all’onorevole piacciono le donne (lucio fulci, italien 1972)

Veröffentlicht: Februar 18, 2016 in Film
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138703Senator Puppis (Lando Buzzanca) ist aussichtsreicher Kandidat für die Wahl zum italienischen Staatspräsidenten, doch kurz vor dem Ziel droht ihm eine sexuelle Neurose zum Verhängnis zu werden: Puppis verspürt nämlich den unstillbaren Drang, Frauen an den Hintern zu greifen. Als Journalisten den Skandal enthüllen, wird er zunächst das Opfer einer ordinären Erpressung, doch das ist nur der Anfang. Wenig später melden sich schließlich seine Gönner und Förderer bei ihm, die erhebliches Interesse an seinem Erfolg haben, eine Wahlniederlage nicht akzeptieren können. Allen voran Kardinal Maravidi (Lionel Stander), der wiederum enge Kontakte zur Mafia in Form von Don Gesualdo (Corrado Gaipa) unterhält. Maravidi verordnet Puppis eine schnelle Therapie bei Vater Schierer, einem deutschen Mönch, der den völlig hilflosen Politiker nach wenigen Tagen als geheilt entlässt. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellt …

Lucio Fulcis drittletzter Ausflug ins Komödienfach, das einst seine Heimat war (es folgten später noch die Vampirkomödie DRACULA IN BRIANZA und LA PRETORA), zeigt sehr schön, welch subversives Potenzial das Genre eigentlich hat. Was wie eine alberne Commedia sexy all’Italiana beginnt, an burleske Die-da-oben-Polemisierungen erinnert, steigert sich im weiteren Verlauf zu einer reichlich finsteren und desillusionierten Bestandsaufnahme der politischen Situation in Fulcis Heimatland. Puppis – kongenial interpretiert von Buzzanca, der in Italien auf die Rolle des unbeholfenen Landeis abonniert war – ist eine Marionette, ein jämmerlicher Günstling von Gnaden der Kirche und des organisierten Verbrechens, als Mensch von klein auf zu jenem Puritanismus gedrillt, der heute seine peinlichen Folgen zeitigt, der fromme Maravidi ein skrupelloser Machtmensch, der auch bereit ist, über Leichen zu gehen, wenn es die Situation erfordert. Das zeigt sich sehr drastisch am Ende, als Puppi seine Entscheidung mitteilt, der Politik den Rücken zuzukehren. So leicht lassen die Mächtigen ihre Sockenpuppen nicht ziehen.

In Puppis Fetisch äußert sich nicht nur seine weinerliche Eierlosigkeit – er ist einfach nicht in der Lage, seine Triebe angemessen auszuagieren oder sich einem gleichberechtigten Partner auf Augenhöhe anzunähern -, sondern eben auch seine Unfähigkeit, sich seinen Problemen zu stellen: Er steht seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen völlig passiv und ratlos gegenüber, ohne eine Idee, wo die Wurzel seiner Probleme liegen könnte. Diese Unfähigkeit macht ihn ironischerweise zu einem idealen Präsidentschaftskandidaten, kommt es doch eh nicht auf Hellsichtigkeit und Durchsetzungsvermögen an, sondern nur darauf, als Identifikationsfigur für ddas Volk zu agieren – die echten Entscheidungen werden eh ganz woanders getroffen, in den Hinterzimmern des Klerus, der Wirtschaft und des organisierten Verbrechens. Puppi ist umso besser, je weniger eigenen Willen und eigene Meinung er hat, je mehr er sich von seiner ihm zugedachten homöopathischen Dosis „Macht“ blenden lässt.

ALL’ONOREVOLE PIACCIONE LE DONNE (etwa: „Der Abgeordnete mag die Frauen“) ist natürlich ein typisch italienischer Film und versperrt sich dem außenstehenden Betrachter in all seinen Details (und seinem Wortwitz) einem umfassenden Verständnis. Aber im Grunde genommen ist seine Gesellschaftskritik über nationale Grenzen und zeitliche Epochen hinaus verständlich. Wenn Fulci zu Beginn zeigt, wie sich die lautstark mitgehenden Passanten vor dem Schaufenster eines Elektrohändlers drängen, wo Fernsehgeräte den spannenden ersten Präsidentschaftswahlgang übertragen, ein kurzer Schwenk aber offenbart, dass die Menschen tatsächlich ein Fußballspiel im Fenster nebenan verfolgen, weiß man, das Politikverdrossenheit auch vor über 40 Jahren schon ein Thema war. Nicht nur deshalb ist ALL’ONOREVOLE PIACCIONE LE DONNE ein sehr sehenswerter Fulci, auch wenn der Mittelteil etwas durchhängt.

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