hospital massacre (boaz davidson, usa 1981)

Veröffentlicht: März 17, 2016 in Film
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HOSPITAL MASSACRE habe ich aus meiner Sturm-und-Drang-Phase als einen der schönsten Slasherfilme in Erinnerung behalten und war dementsprechend gespannt, wie sich das Wiedersehen nach rund 20 Jahren gestalten würde. Um das Resultat vorwegzunehmen: Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ttatsächlich erweist sich Davidsons Film als hoch origineller und eigenständiger Vertreter eines im Schnitt doch eher homogenen und oftmals tristen Subegenres, der akute Ermüdungserscheinungen im Schlussdrittel allerdings kaum verhehlen kann. Aber zurück zum Anfang.

HOSPITAL MASSACRE (bzw. X-RAY, in der deutschen Version zudem mit dem wunderbar schwülstigen Untertitel „Der erste Mord geschah am Valentinstag“ versehen, der die Erwartungen ins Unermessliche ansteigen lässt) beginnt handelsüblich mit einer Rückblende, die die Genese des Killers schildert. Als kleiner Junge musste er mitansehen, wie die von ihm verfasste Valentinstagskarte an die angebetete blonde Susan (Elizabeth Hoy) von dieser verlacht und zerknüllt wird. Der Schmerz sitzt so tief, dass sogleich Susans missgünstiger Bruder dran glauben muss. Von dieser Rückblende geht es 19 Jahre in die Zukunft bzw. in die Gegenwart: Susan (Barbi Benton) ist von der zierlichen Blondine zur Brünetten mit Playmate-Maßen gereift und besucht zum Valentinstag ein Krankenhaus, um nur kurz die Ergebnisse einer Routineuntersuchung abzuholen. Doch der Killer, der so lange auf seine Rache warten musste (?) hat andere Pläne mit ihr: Er tauscht die harmlosen Untersuchungsergebnisse gegen ein gesundheitliches Todesurteil aus, räumt alle, die ihm in die Quere kommen, beiseite und schickt Susan so in eine wahre Albtraumnacht.

HOSPITAL MASSACRE zeigt eindeutig die Handschrift der Produktionsfirma Cannon: Das US-Poster rückt die Tatsache, dass „sensational centrefold sex symbol“ Barbi Benton mitwirkt, in den Fokus des Interesses, stellt sie als halbnacktes, auf einem Untersuchungstisch festgeschnalltes Opfer in High Heels dar und weckt in Verbindung mit der Tagline „The check-up that became a nightmare“ sogleich Hoffnungen auf zärtliche Abtastungen primärer und sekundärer Geschlechtsorgane, vielleicht gar auf einen gepflegten Einlauf. Der Film ist tatsächlich von einer unangenehm zudringlichen Grundschmierigkeit, die aber nie ganz explizit wird, sondern vielmehr im Dienste einer geschickten Affektstrategie steht. Der Horror von HOSPITAL MASSACRE fußt auf dem allgemeinen Unbehagen, das Krankenhäuser, Ärzte und Untersuchungszimmer auslösen, bedient die Angst, einer Situation ausgeliefert zu sein, in der man seinen Körper einem völlig Fremden überantworten muss. Da werfen sich Ärzte über den Röntgenbildern und Befunden vielsagende Blicke zu, beäugen sie die Protagonistin mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis, geben ihr gegenüber nur hohle Beschwichtigungen ab. Da wird eine Lampe genau so hinter einem Paravan platziert, dass sich die Gardemaße der Patientin als gestochen scharfe Silhouette auf dem weißen Stoff abzeichnen, verwendet der Doktor ein bisschen zu viel Zeit und Zärtlichkeit auf das Abtasten des üppigen Busens. Auf den Gängen wird Susan von senilen Alkoholikern oder verstörten Omas bedrängt, in den Zimmern schlafen Gipsmumien einen unruhigen Schlaf. Und die Kamera umgarnt Benton mit lüsternem Blick, ergötzt sich an ihrer Angst, begleitet sie auf ihrem Weg durch das geradezu kafkaeske Szenario. Passend dazu ist der Killer keine entmenschlichte Dampfwalze der Marke Jason, sondern ein heißblütiger Derwisch, den lateinische Choräle bei seinen hysterischen Metzelattacken begleiten und dessen Auftritte expressive Beleuchtungseffekte zur Performance-Art stilisieren. HOSPITAL MASSACRE etabliert eine unwirkliche, albtraumhafte Atmosphäre, die dann auch manch eher bescheuerten Einfall rechtfertigt (Susan Freund bleibt wirklich über Stunden bereitwillig wartend im Auto) und auch dem breiten, geschmacklosen Humor zum Erfolg gereicht, der in einem anders strukturierten Film jeden Anflug von Horror zunichte gemacht hätte, hier aber wahre Wunder wirkt.

Trotzdem kann Davidson der Dominanz des Schemas nicht über 90 Minuten entfliehen und deshalb versandet HOSPITAL MASSACRE genau ab jenem Moment, in dem die Fronten geklärt sind und sich das Final Girl einen Zweikampf mit dem Killer liefern muss. Dieser Konflikt ist leider der so ziemlich uninteressanteste Aspekt des ganzen Films, wohl auch, weil ja von Anfang an klar ist, wer sich hinter der Chirurgenmaske verbirgt. Trotzdem möchte ich HOSPITAL MASSACRE einen verdienten Sonderplatz in der Slasher Hall of Fame zuweisen: Nicht nur, weil er sich die Mühe macht, einen interessante, tatsächlich unangenehm berührende Geschichte zu erzählen und diese formal entsprechend affektiv umzusetzen, sondern weil er dem sonst so vordergründig-präpubertären Titten- und Arschgewackel eine schmierige, schmerzhafte, beunruhigende Seite der Sexualität entgegensetzt, der sich auch der solchermaßen befleckte Zuschauer nicht entziehen kann. HOSPITAL MASSACRE ist der D’Amato unter den Slashern.

 

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