the apple (menahem golan, usa/deutschland 1980)

Veröffentlicht: Februar 21, 2016 in Film
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theappleGood things come to those who wait: Das vom von mir so verehrten Cannon-Mogul Menahem Golan inszenierte und von Atze Brauner mitproduzierte, sagenumwobene Musical THE APPLE befand sich zwar schon seit einigen Jahren in meinem Besitz, die Sichtung hatte ich aber ohne besondere Gründe immer wieder aufgeschoben. Ein Glück, denn so konnte ich meine Entjungferung mit diesem Wahnsinnsteil an diesem seligen Wochenende angemessen feiern: in einem altehrwürdigen Kino auf schön großer Leinwand, umgeben von lieben und begeisterungsfähigen Menschen, in einer zwar nur spanischen, aber dafür farblich keinerlei Wünsche offen lassenden 35-mm-Kopie.

THE APPLE wird auf all diesen schrecklichen Nerd-Filmwebsites, die sich vordergründig als aufgeschlossen, humorvoll und Anti-Mainstream präsentieren, sich dann aber doch immer wieder als ätzend dogmatisch und engstirnig erweisen, als – Megagähn – einer der schlechtesten Filme aller Zeiten bezeichnet. Das ist natürlich für jeden, der sich übers bloße Geil- oder eben Bescheuertfinden hinaus mit Film befasst, darüber hinaus vielleicht sogar schon einmal ein Musical und einen wirklich schlechten Film gesehen hat, sofort als kompletter Blödsinn zu enttarnen, ist aber – da ja kaum jemand THE APPLE kennt – gleichzeitig auch ein sicherer Weg, sich selbst als Oberchecker zu inszenieren- zumal auch die Profikritiker damals ins selbe Horn gestoßen hatten. Ist eben viel leichter, etwas auszulachen und runterzumachen, was man nicht versteht, als sich wirklich damit zu befassen und sich zu öffnen. Golan wusste natürlich genau, was er tat, und verballerte für dieses Herzensprojekt einen Riesenbatzen Kohle, was man THE APPLE auch zu jeder Sekunde ansieht: Wer der Meinung ist, dieses Musical sei „billig“, bloß weil der finale Spezialeffekt nicht so hundertpozentig gelungen ist, wer den immensen Aufwand, der hier betrieben wurde, und die handwerkliche Geschliffenheit nicht sieht, ist, sorry, ein Idiot. Was einen Uneingeweihten oder Unvorbereiteten sicherlich auf dem falschen Fuß erwischen kann, ist Golans unverstellter Offensivgeist. Der Mann war offenkundig nicht in der Lage, nüchtern, sachlich oder mit gedrosseltem Tempo zu inszenieren: Er gibt zu jeder Sekunde alles und davon dann noch besonders viel. Aber ehrlich: Das ist für ein Musical, das einen dystopischen Zukunftsstaat zeichnet, in dem ein diabolischer Musikproduzent namens Mr. Boogaloo (Vladek Sheybal) mittels seiner Musik die Macht ergriffen hat, ein braves Singer-Songwriterpärchen namens Bibi und Alphie (Catherine Mary Stewart und George Gilmour) von ihm auseinandergerissen wird und wieder zusammenfindet und schließlich der liebe Gott (Joss Ackland) mit seiner Limousine auf die Erde herabfährt, um die widerständigen Blumenkinder mit in den Himmel zu nehmen, doch der einzig denkbare Modus.

THE APPLE ist bunt, grell, übersteuert, campy und ultrakitschig, aber durchaus mit Humor inszeniert. Sicher, diese Dystopie ist in der Art und Weise, wie sie gezeichnet wird, reichlich naiv (was am wahren Kern nichts ändert), genauso wie Golans utopischer Gegenentwurf, eine Kommune friedlich und einträchtig herumsitzender Blumenkinder, im Jahr 1980 mehr als nur etwas überkommen wirkt (ebenfalls eines seiner Trademarks). Aber von einem Musical über die Kraft der Liebe und der Musik erwarte ich auch nicht unbedingt messerscharfe Analysen zur Gesellschaftspolitik, sondern in erster Linie knallige Bilder, schillernde Kostüme und bunte Lichter, knackige Songs, gutaussehende Helden und böse Schurken. In dieser Hinsicht landet THE APPLE weit im Plus: Der Film versetzt einen in einen wahren Rauschzustand und das einzige, das ich an ihm bemängeln würde, ist die Tatsache, dass er mit 90 Minuten für das, was er erzählen will, eigentlich zu kurz ist. Da wäre sicherlich noch mehr Raum gewesen, Bibis Aufstieg zum BIM-Star Nummer 1 zu zeigen, demgegenüber Alphie noch tiefer in die Gosse zu schicken. Golan packt so viel in seine 90 Minuten, dass gerade die Charaktermotivationen etwas leiden, aber das immense Tempo unterstreicht ja nur die koksgeschwängerte Atmosphäre des Ganzen. Für Eighties-Aficionados ist THE APPLE dann auch obligatorischer Stoff: Sehr viel greller und poppiger ist Kino auch in den zehn folgenden Jahren nicht mehr geworden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Golans Film damals auf so unfruchtbaren Boden fiel, mit der Bezeichnung „Flop“ fast noch zu gut wegkommt: Er war seiner Zeit schon irgendwie voraus. Das sehen wir heute, wo uns die Idee von Wirtschaftsunternehmen, die ihre Kunden zwecks politischem Machterwerb quasiabhängig machen, längst nicht mehr so fremd vorkommt wie noch vor 35 Jahren. Golan selbst begab sich mit der Cannon ja selbst auf die Spuren von BIM: Seiner Idee zufolge sollten über die ganze Welt verteilte Cannon-Kinos nichts anderes als Cannonfilme zeigen. War es am Ende vielleicht gar göttliche Intervention, dass daraus nichts wurde?

 

Kommentare
  1. Werner Petrell sagt:

    Auch hier stimmt jedes Wort. Bravo!

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