anthropophagus (joe d’amato, italien 1980)

Veröffentlicht: Februar 24, 2016 in Film
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718maneatertitel71g28ANTHROPOPHAGUS dürfte wohl zu den berüchtigtsten Filmen überhaupt gehören. In Deutschland wurde er bundesweit beschlagnahmt und nahm eine besonders prominente Rolle in der Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre heißlaufenden Debatte um Horror- und Gewaltvideos ein, aber auch in Großbritannien wurde er mit dem Siegel des „Video Nasties“ gebrandmarkt. Joe D’Amato hatte, was Grenzüberschreitungen und Verletzungen des guten Geschmacks betraf, schon ein Jahr zuvor mit BUIO OMEGA ganze Arbeit geleistet, wusste genau, was man dem Publikum auftischen konnte bzw. musste, um ihm den gewünschten Aufreger zu liefern und vom folgenden Skandal zu profitieren. Das Marketing des deutschen Verleihs leistete ebenfalls ganze Arbeit, prophezeite dem Zuschauer eine unvergessliche Erfahrung, warnte Herzkranke, Kreislaufschwache, Magenkranke, Schwangere, an Schlaflosigkeit Leidende und natürlich Jugendliche unter 18 Jahren vor dem Besuch des Films und lästerte nebenbei gegen die Zombies von der Konkurrenz („Verglichen mit diesem Monster sind Zombies liebliche Geschöpfe“). Wie viele Zuschauer sich damals tatsächlich im Kino einfanden, lässt sich auf die Schnelle leider nicht mehr eruieren (einschläge Websites listen ihn nicht unter den Top 50 seines Kinojahrgangs, was bedeutet, dass er weniger als 500.000 Zuschauer erreichte), aber er wird bei seiner Verwertung auf Video reichlich Geld eingespielt und D’Amato bis zu seinem Lebensende 1999 einen schönen Ruhestand beschert haben. Noch heute ist ANTHROPOPHAGUS ein sicherer Kandidat, wenn es um neue Heimkinoveröffentlichung und Sammlereditionen geht. In Großbritannien wurde er erst 2015 ohne weitere Beanstandungen freigegeben.

Dabei ist er, das bestätigt eine erneute Sichtung, heute bezüglich Schockpotenzial längst überholt worden, humpelt den modernen Skandalfilmen reichlich fußlahm und meilenweit abgeschlagen hinterher. Gorebauern der zweiten oder dritten Generation dürfte ANTHROPOPHAGUS kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen, wahrscheinlich verwenden sie ihn als beruhigende Einschlafhilfe. Die zärtlichen Worte, die Hahn/Jansen damals in ihrem „Lexikon des Horrorfilms“ für ihn fanden und die mich damals so anspitzten, sind aus heutiger Sicht jedenfalls kaum noch mit ihm in Einklang zu bringen: „Joe D’Amatos widerwärtige, sich genüßlich im Blute suhlende Schlächter-Orgie ist tatsächlich eine dermaßen perfide Attacke auf Magen und Geist, dass es einem schwerfällt, seiner Empörung Ausdruck zu verleihen, ohne in Gossenjargon zu verfallen: Spätestens mit diesem Machwerk ist das Horror-Genre zu einem Spielplatz derjenigen verkommen, die mit starrem Blick aufs Geld nur noch zur Befriedigung der atavistischen Triebe moderner Neandertaler produzieren. Womit man den echten Neandertalern mit Sicherheit noch schweres Unrecht zufügt.“ Es dauert allein eine Dreiviertelstunde, bis der titelgebende Menschenfresser zum ersten Mal zu sehen ist, die wenigen blutigen Szenen waren schon damals eher fadenscheinig und sind zudem so sparsam über den Film verteilt, dass obige Kritik viel eher auf mangelnde Medienkompetenz und Wahrnehmungsstörungen der Betrachter schließen lässt. OK, die Eastman’sche Abtreibung ist superspekulativ und nicht gerade geschmackssicher, aber so durchsichtig inszeniert, dass es eigentlich eher komisch wirkt.

Schaut man sich ANTHROPOPHAGUS mit objektiver Distanz an, fällt doch vor allem auf, wie ruhig und geduldig D’AMATO seine Geschichte aufbaut, dass es ihm weniger um ein Schlachtfest ging, als vielmehr darum, eine niederdrückende Atmosphäre der Traurigkeit, des Todes und der Ausweglosigkeit zu schaffen. Die Farben wirken ausgebleicht, das diesige Wetter lässt eher auf Herbst schließen, als dass es Lust auf den Sommerurlaub weckte, viel Zeit wird darauf verwendet, den ausgestorbenen Ort und die leerstehenden Häuser zu besichtigen, die Spannung ganz langsam auf die Spitze zu treiben. Doch auch, wenn der Menschenfresser dann endlich seine Aufwartung gemacht hat, verfällt ANTHROPOPHAGUS nicht in schrilles Geschrei und blutspritzende Hektik, vielmehr behält er diese gedämpfte, somnambule Stimmung bis zum Ende bei. Großen Anteil daran hat George Eastman als Titelkreatur, der seine Rolle vollkommen stumm absolviert, sich ganz auf seine imposante Statur, den durchdringenden Blick und eben auf die Vorarbeit verlassen kann, die D’Amato geleistet hat. Wenn er dem Final Girl (Tisa Farrow) im Brunnenschacht geradezu aufreizend langsam hinterherklettert, sein Kopf irgendwann am oberen Rand erscheint, jagt einem die unspektakulär-banale Darstellung allein einen Schauer über den Rücken. ANTHROPOHAGUS mag der betörende Glanz großer Regiezauberei abgehen, aber D’Amato ist sehr geschickt in der Wahl seiner Mittel zur Erzeugung jener albtraumhaften Ausweglosigkeit, die seinen Schocker vor allen anderen Dingen auszeichnet. Schön.

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