Archiv für Februar, 2016

2jacci9Als George Miller mit MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR den Endzeitfilm „erfand“, ihm zumindest einen unverwechselbaren und einprägsamen visuellen Stil verpasste, trat er damit vor allem in Italien eine wahre Lawine los (Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK war ein weiterer wichtiger Einfluss). Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre drehte eigentlich jeder italienischen Genreregisseur seinen Endzeitfilm, mit dem er die von Miller (und Carpenter) erdachte Bilderwelt weiter erkundete und ausschlachtete: Castellari drehte nacheinander 1990: I GUERRIERI DEL BRONX, I NUOVI BARBARI und FUGA DAL BRONX, Ruggero Deodato I PREDATORI DI ATLANTIDE, Sergio Martino 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK, Romolo Guerrieri L’ULTIMO GUERRIERI, Joe D’Amato ENDGAME und ANNO 2020: I GLADATORI DEL FUTURO und Giuliano Carnimeo IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA, etliche weitere taten es ihnen gleich, lediglich Umberto Lenzi hielt soich raus. Und Fulci? Der inszenierte eben diesen Film, der sich aber nicht an MAD MAX 2, auch nicht an Carpenter, sondern an Norman Jewisons ROLLERBALL orientierte.

Im Gegensatz zu den Filmen seiner Kollegen, die meist in den USA spielen, ist I GUERRIERI DELL’ANNO 2072 in Rom angesiedelt, wo der von Cortez (Claudio Cassinelli) geführte Fernsehsender WBS mit makabren, sensationsgeilen Shows um die Gunst der Zuschauer buhlt, dabei abernur mäßig erfolgreich ist. Die Lösung soll eine Gladiatorensendung sein, in der der Sportstar Drake (Jared Martin, der sogar aussieht wie James Caan) in einem Kampf auf Leben und Tod gegen einige zu Tode Verurteilte – darunter Fred Williamson und Al Cliver – antritt. Doch die Männer freunden sich an un proben den Aufstand gegen das diktatorische System.

Fulcis Entscheidung, sich an Jewisons Dystopie zu versuchen, lässt den Liebhaber des großen, ambitionierten Hollywood-Films erkennen, bereitet für die mit sparsamen Mitteln produzierte Italoversion aber auch erhebliche Schwierigkeiten. Das von BLADE RUNNER inspirierte zukünftige Rom mit den durch die Luft fliegenden Gleitern ist eindeutig als preiswertes Pappmodell zu erkennen, die Settings sind klaustrophobisch beengt, grau und trist, jede Andeutung von Größe aus dem Film getilgt. Anders als Carpenter in seinem ESCAPE FROM NEW YORK oder auch Castellari mit I NUOVI BARBARI, die ähnliche Voraussetzungen vorfanden, gelingt es Fulci aber nicht, seine Limitierungen zu Stärken umzuinterpretieren. Er ist eher ein Opfer seines Budgets als ein souveräner Verwalter: Es ist schwierig, einen Arenakampf nach antikem Vorbild als Spektakel für die blutgierigen Massen zu akzeptieren, wenn diese Massen niemals zu sehen sind, man hinter der Schwärze der Nacht die Kulissenwand erahnt, hinter der der nächste Film gedreht wird. Vielleicht habe ich I GUERRIERI DELL’ANNO 2072 gestern nicht im optimalen Zustand gesehen, vielleicht war ich zu müde, um ihn würdigen zu können. Ich glaube aber eher, dass er es war, der mich so eingeschläfert hat, mit seiner monochromen Tristesse und seiner staubigen Pappigkeit.

EDIT: Habe die englische Synchro „genossen“, die ganz sicher einigen Anteil an meinem Missfallen hat. Mal sehen, ob die deutsche noch was rettet, wenn ich sie mal in die Finger bekomme.

3119311148_aa4f03e2f3Als Fulci diesen Italowestern drehte, da war selbst die durch Castellaris KEOMA eingeleitete Renaissance schon wieder passé. Aber mit dem Dreck, dem Nihilismus, den kaputten Helden und den sadistischen Schurken, die man mit DJANGO und seinen Ahnen verbindet, hat SELLA D’ARGENTO eh nur wenig zu tun. Vielmehr lässt er Fulcis Liebe für den klassischen Hollywood-Western und überhaupt das amerikanische Kino erkennen (ich fühlte mich etwas an Hathaways NEVADA SMITH erinnert)- und wirkt damit mehr als etwas anachronistisch.

