lost soul: the doomed journey of richard stanley’s the island of dr. moreau (david gregory, usa 2014)

Veröffentlicht: März 26, 2016 in Film
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lostsoul_posterTHE ISLAND OF DR. MOREAU gilt als eines der größten Fiaskos der vergangenen Jahrzehnte. Geschichten über seine chaotische Produktionsgeschichte, das erratische, um nicht zu sagen psychotische Verhalten seiner beiden Stars, Marlo Brando und Val Kilmer, die Entlassung des Hollywood-unerfahrenen Richard Stanley und seine heimliche Rückkehr ans inzwischen von Veteran John Frankenheimer übernommene Set, der zwischen zahllosen Drehbuch-Rewrites und den bizarren Anwandlungen Brandos versuchte, die Kontrolle zu behalten, kursierten schon während der Dreharbeiten, zerstörten jede Hoffnung auf den revolutionären Film, die viele an eine Stanley-Adaption des berühmten H. G. Wells- Romans geknüpft hatten. Der Film, der in die Kinos kam, konnte all diese Schwierigkeiten nicht verbergen, erntete boshafte, schadenfrohe Verrisse, floppte gewaltig und ging als eine der bizarrsten Produktionen der Neunzigerjahre in die Geschichte ein. Aber es ist auch ein Film, der seinem ursprünglichen Thema „Wahnsinn“ in dieser Form möglicherweise näher kommt, als es eine gelungene Version geleistet hätte. Ich liebe ihn. Und habe jubiliert, als ich hörte, dass sich eine spielfilmlange Dokumentation seiner turbulenten Geschichte annehmen würde.

LOST SOUL: THE DOOMED JOURNEY OF RICHARD STANLEY’S THE ISLAND OF DR. MOREAU erzählt die ganze tragikomische Geschichte des Films, beginnt mit Richard Stanley, der nach den bitteren Erfahrungen heute ein eremitenartiges Dasein in den französisches Pyrenäen führt, erst Jahre später wieder hinter eine Filmkamera trat. Er erzählt von seiner Beziehung zu Wells Stoff und den bisherigen Verfilmungen, zeigt die interessanten Verbindungen zu Joseph Conrads „Heart of Darkness“ auf, die wesentlich für die Entscheidung waren, Marlon Brando für die Rolle des gottgleichen Wissenschaftlers zu verpflichten. Stanley kramt alte Konzeptzeichnungen hervor, die erahnen lassen, was für ein ambitionierter, visionärer Film ihm vorschwebte, erläutert seine Ideen und macht nicht nur deutlich, was für ein Meisterwerk seine Adaption hätte werden können und sollen, sondern auch, warum sie als starbesetzte Multimillionen-Dollar-Produktion aus Hollywood fast zwangsläufig scheitern musste.

Es gab klar benennbare Probleme, die zu seiner Entlassung nach nur wenigen Drehtagen führten: Val Kilmer, der nach seiner Zusage plötzlich zu verstehen gab, dass er doch keine Lust auf den Film mehr habe, suchte von Beginn an den Clinch mit dem jungen Regisseur, nutzte seine Starpower gnadenlos aus – er wusste, dass das Studio ihn nicht würde gehen lassen können -, sabotierte das Projekt an allen Ecken und Enden und benahm sich laut Schauspieler Marco Hofschneider wie ein „Grundschüler“. Marlon Brando, sowieso als schwierig berüchtigt, hatte zur selben Zeit mit familiären Problemen zu kämpfen (seine Tochter hatte sich das Leben genommen), tauchte erst gar nicht auf, und Nebendarsteller Rob Morrow verlangte, dass man seinen Vertrag auflöste, weil er ahnte, was da kommen würde. Der Drehort war schlecht gewählt, weit ab von jeglicher Zivilisation und eine logistische Katastrophe. Ein Hurricane verwüstete ein Setting und sorgte gleich zu Beginn der Dreharbeiten für einen weiteren Tief- und Rückschlag. Viel entscheidender aber war ein anderer Aspekt: Die Studioleute vertrauten dem eigenwilligen, jungen Stanley einfach nicht, hatten Schwierigkeiten mit seiner Art und boten ihm keinerlei Unterstützung an. Stanley, ein prototypischer Maverick und Künstlertyp, stand von Anfang an auf verlorenem Posten, obwohl er die treibende Kraft hinter dem Projekt gewesen war. Wie wenig man von ihm hielt, wird an New-Line-Chef Bob Shaye deutlich, der nach eigener Aussage bereits bei einer frühen Besprechung ahnte, dass es Probleme geben würde, weil Stanley den unverzeihlichen Faux pas beging, vier Zuckerwürfel in seinen Kaffee zu verlangen. Ein wirklich intolerables Verhalten! Aber Stanley machte auch Fehler, unterschätzte die Situation und die Verpflichtungen, die damit einhergehen, auf der Lohnliste eines großen Filmstudios zu stehen. Er hielt sich nicht an gängige Praktiken, war nicht an Politik interessiert und erwies sich wohl auch als überfordert mit der ihm auferlegten Verantwortung. Hatte er während der Pre-Production noch zahlreiche Hindernisse gemeistert – unter anderem durch „witchcraft“, wie Stanley selbst berichtet – und war er ein entscheidender Faktor für die Zusage Brandos gewesen, brach am Set alles über ihm zusammen.

