homies (adnan köse, deutschland 2010)

Veröffentlicht: Februar 22, 2016 in Film
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homies_plakat_a3„It’s not where you’re from, it’s where you’re at“: Es ist kein Wunder, dass sich Jimi Blue Ochsenknecht diesen Aphorismus des Hip-Hop-Weisen Rakim auf die Fahnen geschrieben und ihm mit HOMIES gleich einen ganzen Film gewidmet hat. Jemand, der immer im Schatten des Papas stand, dessen limitiertes, dafür aber in Film und Musik geworfenes „Talent“ immer die Frage aufwarf, ob er seine weit überproportionale mediale Präsenz nicht nur dem allmächtigen Vitamin B verdankt, legt natürlich besonders gesteigerten Wert darauf, festzuhalten, dass es darauf ankommt, wer man ist, nicht woher man kommt. Vor allem dann, wenn er auch noch mit einer Karriere als Rapper liebäugelt, bei der die Street Credibility oder zumindest die glaubwürdige Suggestion derselben eine solch wichtige Rolle spielt. HOMIES soll wohl sowas sein wie Jimi Blue Ochsenknechts 8 MILE oder Stallones ROCKY, landet aber dank kollektiven Unvermögens eher in der Nähe von René Wellers MACHO MAN, der ähnlich selbstentlarvend war – dabei aber allerdings um einiges lustiger und natürlich von vornherein in seinem Wirkungsgradius auf die Nürnberger Asis begrenzt. HOMIES hingegen ist geförderte, glattgebügelte, ideologisch verrottete Mainstream-Verkommenheit, es regieren die Schmerzen: Man spürt während der Sichtung förmlich, wie die einzelnen Gehirnzellen qualvoll schreiend in den Freitod gehen. Jede einzelne Szene ist ein Offenbarungseid, jeder Dialog eine Beleidigung der deutschen Sprache und Ausweis der Kommunikationsunfähigkeit und Weltfremdheit der Autoren, jeder dramaturgische Wendepunkt des Films wird mit größtmöglicher Grobschlächtigkeit eingeleitet, jedes noch so verbrauchte Klischee zur höchsten Erkenntnis erhoben. Und dann kommt oben drauf auch noch diese Musik, die mit Hip-Hop in Verbindung zu bringen eigentlich eine Beleidigung darstellt. Wer jemals ein vage ungutes Gefühl dabei hatte, wenn sich weiße Deutsche eine genuin afroamerikanische Kunstform und die dazugehörigen Ghetto-Manierismen aneigneten, dem liefert dieser Film durchschlagende Munition. Aber der Reihe nach.

Jimi Blue Ochsenknecht ist Marvin, Sohn einer erfolgreichen Immobilienmaklerin (Ann-Kathrin Kramer), die sich nichts mehr wünscht, als dass ihr Sohn in ihre Fußstapfen tritt, zumal sie einen zuverlässigen Assistenten benötigt, wenn sie selbst mal wieder auf eine ihrer Geschäftsreisen geht. Doch Marvin will lieber Rapper werden und hat gar keinen Bock, reichen Leuten protzige Villen vorzuführen, schon gar nicht, wenn er dafür Jackett und Krawatte zu Baggy Pants und Baseball-Cap tragen muss und noch vor der Abfahrt in Muttis Bonzenschleuder von den Pullunder tragenden Nachbarsschnöseln für seine Armutsliebäugelei (zu Recht) verhöhnt wird. Der ob dieses untragbaren Leids stets mit einem Schmollgesicht herumlaufende Jammerlappen bekommt dann Besuch vom Geist seines großen Idols, dem 1988 in der Bronx erschossenen Rapper D.W. Court (Günther Kaufmann, dem es wie durch ein Wunder gelingt, diesen Film als einziger mit intakter Würde zu verlassen), der ihm nicht nur einige unbezahlbare Weisheiten – sei du selbst, kämpfe für deine Träume, putz dir immer die Zähne, guck beim Überqueren der Straße erst nach links, dann nach rechts, dann noch einmal nach links, wasch dir jeden Abend die Ohren und die Füße – sondern gleich auch noch ein paar arschtighte Rhymes mit auf den Weg gibt – oder wenigstens das, was der Film dafür hält. Als Marvin nach dem Ende seiner Vision wieder aufwacht, latscht er dem rappenden Pizzabudenbesitzer und Crash-Party-Veranstalter Osman (Ismail Deniz) vor die Karre und wird von ihm und seinen Homies mit in dessen superstylisches Etablissement genommen, wo er sich als geiler Rapper mit echter Street Cred erweist – die natürlich erstunken und erlogen ist.