Als Junge erschießt Roy Blood den Mörder seiner Vaters, einen der Männer des schurkischen Thomas Barrett. Viele Jahre später reitet er, nun ein gutaussehender Mann (Giuliano Gemma), ziellos durchs Land und hinterlässt, wie uns der melancholische Titelsong berichtet, eine Leichenspur. Ein Mordauftrag, den ihm der Halsabschneider Two-Strike Snake (Geoffrey Lewis) vermittelt und den er widerwillig annimmt, erweist sich als Falle und bringt ihn mit dem kleinen Thomas (Sven Valsecchi) zusammen, dem Neffen von Barrett (Ettore Manni). Der Wunsch, seinen Vater zu rächen, kollidiert mit väterlichen Gefühlen für den kleinen Jungen, dessen Familie er nicht zerstören will …

SELLA D’ARGENTO ist handwerklich über jeden Zweifel erhaben, was vor allem die kürzlich erschienene HD-Version deutlich macht, die die die von der Sonne ausgedörrten Bilder und die wunderschönen, spannungsreichen Bildkompositionen voll zur Geltung bringt. Aber irgendwie wollte der Funke einfach nicht überspringen. Fulcis Film ist sichtlich in dem Vorhaben gefertigt, großes Kino zu machen, nicht nur für eine beschränkte Zielgruppe, sondern buchstäblich für die ganze Familie. Die wenigen Härten – es gibt einige blutige Einschüsse zu bewundern – hat man damals, vor rund 40 Jahren, halt so mitgenommen, ansonsten steht die Freundschaft zwischen dem Revolverheld, dem man den skrupellosen Killer nicht so wirklich abnimmt, und dem blonden Jungen im Vordergrund, reiten die beiden in einem eher lustigen als kitschigen Ende gar zusammen in die Sonne, Blood auf seinem stolzen Hengst, der kleine Thomas auf einem niedlichen Zwergpony. Das ist nicht per se zu verurteilen, aber mir fehlten dann doch die Aha-Momente, die Brüche, die ungewöhnlichen Ideen, mit denen Fulcis Werk sonst geradezu gespickt ist. Nette, gediegene Abendunterhaltung, aber nicht mehr. VIelleicht hätte ich den Film auch nicht zur Mittagszeit schauen sollen.

718maneatertitel71g28ANTHROPOPHAGUS dürfte wohl zu den berüchtigtsten Filmen überhaupt gehören. In Deutschland wurde er bundesweit beschlagnahmt und nahm eine besonders prominente Rolle in der Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre heißlaufenden Debatte um Horror- und Gewaltvideos ein, aber auch in Großbritannien wurde er mit dem Siegel des „Video Nasties“ gebrandmarkt. Joe D’Amato hatte, was Grenzüberschreitungen und Verletzungen des guten Geschmacks betraf, schon ein Jahr zuvor mit BUIO OMEGA ganze Arbeit geleistet, wusste genau, was man dem Publikum auftischen konnte bzw. musste, um ihm den gewünschten Aufreger zu liefern und vom folgenden Skandal zu profitieren. Das Marketing des deutschen Verleihs leistete ebenfalls ganze Arbeit, prophezeite dem Zuschauer eine unvergessliche Erfahrung, warnte Herzkranke, Kreislaufschwache, Magenkranke, Schwangere, an Schlaflosigkeit Leidende und natürlich Jugendliche unter 18 Jahren vor dem Besuch des Films und lästerte nebenbei gegen die Zombies von der Konkurrenz („Verglichen mit diesem Monster sind Zombies liebliche Geschöpfe“). Wie viele Zuschauer sich damals tatsächlich im Kino einfanden, lässt sich auf die Schnelle leider nicht mehr eruieren (einschläge Websites listen ihn nicht unter den Top 50 seines Kinojahrgangs, was bedeutet, dass er weniger als 500.000 Zuschauer erreichte), aber er wird bei seiner Verwertung auf Video reichlich Geld eingespielt und D’Amato bis zu seinem Lebensende 1999 einen schönen Ruhestand beschert haben. Noch heute ist ANTHROPOPHAGUS ein sicherer Kandidat, wenn es um neue Heimkinoveröffentlichung und Sammlereditionen geht. In Großbritannien wurde er erst 2015 ohne weitere Beanstandungen freigegeben.

