l’exécutrize (michel caputo, frankreich 1986)

Veröffentlicht: Februar 28, 2016 in Film
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l_executriceDas nebenstehende Poster ist pure Verheißung: Die zauberhafte Brigitte Lahaie als weiblicher Belmondo, mit gezückter Waffe und nacktem Oberkörper unter geöffnetem Lederblouson, über und unter ihr Fotos vom neonbeleuchteten Pariser Nachtleben, für das sie sich mit Make-up, Kette und platinblonder Salonfrisur fertig gemacht hat. Der martialisch-militärisch wirkende Titel-Font mit den integrierten Fadenkreuzen bildet einen reizvollen Kontrast zum pornösen Gesamtlayout mit dem im Magazinstil zuoberst platzierten Namen der Darstellerin, einem weißen Rahmen und dem Namen des Regisseurs in der Verlängerung des Pistolenlaufs. Eine kurze Recherche bestätigt den sich audrängenden Verdacht: Michel Caputo war seit Mitte der Siebzigerjahre in der Pornobranche tätig, vor allem unter den Namen „Michel Baudricourt“ und „Michel Anthony“, inszenierte mitunter bis zu 13 Filme pro Jahr und begann seine spärlichen Ausflüge ins Unterhaltungskino erst in den frühen Achtzigern: Auf sein Konto geht neben L’EXÉCUTRIZE auch die Militärklamotte LES PLANQUÉS DU RÉGIMENT (deutscher Titel: DIE PFLAUMEN VON DER SIEBTEN KOMPANIE). Nur ein Jahr nach dem Polizeifilm mit der schönen Brigitte war dann seltsamerweise Schluss mit der Regiekarriere, zumindest, wenn man der IMDb vertraut.

Der ganz große Knaller ist meine Entdeckung leider nicht geworden, aber französischer Eighties-Sleaze mit Brigitte Lahaie kann natürlich auch nicht ganz schlecht sein. Die kühle Blonde spielt die Kriminalbeamtin Martine, die dem Pornoring der strengen Madame Wenders (Dominique Erlanger) auf die Schliche kommt. Als sie die Dame wegen eines geringfügigen Vergehens kurzzeitig aus dem Verkehr zieht, sinnt diese auf Rache und entführt Martines jüngere Schwester Joelle (Dominique LeMonnier). Mit dem ausgebrannten Cop Valmont (Pierre Oudrey) begibt sich Martine auf die Jagd, in der Hoffnung, Joelle retten zu können. – Mit diesen billig gefertigten, meist schäbig und schmuddelig anmutenden Actionfilmen, wie es sie leider seit gut 30 Jahren nicht mehr gibt, ist das so eine Sache: Auf der einen Seite muten sie durch fehlende Schmiere und Politur meist oberflächlich authentischer an, auf der anderen büßen sie diesen „Vorsprung“ meist durch Mängel an anderer Stelle wieder ein, entblößen gnadenlos das sonst gut getarnt im Hintergrund laufende Räderwerk des Genrewerks. L’EXÉCUTRIZE weiß mit schlammigen Bildern ruraler Herbsttristesse und städtischen Verfalls zu begeistern, sammelt – logisch bei der Herkunft des Regisseurs – Pluspunkte, wann immer er einen Blick auf das schmutzige Geschäft seiner Antagonistin wirft. Da werden unwillige Frauen mit schiefen Zähnen in gammligen Hinterzimmern vor der auf einem Stativ montierten Videokamera malträtiert, die zum Nullbudget für alle noch so niederträchtigen Gelüste runtergekurbelten Videos zu Dutzenden in Pappkartons verpackt, nennt sich ein besonders verkommenes Etablissement großspurig „Kaiserliche Pagode“, entpuppt sich aber als trauriges Lagerhaus, in dem entführte Mädchen in Dessous vor zahlungskräftiger Kundschaft auflaufen. Auf der anderen Seite des Gesetzes wird der Pariser Dirty Harry Valmont heftig entzaubert, wenn er einen am Boden liegenden, schon schwer verwundeten Kriminellen mitleidlos auf den Bauch dreht und ihm auch noch in den Hinterkopf ballert. An anderer Stelle funktioniert die Beschränktheit der Mittel wie gesagt weniger gut: Die Befreiungsaktion der Schwester findet in einer riesigen Sandgrube statt, dem Standardschauplatz des europäischen Exploitationfilms, die arme Joelle wird in einer winzigen Bretterbude gefangen gehalten, die in der großen, dramatischen Spannungsszene wenig spektakulär mit einem verhaltenen „Puff!“ in die Luft fliegt. Es knarzt und kracht gewaltig im Getriebe dieses Actioners, aber das ist ja auch das Geile an diesen Filmen: Sie sind roh, sie sind schmuddelig und alles, was in Hollywoodfilmen groß ist und verlockend glänzt, ist hier abstoßend und jämmerlich. Bis auf die Lahaie natürlich.

Wahrscheinlich wäre L’EXÉCUTRIZE gern so wie die Konkurrenz aus Übersee, das merkt man ihm in seiner Plotkonstruktion an, die mit Authentizität nur wenig im Sinn hat, dafür aber umso mehr mit dem Bedürfnis, den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle zu schicken, was nicht so ganz gelingen mag. Die Figuren sind zu schematisch, die Darsteller nicht versiert genug, um sie in ihrer Klischeehaftigkeit zum Leben zu erwecken. Die große Offenbarung am Ende ist unglaubwürdig, die Affektsteuerung funktioniert nicht: Der Wandel von Lahaies Martine von der linientreuen, engagierten Polizistin zur persönlich involvierten Rächerin wird nicht wirklich fühlbar, wächst nie übers Drehbuchklischee hinaus. Man muss schon mitgehen wollen, damit sich die Wirkung einstellt. Aber letzten Endes habe ich von diesem Film auch keine Revolution des Polizeifilms erwartet. Und Brigitte Lahaie ist toll, bringt durchaus etwas Eigenes mit, eine entwaffnende Verletzlichkeit, Ehrlichkeit und, ja, Menschlichkeit, die den Film von vergleichbaren Werken abhebt und viele seiner sonstigen Defizite aufwiegt. Was mir am meisten gefehlt hat, ist mehr von jenem glitzerigen Achtzigerjahre-Chic, den das Plakat verheißt. Die Lahaie, die in verspiegelten Nobelpuffs auf Schurkenjagd geht, jede Schießerei einen wahren Koksnebel nach sich zieht, das wäre es gewesen. Aber man kann nicht alles haben, und eine Welt mit L’EXÉCUTRIZE ist besser als eine ohne.

 

 

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