HOMIES nimmt im weiteren Verlauf alles mit, was Geschichten dieser Art üblicherweise so auffahren, allerdings in vielfach verblödeter Form. So arbeitet in der Pizzeria von Osman auch die blonde Stella (Sabrina Wilstermann), die immer so traurig guckt wie ein dreibeiniger Hund, in der Tanzschule beim kopfsockentragenden Tanzlehrer Detlef D! Soost dafür trainiert, in die „Stage School“ aufgenommen zu werden, aber das rechte Engagement vermissen lässt und sich deshalb die typischen Popstars-Sprüche von einmaligen Chancen und Disziplin anhören muss sowie, dass sie nicht die Zeit ihres Lehrers verschwenden soll. Osman steht auf sie, aber natürlich verguckt sie sich in hühnerbrüstigen Marvin, was dessen beginnende Rivalität mit dem Pizzabuden-Impresario auf die nächste Stufe hebt. Irgendwann findet Osman heraus, dass Marvin gar nicht von der Straße kommt, stattdessen bei der Mama in einer Villa  wohnt, also mitnichten „real“, sondern vielmehr „fake“ ist, und stellt den angehenden deutschen Tupac vor Stella und der ganzen Posse bloß. Bei einem von Marvin organisierten Rap Contest kommt es schließlich zum finalen Battle, bei dem dann auch Marvins Mama aufkreuzt und unter Tränen erkennt, dass ihr Sohn ein mit übermenschlichem Talent ausgestatteter Ghettopoet ist. Das muss auch Osman neidlos anerkennen und als Stella dann dank Marvins Einsatzes auch noch die Aufnahmeprüfung zu Stage School schafft, darf HOMIES sich schlafen legen, wissend, dass wirklich alle Probleme gelöst und den Kids da draußen eine wichtige Moral mit auf den Weg gegeben wurde: Wenn du ein Ochsenknecht bist, dann werden damit automatisch auch nicht vorhandene Rapskillz zur Jahrhundertbegabung transzendiert, vorausgesetzt natürlich, DU WILLST ES!

HOMIES ist so ein Film, in dem wirklich jede Szene eine Funktion hat und seinen beeinflussbaren Zuschauern eine in griffige Merksprüche verpackte Lebensweisheit mit auf den Weg gibt. Wenn man sich das so anschaut, erscheint die These geradezu verlockend, dass es sich die Autoren (ja, dieser Mist benötigte tatsächlich zwei) zum Ziel gesetzt hatten, alles so plakativ und holzhammermäßig wie möglich zu machen. Da gibt es zum Beispiel Stellas dunkelhaarige Freundin Lili (Selina Shirin Müller), die auch in Osmans Pizzeria arbeitet, aber so der Typ stilles, schüchtern-unscheinbares Mäuschen ist. In einer Szene nehmen ihr die Kollegen die Brille weg, werfen sie sich gegenseitig zu und hänseln sie als „Brillenschlange“, bis Marvin eingreift. HOMIES hebt dann ganz kurz zu einem „Wahre Schönheit kommt von innen“-Subplot an, weil der bis dahin noch gefehlt hatte, und versteigt sich tatsächlich dazu, festzustellen, wie hübsch Lili ist, wenn sie denn nicht ihre doofe Brille trägt. Ich darf mich ja nun seit über 20 Jahren nicht mehr zur Jugend zählen, ich habe keine Ahnung, was die jungen Menschen heute so umtreibt und Köses Film ist natürlich nicht für einen alten Knacker wie mich gedreht. Dass er aber mit einem gigantischen IMDb-Rating von 1,8 Punkten dasteht, lässt mich vermuten, dass sich auch die Zielgruppe nicht repräsentiert sah. HOMIES zeichnet ein nahezu klinisches Bild vom Leben und selbst die Probleme sind blitzsauber. Im ganzen Film wird weder eine Zigarette geschweige denn ein Joint geraucht und natürlich auch kein Alkohol getrunken, auch bei den wilden Crash-Partys von Osman nicht. Dafür denken die Kids ständig über ihr Leben und ihre Zukunft nach: Stella kann sich nicht aufs Tanzen konzentrieren, weil sie mit dem Kopf ständig bei ihrem Kellnerinnen-Job in der Pizzeria ist. Capitalism unleashed. Darüber hinaus wird ständig vom „Viertel“ geredet, in dem die Kids die Härten der „Straße“ zu spüren bekommen und sich „Respekt“ erkämpfen müssen, aber das Setting erinnert in seiner hermetischen Abgeschlossen- und sterilen Kulissenhaftigkeit eher an die Sesamstraße. Städtisches Leben gibt es gar nicht zu sehen, die einzigen anderen Schauplätze sind die Villa von Marvin, ein Feldweg, die Tanzschule und eine Lagerhalle, in der der Rap Contest mit den heißesten Talenten aus dem Viertel abgehalten wird. Zumindest wird das behauptet, aber es treten dann doch bloß Osman und Marvin auf, obwohl letzterer ja ganz woanders herkommt.