Dabei ist er, das bestätigt eine erneute Sichtung, heute bezüglich Schockpotenzial längst überholt worden, humpelt den modernen Skandalfilmen reichlich fußlahm und meilenweit abgeschlagen hinterher. Gorebauern der zweiten oder dritten Generation dürfte ANTHROPOPHAGUS kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen, wahrscheinlich verwenden sie ihn als beruhigende Einschlafhilfe. Die zärtlichen Worte, die Hahn/Jansen damals in ihrem „Lexikon des Horrorfilms“ für ihn fanden und die mich damals so anspitzten, sind aus heutiger Sicht jedenfalls kaum noch mit ihm in Einklang zu bringen: „Joe D’Amatos widerwärtige, sich genüßlich im Blute suhlende Schlächter-Orgie ist tatsächlich eine dermaßen perfide Attacke auf Magen und Geist, dass es einem schwerfällt, seiner Empörung Ausdruck zu verleihen, ohne in Gossenjargon zu verfallen: Spätestens mit diesem Machwerk ist das Horror-Genre zu einem Spielplatz derjenigen verkommen, die mit starrem Blick aufs Geld nur noch zur Befriedigung der atavistischen Triebe moderner Neandertaler produzieren. Womit man den echten Neandertalern mit Sicherheit noch schweres Unrecht zufügt.“ Es dauert allein eine Dreiviertelstunde, bis der titelgebende Menschenfresser zum ersten Mal zu sehen ist, die wenigen blutigen Szenen waren schon damals eher fadenscheinig und sind zudem so sparsam über den Film verteilt, dass obige Kritik viel eher auf mangelnde Medienkompetenz und Wahrnehmungsstörungen der Betrachter schließen lässt. OK, die Eastman’sche Abtreibung ist superspekulativ und nicht gerade geschmackssicher, aber so durchsichtig inszeniert, dass es eigentlich eher komisch wirkt.

Schaut man sich ANTHROPOPHAGUS mit objektiver Distanz an, fällt doch vor allem auf, wie ruhig und geduldig D’AMATO seine Geschichte aufbaut, dass es ihm weniger um ein Schlachtfest ging, als vielmehr darum, eine niederdrückende Atmosphäre der Traurigkeit, des Todes und der Ausweglosigkeit zu schaffen. Die Farben wirken ausgebleicht, das diesige Wetter lässt eher auf Herbst schließen, als dass es Lust auf den Sommerurlaub weckte, viel Zeit wird darauf verwendet, den ausgestorbenen Ort und die leerstehenden Häuser zu besichtigen, die Spannung ganz langsam auf die Spitze zu treiben. Doch auch, wenn der Menschenfresser dann endlich seine Aufwartung gemacht hat, verfällt ANTHROPOPHAGUS nicht in schrilles Geschrei und blutspritzende Hektik, vielmehr behält er diese gedämpfte, somnambule Stimmung bis zum Ende bei. Großen Anteil daran hat George Eastman als Titelkreatur, der seine Rolle vollkommen stumm absolviert, sich ganz auf seine imposante Statur, den durchdringenden Blick und eben auf die Vorarbeit verlassen kann, die D’Amato geleistet hat. Wenn er dem Final Girl (Tisa Farrow) im Brunnenschacht geradezu aufreizend langsam hinterherklettert, sein Kopf irgendwann am oberen Rand erscheint, jagt einem die unspektakulär-banale Darstellung allein einen Schauer über den Rücken. ANTHROPOHAGUS mag der betörende Glanz großer Regiezauberei abgehen, aber D’Amato ist sehr geschickt in der Wahl seiner Mittel zur Erzeugung jener albtraumhaften Ausweglosigkeit, die seinen Schocker vor allen anderen Dingen auszeichnet. Schön.

Besonders Wertlos wird volljährig

Veröffentlicht: Februar 23, 2016 in Film, Veranstaltungen

10157348_10207401681294669_341911986794250425_nMittlerweile zum 18. Mal findet in der kommenden Woche, vom 02. bis zum 06. März, das „Besonders Wertlos – Festival des deutschen psychotronischen Films“ statt. Im Filmhauskino zu Köln kann der geneigte Besucher selten gezeigte, vergessene oder gar unterschlagene Filme deutscher Herkunft begutachten – alle als 35-mm-Projektionen (besser gesagt: die Filme werden so gezeigt, wie sie ursprünglich gedreht wurden), viele davon vielleicht zum letzten, manche gar zum einzigen Male, manche mit prominenten Gästen. Eigentlich wollte ich just in jenem Zeitraum Urlaub von der unverschuldeten Tristesse der Arbeitslosigkeit machen, ein Wink des Schicksals erlaubt es mir nun aber doch, einige der verlockendsten Pretiosen vor Ort zu begutachten. Und das solltet ihr auch tun, allein um dem sympathischsten Veranstalterpärchen der deutschen Off-Kino-Kultur – dem lieben Kai und der wunderbaren Eva – euren Respekt zu zollen. Eine Übersicht über das Programm findet ihr, neben allen weiteren relevanten Informationen, hier. Kommet in Scharen, ihr werdet es gewiss nicht bereuen.

