bittere Ende nicht vielleicht doch ernst gemeint haben könnte: Nachdem Michael bemerkt hat, dass er einer Soziopathin aufgesessen ist, kehrt er am Hochzeitsmorgen zu Helen zurück, klingelt wie ein geprügelter Hund mit einem Sträußchen Blumen an ihrer Tür und bittet sie um Verzeihung. Nach kurzer Ungewissheit lächelt sie, er lächelt zurück und das Bild friert ein. Man muss schon ein hoffnungsloser Träumer und Naivling sein, um das als Happy End begreifen zu können.

 

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