Es klingt jetzt bestimmt furchtbar vergreist, aber HOMIES zeigt eindrucksvoll, wie gut es den meisten Jugendlichen in unseren Breiten geht. Da müssen dann eben Probleme förmlich herbeikonstruiert und lächerliche Neurosen auf Überlebensgröße aufgeblasen werden, damit einem der eigene Wohlstand kein schlechtes Gewissen macht. Die Organisation des Wettbewerbs wird via Dialog zum herkulischen Akt hochstilisiert, doch dann ist der Quatsch innerhalb von einer Szene erledigt und alles, was von harter Arbeit zeugt, ist ein akkurat platzierter Schmutzflatschen auf Jimi Blues Backe. (Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er der Bravo ins Mikro diktierte, wie lang er dafür in der Maske sitzen musste.) Die ganze Sequenz wird dann auch noch als Videoclip umgesetzt, in dem Jimi Blue davon „rappt“, dass man niemals aufgeben darf und seinen Traum leben muss, während um ihn herum Mädels in blauen Overalls eine Detlef-D!-Soost-Choreo tanzen. Das ist alles so falsch, dass man die verquere Wahrnehmung, die hinter diesem Unfug steckt, fast schon wieder bewundern müsste, wenn es nicht körperliche Pein verursachte. Alles aus ist dann im Finale, wenn die beiden Rivalen ihre hochnotpeinlichen „Tracks“ zum Besten geben und dafür frenetische Jubelstürme ernten, der ausgestoßene Marvin auf die Bühne tritt und einen weinerlichen Rap-Vortrag darüber hält, dass doch alle gleich seien. Das ist für jemanden, der im Notfall immer noch den Papa um ein zinsfreies Darlehen bitten kann, natürlich leicht zu sagen, aber im Film ist es die Message, die alle vereint, und auch der Mama die Tränen der Rührung und des Stolzes in die Augen treibt.

Viel wurde in den letzten Tagen wieder über den Zustand des deutschen Films geredet, dabei oft gehörte Allgemeinplätze ausgetauscht, aber auch manches Wahre gesagt. Ich habe einen Eindruck, der aber zu unzureichend ist, um auf seiner Grundlage eine tragfähige Meinung bilden zu können. Der deutsche Film ist ja nur ein Konstrukt, es gibt  viele, viele Vertreter, von denen nach Gauss’scher Normalverteilung viele, viele mittelmäßig sind und deutlich weniger richtig mies oder richtig gut. Vielleicht ist die Kurve in Deutschland etwas flacher als in anderen Kinonationen. Eins kann ich dann aber doch sagen: HOMIES wurde vom Staat bezuschusst, verbrannte Geld, mit dem man wahrscheinlich mehrere andere, deutlich bessere Filme hätte finanzieren können, von Filmemachern, die wirklich etwas zu sagen gehabt hätten sowie eine Vorstellung davon, was das überhaupt ist, Film. Aber gut, Teenies wollen auch mal ins Kino und genießen das erhaltenswerte Privileg, einen miesen Geschmack haben zu dürfen. Das gilt allerdings für Jugendliche auf der ganzen Welt, denen dann trotzdem nicht so ein durch und durch unterirdischer Rotz vorgesetzt wird, wie diese Nabelschau eines Nulltalents. HOMIES kann man derzeit für lau auf Amazon Prime schauen. Wer seine regelmäßige Dosis Vollschrott braucht, riskiert hier den goldenen Schuss. Alkohol sollte zur Schmerzstillung in ausreichender Menge griffbereit stehen, seelischer Beistand ist anzuraten.

 

Kommentare
  1. Werner Petrell sagt:

    Es stimmt alles. Jedes Wort.

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