Mit seinem unabwendbaren Abschied und der Ankunft von Veteran John Frankenheimer, der sich seine Rettungsaktion fürstlich bezahlen ließ und sogleich deutlich machte, dass ihn weder der Stoff selbst noch das Drehbuch oder irgendwelche Visionen und Befindlichkeiten interessierten, wurden die Schwierigkeiten aber nicht weniger, im Gegenteil. Der mittlerweile eingetroffene Brando beschloss, seine Teilnahme an der Schadensbegrenzung zu verweigern und verstieg sich zu grotesken Marotten, verwarf Szenen und Dialogzeilen nach Lust und Laune, degradierte Hofschneider aus reiner Laune zum Statisten und erkor den zwergenhaften Nelson de la Rosa zu seinem neuen Protegé. Alle seiner Sabotageakte fanden den Weg in den fertigen Film. Kilmer wiederum wollte im Kampf um die Krone des größten Egotrippers nicht kampflos aufgeben und trat in einen absurden Schwanzvergleich mit der Legende, der den Betrieb teilweise tagelang lahmlegte. Die Statisten fügten sich in die ausweglose Situation, ergingen sich in wilden Partys und Ausschweifungen und nahmen die Sache mit Galgenhumor: Was ursprünglich ein paar Wochen Dreharbeiten hätte dauern sollen, nagelte die Beteiligten am Ende ein halbes Jahr in der Wildnis fest. Die komischste Anekdote ist aber sicherlich Stanleys von den Verantwortlichen unerkannte Rückkehr als Statist: Anstatt abzureisen, wie es ihm befohlen worden war, irrte er von Depressionen geplagt umher, kam schließich unweit des Drehortes bei einem Abenteurer unter und wurde dort schließlich von einigen Angestellten aufgefunden und zurückgebracht. Als Hundewesen nahm er an den weiteren Dreharbeiten teil, machte so nicht nur die Wandlung vom göttlichen Schöpfer zum geknechteten Sklaven durch, sondern hatte auch das Vergnügen, Bauten und Requisiten zu zerstören, ohne dafür behelligt zu werden.

David Gregory begnügt sich mit formaler Basisarbeit, kann angesichts dieses Stoffes aber nicht viel falsch machen. Seine Gesprächspartner nehmen kein Blatt vor den Mund – Frankenheimer und Brando sind aus naheliegenden Gründen nicht dabei, dass Val Kilmer nicht zu sehen ist, wundert einen auch nicht -, beleuchten die Beweggründe beider Seiten. Besonders schön ist es natürlich, Stanley wiederzusehen, immer noch eine einnehmende Person, der man eine andere Karriere gewünscht hätte. LOST SOUL: THE DOOMED JOURNEY OF RICHARD STANLEY’S THE ISLAND OF DR. MOREAU macht nicht nur deutlich, dass Hollywood eine Schlangengrube ist, von der man künstlerisch nicht mehr allzu viel erwarten sollte, sondern auch, dass längst nicht jeder für dieses Geschäft gemacht ist bzw. dass es bestimmte Persönlichkeiten sowohl erfordert als auch hervorbringt. Schade ist es vor allem um den Film, der nicht sein sollte. Aber so darf man sich eben über gleich zwei sehenswerte Werke freuen: Den unfassbaren THE ISLAND OF DR. MOREAU und diese Doku.

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