the stud (quentin masters, großbritannien 1978)

Veröffentlicht: März 2, 2016 in Film
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02071401Bei diesem in seinem Klassenbewusstsein typisch britischen Vorläufer von Schraders AMERICAN GIGOLO handelt es sich um die Verfilmung eines zum damaligen Zeitpunkt ca. zehn Jahre alten Bestsellers von Jackie Collins, der Schwesterder berühmten  Joan. Mehrere Versuche, den Roman für die Leinwand zu adaptieren – u. a. mit Tony Curtis – waren zuvor bereits gescheitert, bis Joan, die dringend einen Hit brauchte, um ihre auf Grund gelaufene Karriere zu revitalisieren, ihre Schwester dazu überredete, ihr die Filmrechte zu verkaufen. Der Plan ging auf: THE STUD (deutscher Titel idiotischerweise DIE STUTE, was zwar phonetisch ähnlich klingt, aber den Inhalt des Films komplett auf den Kopf stellt) ein Riesenerfolg in den Kinos, rettete Joan Collins‘ Karriere, zog mit THE BITCH ein auf der gleichnamigen Fortsetzung des Erfolgsromans basierendes Sequel nach sich und dürfte außerdem erheblichen Einfluss auf die Zeichnung von Alexis Carrington, Joans geradezu ikonischer Rolle in der Hitserie DYNASTY, gehabt haben bzw. auf die Entscheidung, ihr diese auf den Leib zu schneidern.

In THE STUD ist sie als Fontaine Khaled, die nymphomane Ehefrau des arabischen Geschäftsmanns Ben Khaled (Walter Gotell), eigentlich nur eine Nebenfigur. Protagonist ist der aus einfachen Londoner Verhältnissen stammende Tony Blake (Oliver Tobias), ein einfacher Kellner, der es als Verhältnis Fontaines zum stilbewussten Manager eines ihrer Nachtclubs geschafft hat und nun – gerühmt für seine legendären Liebeskünste – Nacht für Nacht mit den tollsten Frauen ins Bett steigt. Weil der Laden auch wegen seines Charmes brummt, versteigt er sich bald zu der Idee, einen eigenen Club eröffnen, Fontaines Griff zu entfliehen und vielleicht gar eine Liebesbeziehung mit Alex (Emma Jacobs), der schönen Tochter Khaleds aus erster Ehe, führen zu können. Natürlich kommt seine Gönnerin hinter seine Pläne und Tony muss die bittere Lektion lernen, dass er nie dazugehörte zu Welt der Reichen und Schönen, lediglich ein Spielzeug für sie war und ebenso schnell auf der Müllkippe landet, wie er in ihrer Gunst gestiegen war.

Diese traurige Klassenmoritat hat allerdings mit dem sozialen Realismus britischer Schule nur wenig am Hut, suhlt sich stattdessen lieber in Bildern der Dekadenz und bedient auf exploitativ-scheinheilige Art und Weise die niedersten Instinkte des Publikums: Sie gewährt ihm nämlich einerseits einen Einblick in das von Drogen, Reichtum und Sex bestimmte Leben der oberen Zehntausend und lockt mit dessen Reizen, schürt und bedient andererseits aber auch typische Die-da-oben-Ressentiments und färbt die Niederlage Tonys am Ende damit schön, dass er als einziger wenigstens eine „ehrliche Haut“ geblieben ist. Das ist nicht gerade eine originelle Geschichte, aber sie funktioniert, und das liegt vor allem in der unglaublichen Schmierigkeit des Films begründet, der ein buchstäbliches Disco Inferno herbeifabuliert, das aber keine Hitzewallungen, sondern akuten Gefrierbrand verursacht. THE STUD ist trotz aller Styleexplosionen, die da auf den Betrachter herniedergehen, dunkel und kalt, seine Bilder sind bestimmt von einer unglaublich geschmacklosen Fummelmode, die Statussymbole des Reichtums lassen auf akute Geschmackverkalkung schließen, das Gerede von Fontaine und ihren Freundinnen ist leer und zynisch und selbst die so unschuldig scheinende Alex ist schon auf dem besten Wege, ein ebenso abgezocktes Biest wie die Stiefmutter zu werden. Sex ist wild und animalisch, seine Wirkung bleibt aber rein muskulär: Emotionen sind nicht mit ihm verbunden, egal wie viele Räume da im Rausch des Augenblicks durchpflügt werden. Tony ekelt sich insgeheim vor der Schlampe, der er sein Auskommen verdankt, sie interessiert sich lediglich für seinen Körper und genießt es, einen Menschen nach Belieben benutzen zu können. Ein Experiment, dass sie in ihrem abgestumpften Misanthropismus und ihrer materialistischen Lebensanschauung bestätigt.

THE STUD katapultiert den heutigen Betrachter geradewegs in eine Zeit, die heute nur noch bizarr und fremd erscheint. Für die Zusammenstellung des Discosoundtracks wurden offenkundig keine Kosten gescheut, es ertönt ausschließlich die Creme de la Creme der Popmusik (u. a. Rod Stewart, Manfred Mann’s Earth Band, Roxy Music, Hot Chocolate, Leo Sayer, 10CC, Sweet, Odyssey und Baccara), und treibt die Tänzer in den ausgedehnten Clubszenen in die enthemmte Ekstase, Joan Collins trägt eine augenbetäubende Garderobe zur Schau, die sich nur durch einen Zimmer- und Schädeldecken wegsprengenden Kokainkonsum erklären lässt. Der drogeninduzierte Höhe- und Wendepunkt des Films ereignet sich in einer bizarren Villa, deren gesamtes unter Wasser stehendes Untergeschoss als Swimming Pool dient, in dem Fontaines reiche Freunde eine dekadente Sexorgie feiern. Es leuchtet, glitzert, funkelt, , schillert, oszilliert, blendet, strahlt, blitzt und gleißt, dass sich die Netzhaut in Fetzen ablöst, und dazu kein einziges Wort gesprochen, dass auf das Vorhandensein von Geist schließen ließe. Ein Horror, aber immer noch nicht so finster wie der folgende THE BITCH, bei dem auch der großzügig aufgetragene Hochglanzlack schon langsam abblättert und den Blick auf das fahle Gerippe darunter gnadenlos freigibt.

Joan Collins‘ Leistung ist für mich als Spätgeborenen kaum zu beurteilen: Als jemand, der in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist und sie eben vornehmlich als intrigantes „Biest“ kennengelernt hat, das von ihrer wahren Persona kaum zu unterscheiden wahr, ist ihre Besetzung ein absoluter No-brainer, typisches Typecasting. Tatsächlich ist es aber genau andersherum: Erst die Rolle der Fontaine Khaled eröffnete ihr dieses Rollenspektrum machte sie zur prototypischen reichen und nymphomanen Schlampe. Sie lebt diese Rolle in THE STUD und mehr noch in THE BITCH und verkörpert sie so überzeugend, dass es beinahe schon schmerzhaft ist. Nicht nur deshalb ein faszinierend verkommenes Stück Siebzigerjahre-Sleaze.

 

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