pilgrimage (john ford, usa 1933)

Veröffentlicht: Februar 19, 2016 in Film
Schlagwörter:, , ,

ruask7zHannah Jessop (Henrietta Crosman) lebt mit ihrem erwachsenen Sohn Jim (Norman Foster) allein in einem winzigen Nest in Arkansas, führt dort mit ihm ein bescheidenes Leben. Seine Beziehung zum Nachbarsmädchen Suzanne (Heather Angel) ist ihr vor allem deshalb ein Dorn im Auge, weil sie weiß, dass ihr Sohn sie bald verlassen wird. Als er ihr seine Heiratspläne verkündet, macht sie daher Nägel mit Köpfen und schreibt ihn bei der Armee ein. Der werdende Vater zieht nach Europa in den Ersten Weltkrieg und lässt dort sein Leben. Zehn Jahre später lädt die US Army die Mütter der Gefallenen zu einer Pilgerfahrt nach Europa ein, wo die Frauen die Gräber ihrer Kinder besuchen sollen. Auch die immer noch verbitterte Hannah tritt die Reise an, doch kurz vor dem Ziel überlegt sie es sich anders und setzt sich von der Gruppe ab. Erst als sie auf den Straßen von Paris den jungen Gary (Maurice Murphy) trifft, einen Mann in Jimmys Alter, der ebenfalls darüber nachdenkt, seine Geliebte zu heiraten, gelingt es ihr, über ihren Schatten zu springen und sich ihrer Schuld zu stellen …

Laut der deutschen Wikipedia-Definition ist eine Pilgerfahrt (= pilgrimage) eine Reise, die unternommen wird, um ein „religiöses Gebot oder ein Gelübde“ zu erfüllen. Besser trifft den Kern von Fords Film jedoch die englischsprachige Erklärung, nach der „a pilgrimage is a journey or search of moral or spiritual significance“: Als Hannah ihre Reise antritt, weiß sie noch gar nicht genau, was sie sich von ihr versprechen soll. Da ist nur das etwas diffuse Gefühl, nach all den Jahren etwas unternehmen zu müssen, die Hoffnung, der Besuch des Grabes ihres Sohne möge etwas in ihr verändern. Doch die Reise allein, das spürt sie bald, wird nicht die gewünschte Erkenntnis oder Erlösung bringen: zu normiert ist die ganze Veranstaltung, zu sehr spürt sie in der Haltung zu ihrem Sohn eine Differenz zu all den anderen Müttern, mit denen sie ihre Zeit verbringen muss. Der Besuch eines Grabes ist lediglich eine leere Geste, solange sie in ihrem Innersten immer noch diese Wut auf ihn verspürt. Sie muss einen anderen, vor allem ihren eigenen Weg gehen, um ihr Trauma bewältigen zu können.

PILGRIMAGE bietet eine Art verzerrter Spiegelung der Konstellation aus Fords FOUR SONS (dessen Settings für PILGRIMAGE zum Teil wiederverwendet wurden): Auch dort verlor eine Mutter drei ihrer vier Söhne auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Der Unterschied zwischen beiden Filmen besteht nicht nur in der Nationalität der Protagonisten (hier Amerikanisch, da Deutsch), sondern vor allem in der Charakterisierung der Mutter und der sich dadurch komplett verändernden Dramaturgie. Der Zuschauer ist in PILGRIMAGE dazu gezwungen, sich mit einer in ihrer Boshaftigkeit fast schon schurkischen Protagonistin zu identifizieren, deren Motivation kaum akzeptabel ist. Der aus Eigennutz erfolgende Verrat an ihrem eigenen Fleisch und Blut – lieber nimmt sie den Tod ihres Sohnes in Kauf, als ihn an eine andere Frau zu verlieren – überschreitet ein nicht zur Disposition stehendes Tabu: Eltern müssen zum einen die Unversehrtheit ihrer Kinder gewährleisten, sie zum anderen irgendwann ziehen lassen. Hannah verletzt ihre mütterlichen Pflichten, beutet das Vertrauensverhältnis zu ihrem Sohn aus und bricht damit ein unausgesprochenes Gelübde. Mit Jimmy stirbt aber eben auch die einzige Person, die ihr jemals wirklich verzeihen könnte. Hannah muss mit ihrer Schuld leben.

Es gibt wenig, was in PILGRIMAGE vom Konflikt der Hauptfigur ablenken würde, und wenn Ford im Mittelteil, der zeigt, wie die so unterschiedlichen Mütter miteinander und der ungewohnten Situation, auf einem Dampfer über den Ozean zu fahren, umgehen, komödiantische Elemente einstreut, wird man als Zuschauer mehr als nur ein wenig nervös. Es steht dieser Hannah nicht zu, zu lachen, sich zu amüsieren, man fühlt, dass sie sich dieses Recht erst verdienen muss. Erst der Bruch, den sie selbst vollzieht, führt sie ironischerweise wieder auf den Weg zum Ziel zurück, erst dann wird aus ihrer Reise tatsächlich die titelgebende Wallfahrt. Das Finale, das sie zunächst am Grab Jimmys zeigt, wo sie das mittlerweile verkümmerte Sträußchen ablegt, dass Suzanne ihr mit auf den Weg gegeben hatte, dann schließlich in Tränen um Vergebung flehend zusammenbricht, anschließend, wieder zurück in der Heimat, bei Suzanne und ihrem Enkel, denen sie Ehemann und Vater weggenommen hatte, ist absolut herzzerreißend, Momente unbeschreiblicher Emotionen – und einer immensen Befreiung – für Hannah wie auch für den Zuschauer. Ich weiß nicht, ob mich jemals ein Regisseur so dermaßen zum Heulen gebracht hat wie Ford.

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s