die nackte bovary (hans schott-schöbinger, deutschland/italien 1969)

Veröffentlicht: März 4, 2016 in Film
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wg9hwqvhGustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ (den ich gelesen habe, von dem ich aber kaum mehr erinnert habe, als dass ich ihn mochte) ist berühmt für seine damals revolutionäre, Distanz schaffende Erzählhaltung und den damit einhergehenden Verzicht darauf, das Verhalten seiner Titelfigur zu bewerten oder moralisch zu verurteilen. Besonders gerühmt wird Flauberts Gespür für charakterisierende Details und psychologische Genauigkeit. In DIE NACKTE BOVARY, dem vorletzten Film des damals bereits 67-jährigen Komödien- und Heimatfilmer Schott-Schöbinger, bleibt davon nicht mehr allzu viel übrig: Der Stoff wird vielmehr für ein seichtes Melodram zurechtgestutzt, das Anlass bietet, Edwige Fenechs „teuersten Busen Europas“ (Zitat aus dem Werbematerial zum Film) zur Schau zu stellen, was zugegebenermaßen einer der Gründe war, aus dem ich mir DIE NACKTE BOVARY angesehen habe.

Dass Schott-Schöbinger die literarische Vorlage „völlig verfremdet“, wie das Lexikon des internationalen Films schreibt, will ich nach der Lektüre einer Inhaltsangabe des Romans zwar nicht unbedingt bestätigen, von der Komplexität von Flauberts Werk bleibt aber zugegebenermaßen nicht viel übrig. Der Film hetzt in 90 Minuten durch die Handlung und verkommt so fast notgedrungen zu einer Aneinanderreihung schön anzusehender Klischees, die jede echte Signifikanz vermissen lassen. Was die Figuren wirklich umtreibt, wer sie sind, was sie fühlen, wird weniger erzählt, als via Dialog behauptet. So darf die schöne Madame Bovary (Edwige Fenech) gleich in den ersten Minuten via Voice-over gestehen, dass sie das dörfliche Leben mit ihrem Ehemann (Gerhard Riedmann) schrecklich anödet, was damit verbildlicht wird, dass sie in das eheliche Haus einkehrt, das voll mit den Patienten ihres Gatten ist, und sich über seinen Mangel an Aufmerksamkeit für sie echauffiert. Riedmann selbst, ausreichend attraktiv, aber eben von jener biederen Freundlichkeit, die ihn zum Heimatfilm-Star prädestinierte, macht sich lediglich typischer Filmvergehen schuldig: nicht auf Zuruf seiner Frau seine Patienten sitzen zu lassen, beim vornehmen Empfang nicht mit ihr zu tanzen, sondern sich am Spieltisch der drückenden feinen Schuhe zu entledigen, keine Karriere in Paris machen zu wollen. Der arme Teufel darf bis zum Ende nicht merken, was eigentlich los ist. Emmas drei Love Interests kommen aber kaum besser weg und nicht über auf den ersten Blick durchschaubare Folien hinaus: Franco Ressel gibt den Kaufmann Lheureus als angeschwulten Teufel, dessen schmierig-finsteren Absichten man ihm schon aus der blasierten Visage ablesen kann, Peter Carsten ist als Großgrundbesitzer Rodolphe brustbehaarte Virilität und Verlässlichkeit und mit dem intellektuellen Bübchen Leon (Gianni Dei) unternimmt Emma aufschlussreich-bedeutsame Spaziergänge durch die Natur, bei denen er fast weiblicher agiert als sie.

Wenn DIE NACKTE BOVARY nach knapp 90 Minuten überaus abrupt zu Ende geht, wird die Vermutung bestätigt, dass sich eigentlich keiner der Verantwortlichen größere Gedanken darüber gemacht hat, was „Madame Bovary“ eigentlich erzählt, was an Flauberts Roman relevant ist, was man davon erhalten und in ein anderes Medium übertragen möchte, geschweige denn, was die Möglichkeiten des Mediums Film dabei für einen Mehrwert bringen könnten, außer der Gelegenheit, die Fenech in engen Kleidern, Unterwäsche des 19. Jahrhunderts oder auch nackt zu zeigen. Visuell ist DIE NACKTE BOVARY demnach recht üppig, wenn auch reichlich bieder und altbacken für einen Film des Jahres ’69 in all seiner trivialen Schmonzettenhaftigkeit. Da merkt man ihm die Prägung des Regisseurs im Rentenalter deutlich an.

 

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