fr21991 waren fast noch die Achtziger. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man sich heute kulturelle Artefakte aus jener düsteren Epoche der Menschheitsgeschichte ansieht, und auch Joe D’Amatos später Ausflug ins Horrorgenre bestätigt diese Erkenntnis wieder einmal. FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLA MORTE war in einer der ersten Splatting-Image-Ausgaben besprochen worden, die ich in den Händen hielt; wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, in der kurze Zeit später eingestellten Rubrik Pan&Scan, die sich vornehmlich mit Videopremieren beschäftigte. Ich erschloss mir meine Filmwelt gerade neu und war überrascht, den Namen D’Amato, den ich aus dem ausgiebig studierten „Lexikon des Horrorfilms“ und den darin enthaltenen Tiraden über etwa MAN-EATER kannte, wiederzufinden. Über den traurigen Status quo des italienischen Horrokinos wusste ich noch nichts, für mich sah das so aus, als hätte sich gar nichts verändert, als machten die ganzen Regisseure von einst unverändert weiter. Wenig später war ich dann klüger. Der Name „D’Amato“ tauchte danach allenfalls noch in Verbindung mit früheren Glanztaten auf den Seiten der SI auf, möglicherweise auch in der Rubrik „Pornotions“, aber über neue Horrorfilme las man dort nie wieder von ihm.

Nicht nur deshalb stimmt FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLA MORTE heute melancholisch, wenn nicht gar traurig. Mit dem Wissen über die wenig später endgültig erfolgte Abwicklung – Lebenszeichen wie DELLAMORTE DELLAMORE oder LA SINDROME DI STENDHAL entpuppten sich als schnell verpuffende Nebelkerzen – ist man gar geneigt, die Geschichte über einen Toten, der von einer Komapatientin mittels Gedankenkraft zum Leben erweckt wird, um ihre Peiniger zu bestrafen, als Allegorie auf den italienischen Horrorfilm zu betrachten. Zumal dieser Tote von Donal O’Brien gespielt wird, einem alten Recken des Italofilms, der für alle großen Genre-Regisseure, seien es Lenzi, Martino, Girolami, Fulci oder Castellari, vor der Kamera gestanden hatte, in Italowestern, Gialli, Kriegs-, Horror- und Endzeitfilmen. Wie er da als alternder, anscheinend geistig nicht mehr ganz bei Kräften befindlicher Ex-Boxer Ric und Faktotum der Videothekarin (!) Georgia (Cinzia Monreale) durch den Film stapft, ihr auch im Leben ebenso stumm zur Seite steht wie als belebter Kadaver mit stierem Blick und klaffender Obduktionsnarbe, kann man schon sentimental werden, weil er doch so offenkundig Relikt einer vergangenen, besseren Zeit ist.

Ob man FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLA MORTE etwas abgewinnen kann, hängt aber nicht nur von der emotionalen Bindung ans italienische Kino ab, sondern auch von der Bereitschaft, hier und da die Augen zusammenzukneifen, nicht so sehr das zu fixieren, was da ist, sondern sich vorzustellen, was da hätte sein können – und, so man denn die englische Asynchronfassung „genießt“, von der Fähigkeit, die grauenvollen Sprecher, die bisweilen an Schlaganfall-Patienten denken lassen, zu ignorieren (teilweise sind diese noch nicht einmal des Englischen mächtig, manchmal machen sie aber auch einfach nur völlig widersinnige Pausen im Satz, aber immer klingen sie so furchtbar, dass man sich die Ohren abreißen möchte). Die Schauspieler agieren bis auf O’Brien schrecklich hölzern, die Settings sind zweckdienlich bis unansehnlich, Inszenierung und Schnitt oft unglücklich. Welche „Hausaufgaben“ der vielleicht dreijährige Sohn Georgias da etwa machen soll, bleibt das Geheimnis des Drehbuchs, und die mütterliche Entscheidung, dem Kleinkind ein eigenes Telefon neben das Bett zu stellen, muss man mit eigener elterlicher Erfahrung zumindest als „mutig“ bezeichnen. Wahrscheinlich humorvoll gemeinte Szenen wie jene, in der sich ein vermeintlich wahnsinniger Killer, der es auf das Leben des Rotzbalgs abgesehen hat, als harmloses Autopannenopfer mitsamt herumgetragener Stoßstange erweist, sind so unglücklich in Szene gesetzt, dass sie eher unfreiwillig komisch wirken. Der Eingeweihre weiß solche Idiosynkrasien natürlich zu schätzen, aber in einer Zeit, in der Konkurrenzprodutionen aus Übersee immer perfekter, glatter, fetter und konventionalisierter wurden, war damit auf dem Markt kein Blumentopf mehr zu gewinnen – auch nicht, wenn es bei einer Kopfzermatschung noch einmal splatterte wie in alten Zeiten. Dem Freund des italienischen Genrekinos würde ich FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLE MORTE dennoch ans Herz legen: Es ist eben ein idealer Abschiedsfilm. Und ein Abschied ist ja immer auch mit Schmerzen und Tränen verbunden.

 

homies_plakat_a3„It’s not where you’re from, it’s where you’re at“: Es ist kein Wunder, dass sich Jimi Blue Ochsenknecht diesen Aphorismus des Hip-Hop-Weisen Rakim auf die Fahnen geschrieben und ihm mit HOMIES gleich einen ganzen Film gewidmet hat. Jemand, der immer im Schatten des Papas stand, dessen limitiertes, dafür aber in Film und Musik geworfenes „Talent“ immer die Frage aufwarf, ob er seine weit überproportionale mediale Präsenz nicht nur dem allmächtigen Vitamin B verdankt, legt natürlich besonders gesteigerten Wert darauf, festzuhalten, dass es darauf ankommt, wer man ist, nicht woher man kommt. Vor allem dann, wenn er auch noch mit einer Karriere als Rapper liebäugelt, bei der die Street Credibility oder zumindest die glaubwürdige Suggestion derselben eine solch wichtige Rolle spielt. HOMIES soll wohl sowas sein wie Jimi Blue Ochsenknechts 8 MILE oder Stallones ROCKY, landet aber dank kollektiven Unvermögens eher in der Nähe von René Wellers MACHO MAN, der ähnlich selbstentlarvend war – dabei aber allerdings um einiges lustiger und natürlich von vornherein in seinem Wirkungsgradius auf die Nürnberger Asis begrenzt. HOMIES hingegen ist geförderte, glattgebügelte, ideologisch verrottete Mainstream-Verkommenheit, es regieren die Schmerzen: Man spürt während der Sichtung förmlich, wie die einzelnen Gehirnzellen qualvoll schreiend in den Freitod gehen. Jede einzelne Szene ist ein Offenbarungseid, jeder Dialog eine Beleidigung der deutschen Sprache und Ausweis der Kommunikationsunfähigkeit und Weltfremdheit der Autoren, jeder dramaturgische Wendepunkt des Films wird mit größtmöglicher Grobschlächtigkeit eingeleitet, jedes noch so verbrauchte Klischee zur höchsten Erkenntnis erhoben. Und dann kommt oben drauf auch noch diese Musik, die mit Hip-Hop in Verbindung zu bringen eigentlich eine Beleidigung darstellt. Wer jemals ein vage ungutes Gefühl dabei hatte, wenn sich weiße Deutsche eine genuin afroamerikanische Kunstform und die dazugehörigen Ghetto-Manierismen aneigneten, dem liefert dieser Film durchschlagende Munition. Aber der Reihe nach.

Jimi Blue Ochsenknecht ist Marvin, Sohn einer erfolgreichen Immobilienmaklerin (Ann-Kathrin Kramer), die sich nichts mehr wünscht, als dass ihr Sohn in ihre Fußstapfen tritt, zumal sie einen zuverlässigen Assistenten benötigt, wenn sie selbst mal wieder auf eine ihrer Geschäftsreisen geht. Doch Marvin will lieber Rapper werden und hat gar keinen Bock, reichen Leuten protzige Villen vorzuführen, schon gar nicht, wenn er dafür Jackett und Krawatte zu Baggy Pants und Baseball-Cap tragen muss und noch vor der Abfahrt in Muttis Bonzenschleuder von den Pullunder tragenden Nachbarsschnöseln für seine Armutsliebäugelei (zu Recht) verhöhnt wird. Der ob dieses untragbaren Leids stets mit einem Schmollgesicht herumlaufende Jammerlappen bekommt dann Besuch vom Geist seines großen Idols, dem 1988 in der Bronx erschossenen Rapper D.W. Court (Günther Kaufmann, dem es wie durch ein Wunder gelingt, diesen Film als einziger mit intakter Würde zu verlassen), der ihm nicht nur einige unbezahlbare Weisheiten – sei du selbst, kämpfe für deine Träume, putz dir immer die Zähne, guck beim Überqueren der Straße erst nach links, dann nach rechts, dann noch einmal nach links, wasch dir jeden Abend die Ohren und die Füße – sondern gleich auch noch ein paar arschtighte Rhymes mit auf den Weg gibt – oder wenigstens das, was der Film dafür hält. Als Marvin nach dem Ende seiner Vision wieder aufwacht, latscht er dem rappenden Pizzabudenbesitzer und Crash-Party-Veranstalter Osman (Ismail Deniz) vor die Karre und wird von ihm und seinen Homies mit in dessen superstylisches Etablissement genommen, wo er sich als geiler Rapper mit echter Street Cred erweist – die natürlich erstunken und erlogen ist.

HOMIES nimmt im weiteren Verlauf alles mit, was Geschichten dieser Art üblicherweise so auffahren, allerdings in vielfach verblödeter Form. So arbeitet in der Pizzeria von Osman auch die blonde Stella (Sabrina Wilstermann), die immer so traurig guckt wie ein dreibeiniger Hund, in der Tanzschule beim kopfsockentragenden Tanzlehrer Detlef D! Soost dafür trainiert, in die „Stage School“ aufgenommen zu werden, aber das rechte Engagement vermissen lässt und sich deshalb die typischen Popstars-Sprüche von einmaligen Chancen und Disziplin anhören muss sowie, dass sie nicht die Zeit ihres Lehrers verschwenden soll. Osman steht auf sie, aber natürlich verguckt sie sich in hühnerbrüstigen Marvin, was dessen beginnende Rivalität mit dem Pizzabuden-Impresario auf die nächste Stufe hebt. Irgendwann findet Osman heraus, dass Marvin gar nicht von der Straße kommt, stattdessen bei der Mama in einer Villa  wohnt, also mitnichten „real“, sondern vielmehr „fake“ ist, und stellt den angehenden deutschen Tupac vor Stella und der ganzen Posse bloß. Bei einem von Marvin organisierten Rap Contest kommt es schließlich zum finalen Battle, bei dem dann auch Marvins Mama aufkreuzt und unter Tränen erkennt, dass ihr Sohn ein mit übermenschlichem Talent ausgestatteter Ghettopoet ist. Das muss auch Osman neidlos anerkennen und als Stella dann dank Marvins Einsatzes auch noch die Aufnahmeprüfung zu Stage School schafft, darf HOMIES sich schlafen legen, wissend, dass wirklich alle Probleme gelöst und den Kids da draußen eine wichtige Moral mit auf den Weg gegeben wurde: Wenn du ein Ochsenknecht bist, dann werden damit automatisch auch nicht vorhandene Rapskillz zur Jahrhundertbegabung transzendiert, vorausgesetzt natürlich, DU WILLST ES!

HOMIES ist so ein Film, in dem wirklich jede Szene eine Funktion hat und seinen beeinflussbaren Zuschauern eine in griffige Merksprüche verpackte Lebensweisheit mit auf den Weg gibt. Wenn man sich das so anschaut, erscheint die These geradezu verlockend, dass es sich die Autoren (ja, dieser Mist benötigte tatsächlich zwei) zum Ziel gesetzt hatten, alles so plakativ und holzhammermäßig wie möglich zu machen. Da gibt es zum Beispiel Stellas dunkelhaarige Freundin Lili (Selina Shirin Müller), die auch in Osmans Pizzeria arbeitet, aber so der Typ stilles, schüchtern-unscheinbares Mäuschen ist. In einer Szene nehmen ihr die Kollegen die Brille weg, werfen sie sich gegenseitig zu und hänseln sie als „Brillenschlange“, bis Marvin eingreift. HOMIES hebt dann ganz kurz zu einem „Wahre Schönheit kommt von innen“-Subplot an, weil der bis dahin noch gefehlt hatte, und versteigt sich tatsächlich dazu, festzustellen, wie hübsch Lili ist, wenn sie denn nicht ihre doofe Brille trägt. Ich darf mich ja nun seit über 20 Jahren nicht mehr zur Jugend zählen, ich habe keine Ahnung, was die jungen Menschen heute so umtreibt und Köses Film ist natürlich nicht für einen alten Knacker wie mich gedreht. Dass er aber mit einem gigantischen IMDb-Rating von 1,8 Punkten dasteht, lässt mich vermuten, dass sich auch die Zielgruppe nicht repräsentiert sah. HOMIES zeichnet ein nahezu klinisches Bild vom Leben und selbst die Probleme sind blitzsauber. Im ganzen Film wird weder eine Zigarette geschweige denn ein Joint geraucht und natürlich auch kein Alkohol getrunken, auch bei den wilden Crash-Partys von Osman nicht. Dafür denken die Kids ständig über ihr Leben und ihre Zukunft nach: Stella kann sich nicht aufs Tanzen konzentrieren, weil sie mit dem Kopf ständig bei ihrem Kellnerinnen-Job in der Pizzeria ist. Capitalism unleashed. Darüber hinaus wird ständig vom „Viertel“ geredet, in dem die Kids die Härten der „Straße“ zu spüren bekommen und sich „Respekt“ erkämpfen müssen, aber das Setting erinnert in seiner hermetischen Abgeschlossen- und sterilen Kulissenhaftigkeit eher an die Sesamstraße. Städtisches Leben gibt es gar nicht zu sehen, die einzigen anderen Schauplätze sind die Villa von Marvin, ein Feldweg, die Tanzschule und eine Lagerhalle, in der der Rap Contest mit den heißesten Talenten aus dem Viertel abgehalten wird. Zumindest wird das behauptet, aber es treten dann doch bloß Osman und Marvin auf, obwohl letzterer ja ganz woanders herkommt.

Es klingt jetzt bestimmt furchtbar vergreist, aber HOMIES zeigt eindrucksvoll, wie gut es den meisten Jugendlichen in unseren Breiten geht. Da müssen dann eben Probleme förmlich herbeikonstruiert und lächerliche Neurosen auf Überlebensgröße aufgeblasen werden, damit einem der eigene Wohlstand kein schlechtes Gewissen macht. Die Organisation des Wettbewerbs wird via Dialog zum herkulischen Akt hochstilisiert, doch dann ist der Quatsch innerhalb von einer Szene erledigt und alles, was von harter Arbeit zeugt, ist ein akkurat platzierter Schmutzflatschen auf Jimi Blues Backe. (Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er der Bravo ins Mikro diktierte, wie lang er dafür in der Maske sitzen musste.) Die ganze Sequenz wird dann auch noch als Videoclip umgesetzt, in dem Jimi Blue davon „rappt“, dass man niemals aufgeben darf und seinen Traum leben muss, während um ihn herum Mädels in blauen Overalls eine Detlef-D!-Soost-Choreo tanzen. Das ist alles so falsch, dass man die verquere Wahrnehmung, die hinter diesem Unfug steckt, fast schon wieder bewundern müsste, wenn es nicht körperliche Pein verursachte. Alles aus ist dann im Finale, wenn die beiden Rivalen ihre hochnotpeinlichen „Tracks“ zum Besten geben und dafür frenetische Jubelstürme ernten, der ausgestoßene Marvin auf die Bühne tritt und einen weinerlichen Rap-Vortrag darüber hält, dass doch alle gleich seien. Das ist für jemanden, der im Notfall immer noch den Papa um ein zinsfreies Darlehen bitten kann, natürlich leicht zu sagen, aber im Film ist es die Message, die alle vereint, und auch der Mama die Tränen der Rührung und des Stolzes in die Augen treibt.

Viel wurde in den letzten Tagen wieder über den Zustand des deutschen Films geredet, dabei oft gehörte Allgemeinplätze ausgetauscht, aber auch manches Wahre gesagt. Ich habe einen Eindruck, der aber zu unzureichend ist, um auf seiner Grundlage eine tragfähige Meinung bilden zu können. Der deutsche Film ist ja nur ein Konstrukt, es gibt  viele, viele Vertreter, von denen nach Gauss’scher Normalverteilung viele, viele mittelmäßig sind und deutlich weniger richtig mies oder richtig gut. Vielleicht ist die Kurve in Deutschland etwas flacher als in anderen Kinonationen. Eins kann ich dann aber doch sagen: HOMIES wurde vom Staat bezuschusst, verbrannte Geld, mit dem man wahrscheinlich mehrere andere, deutlich bessere Filme hätte finanzieren können, von Filmemachern, die wirklich etwas zu sagen gehabt hätten sowie eine Vorstellung davon, was das überhaupt ist, Film. Aber gut, Teenies wollen auch mal ins Kino und genießen das erhaltenswerte Privileg, einen miesen Geschmack haben zu dürfen. Das gilt allerdings für Jugendliche auf der ganzen Welt, denen dann trotzdem nicht so ein durch und durch unterirdischer Rotz vorgesetzt wird, wie diese Nabelschau eines Nulltalents. HOMIES kann man derzeit für lau auf Amazon Prime schauen. Wer seine regelmäßige Dosis Vollschrott braucht, riskiert hier den goldenen Schuss. Alkohol sollte zur Schmerzstillung in ausreichender Menge griffbereit stehen, seelischer Beistand ist anzuraten.

 

theappleGood things come to those who wait: Das vom von mir so verehrten Cannon-Mogul Menahem Golan inszenierte und von Atze Brauner mitproduzierte, sagenumwobene Musical THE APPLE befand sich zwar schon seit einigen Jahren in meinem Besitz, die Sichtung hatte ich aber ohne besondere Gründe immer wieder aufgeschoben. Ein Glück, denn so konnte ich meine Entjungferung mit diesem Wahnsinnsteil an diesem seligen Wochenende angemessen feiern: in einem altehrwürdigen Kino auf schön großer Leinwand, umgeben von lieben und begeisterungsfähigen Menschen, in einer zwar nur spanischen, aber dafür farblich keinerlei Wünsche offen lassenden 35-mm-Kopie.

THE APPLE wird auf all diesen schrecklichen Nerd-Filmwebsites, die sich vordergründig als aufgeschlossen, humorvoll und Anti-Mainstream präsentieren, sich dann aber doch immer wieder als ätzend dogmatisch und engstirnig erweisen, als – Megagähn – einer der schlechtesten Filme aller Zeiten bezeichnet. Das ist natürlich für jeden, der sich übers bloße Geil- oder eben Bescheuertfinden hinaus mit Film befasst, darüber hinaus vielleicht sogar schon einmal ein Musical und einen wirklich schlechten Film gesehen hat, sofort als kompletter Blödsinn zu enttarnen, ist aber – da ja kaum jemand THE APPLE kennt – gleichzeitig auch ein sicherer Weg, sich selbst als Oberchecker zu inszenieren- zumal auch die Profikritiker damals ins selbe Horn gestoßen hatten. Ist eben viel leichter, etwas auszulachen und runterzumachen, was man nicht versteht, als sich wirklich damit zu befassen und sich zu öffnen. Golan wusste natürlich genau, was er tat, und verballerte für dieses Herzensprojekt einen Riesenbatzen Kohle, was man THE APPLE auch zu jeder Sekunde ansieht: Wer der Meinung ist, dieses Musical sei „billig“, bloß weil der finale Spezialeffekt nicht so hundertpozentig gelungen ist, wer den immensen Aufwand, der hier betrieben wurde, und die handwerkliche Geschliffenheit nicht sieht, ist, sorry, ein Idiot. Was einen Uneingeweihten oder Unvorbereiteten sicherlich auf dem falschen Fuß erwischen kann, ist Golans unverstellter Offensivgeist. Der Mann war offenkundig nicht in der Lage, nüchtern, sachlich oder mit gedrosseltem Tempo zu inszenieren: Er gibt zu jeder Sekunde alles und davon dann noch besonders viel. Aber ehrlich: Das ist für ein Musical, das einen dystopischen Zukunftsstaat zeichnet, in dem ein diabolischer Musikproduzent namens Mr. Boogaloo (Vladek Sheybal) mittels seiner Musik die Macht ergriffen hat, ein braves Singer-Songwriterpärchen namens Bibi und Alphie (Catherine Mary Stewart und George Gilmour) von ihm auseinandergerissen wird und wieder zusammenfindet und schließlich der liebe Gott (Joss Ackland) mit seiner Limousine auf die Erde herabfährt, um die widerständigen Blumenkinder mit in den Himmel zu nehmen, doch der einzig denkbare Modus.

THE APPLE ist bunt, grell, übersteuert, campy und ultrakitschig, aber durchaus mit Humor inszeniert. Sicher, diese Dystopie ist in der Art und Weise, wie sie gezeichnet wird, reichlich naiv (was am wahren Kern nichts ändert), genauso wie Golans utopischer Gegenentwurf, eine Kommune friedlich und einträchtig herumsitzender Blumenkinder, im Jahr 1980 mehr als nur etwas überkommen wirkt (ebenfalls eines seiner Trademarks). Aber von einem Musical über die Kraft der Liebe und der Musik erwarte ich auch nicht unbedingt messerscharfe Analysen zur Gesellschaftspolitik, sondern in erster Linie knallige Bilder, schillernde Kostüme und bunte Lichter, knackige Songs, gutaussehende Helden und böse Schurken. In dieser Hinsicht landet THE APPLE weit im Plus: Der Film versetzt einen in einen wahren Rauschzustand und das einzige, das ich an ihm bemängeln würde, ist die Tatsache, dass er mit 90 Minuten für das, was er erzählen will, eigentlich zu kurz ist. Da wäre sicherlich noch mehr Raum gewesen, Bibis Aufstieg zum BIM-Star Nummer 1 zu zeigen, demgegenüber Alphie noch tiefer in die Gosse zu schicken. Golan packt so viel in seine 90 Minuten, dass gerade die Charaktermotivationen etwas leiden, aber das immense Tempo unterstreicht ja nur die koksgeschwängerte Atmosphäre des Ganzen. Für Eighties-Aficionados ist THE APPLE dann auch obligatorischer Stoff: Sehr viel greller und poppiger ist Kino auch in den zehn folgenden Jahren nicht mehr geworden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Golans Film damals auf so unfruchtbaren Boden fiel, mit der Bezeichnung „Flop“ fast noch zu gut wegkommt: Er war seiner Zeit schon irgendwie voraus. Das sehen wir heute, wo uns die Idee von Wirtschaftsunternehmen, die ihre Kunden zwecks politischem Machterwerb quasiabhängig machen, längst nicht mehr so fremd vorkommt wie noch vor 35 Jahren. Golan selbst begab sich mit der Cannon ja selbst auf die Spuren von BIM: Seiner Idee zufolge sollten über die ganze Welt verteilte Cannon-Kinos nichts anderes als Cannonfilme zeigen. War es am Ende vielleicht gar göttliche Intervention, dass daraus nichts wurde?