ai no korîda (nagisa ôshima, japan/frankreich 1976)

Veröffentlicht: März 29, 2016 in Film
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ai-no-corridaDie Geschichte von AI NO KORÎDA basiert zunächst einmal auf einem Kriminalfall, der die japanische Öffentlichkeit im Jahr 1935 erschütterte: Die ehemalige Prostituierte Abe Sada strangulierte während des Liebesspiels ihren Partner und Arbeitgeber Ishida Kichizo, schnitt ihm anschließend Hoden und Penis ab, wickelte diese in eine Zeitung und verließ mit ihnen den Ort des Geschehens, bis sie drei Tage später festgenommen wurde und gestand. Weil hinter ihrem Verbrechen keine niederen Motive standen, sie vielmehr glaubhaft vermittelte, ihren Partner aus Liebe ermordet zu haben, wurde Abe Sada zu einer beinahe kultisch verehrten Figur, die nach ihrer Freilassung im Jahr 1941 nicht nur zahlreiche Bücher, Bühnenstücke und Filme inspirierte, sondern auch als eine Art Vorkämpferin von Gleichstellung und sexueller Selbst-bestimmung angesehen und interviewt wurde. Ihre damaligen Aussagen wurden von der Polizei akribisch protokolliert und hielten wortgetreu Einzug auf den Film, der somit für sich in Anspruch nehmen kann, der „wahren“ Sada Abe ziemlich nahezukommen.

Dabei interessierte der eigentliche Kriminalfall Regisseur Oshima eher indirekt, nämlich nur insofern, als er eine geeignete Folie für die ihm vorschwebende Auseinandersetzung mit sexueller Repression und der filmischen Darstellung von Sexualität darstellte. Die ursprüngliche Idee zu AI NO KORÎDA hatte Oshima, als er in Frankreich die zahlreichen aus dem Boden schießenden Pornokinos sah und besuchte. Die Möglichkeit, Sex auf der Leinwand zeigen zu können, faszinierte ihn, zugleich wusste er, dass die in Japan vorherrschende Zensur ein solches Unterfangen unmöglich machen würde. Und als er sich einige der in Japan populären Pinku eiga ansah, war ihm auch klar, dass er in diesem Stil nicht würde inszenieren können. Die Abbildung von Sex zur Er- und Anregung des Publikums war nicht das, was ihn reizte. Von daher ist es auch unpassend, AI NO KORÎDA als „Porno“ zu bezeichnen, selbst wenn das aus juristischer Sicht wahrscheinlich zutreffend ist: Es gibt sowohl eregierte Penisse zu sehen als auch den expliziten Akt als solchen, der von den Darstellern nicht simuliert, sondern tatsächlich ausgeführt wird. Aber Oshima lässt den Zuschauer nicht in Form von Großaufnahmen, niedrigen Blickwinkeln und suchender Handkamera am Liebesspiel partizipieren, vielmehr hält er ihn auf respektvoller Distanz, macht ihn zum neutralen Beobachter, statt zum lüstern starrenden Voyeur. Sex ist das alles bestimmende erzählerische Element des Films, nicht bloß vordergründig ornamentales Detail, sondern der treibende Motor des Narrativs. Oshima war der Überzeugung, dass der Begriff und die Vorstellung des „Obszönen“, die wesentliches Argument für die Tabuisierung von Sexualität und ihrer Darstellung im Film sind, auf einem Zirkelschluss beruhen: Wir halten Dinge für obszön, weil sie nicht sichtbar sind. Die Idee des Obszönen ließe sich mithin ganz einfach auflösen, indem man das Zeigeverbot, dass das Obszöne begründet, aufhöbe. Was offen gezeigt wird, wird zwangsläufig zur Normalität. Unter diesem Credo steht auch die Inszenierung der Sexszenen in AI NO KORÎDA: Sex ist immer da, so selbstverständlich für seine Protagonisten und den Fortgang seines Films wie in anderen Filmen der Dialog oder die Schießerei.

Es ist die Kluft zwischen dieser von Sada (Eiko Matsuda) und Kichizo (Tatsuya Fuji) individuell empfundenen Normalität und den gesellschaftlichen Vorstellungen von Obszönität, die die beiden in die Isolation treibt, sie stigmatisiert, vor sich selbst entfremdet und so die finale Katastrophe herbeiführt. Die beiden müssen sich in der Heimlichkeit einer Herberge treffen. Sada verkauft sich an einen alten Mann, um ihre gemeinsame Beziehung zu finanzieren. Die Menschen beginnen, abfällig über die beiden zu reden und sie zu meiden, diffamieren sie als „Perverse“. Ihr gemeinsames Miteinander bleibt davon nicht unbeeinflusst: Sadomasochistische Spiele werden als Rückversicherung ihrer selbst mit in den Sex einbezogen, Sada muss sich von ihrem wohlhabenden Gönner schlagen lassen, um den Widerspruch zwischen ihrem Sein und dem gesellschaftlich propagierten Normalzustand irgendwie verarbeiten zu können. Dieser sozialkritische Aspekt wird von Oshima allerdings nie wirklich explizit ausformuliert, etwa in Form eines Monologs oder einer exemplarischen Szene. Sada und Kichizo scheint nicht bewusst zu sein, dass sie in offener Opposition zu den Werten ihrer Gesellschaft stehen: Sie handeln lediglich so, wie sie müssen. Einmal läuft Kichizo eine Straße entlang, auf der die Armee marschiert und er läuft ihr entgegen, drückt sich an den Häuserwänden entlang an den Soldaten vorbei wie ein Flüchtiger, der fürchtet, erkannt zu werden: Es ist die einzige deutlich als solche intrepretierbare politische Aussage, ein Bild mit Symbolcharakter, zu dem Oshima sich hinreißen lässt, ansonsten bleibt er stets bei seinen beiden Hauptfiguren und ihrer beispiellosen Liebe füreinander, die Aussagekraft genug hat.

AI NO KORîDA wurde heimlich gedreht: Niemand durfte mitbekommen, was Oshima mit seinen Darstellern hinter verschlossenen Studiotüren anstellte. Das Material wurde dann nach Frankreich geschickt, dort entwickelt und montiert. Nach anfänglichen Skandalisierungsversuchen – vor der Premiere bei der Berlinale 1976 wurde der Film etwa von der deutschen Staatsanwaltschaft als „harte Pornografie“ beschlagnahmt – wurde AI NO KORîDA schließlich weltweit als Kunstwerk und Meisterstück des erotischen Kinos erkannt. In Japan hingegen harrt es bis heute seiner ungekürzten Aufführung. Der „normale“ Filmseher wird sich von der schieren Menge grafischer Sexszenen und ihres bisweilen entfesselten Einfallsreichtums – besonders im Gedächtnis bleibt der Einsatz eines hartgekochten Eis – möglicherweise überfordert fühlen (was Oshimas Ansichten zur „Obszönität“ bestätigt), aber der Unterschied zum objektivierenden Blick, den die exploitative Pornografie vor allem auf den weiblichen Körper wirft, und zu den Kategorien der Ökonomie, der sie die sexuellen Beziehungen ihrer Protagonisten gnadenlos unterwirft, könnte größer kaum sein. In den Augen von Sada und Kichizo – die Verwandlung, die Matsuda und Fuji in ihrer anbetungswürdigen Darbietung vollziehen, ist total – sieht man bedingungslose Liebe und eine Lust, die zu groß ist, als dass sie sich von der Politik oder den Vorstellungen einer arbiträren Moral bändigen lassen ließe. Wenn man nicht so l(i)eben kann, wie man will, ist es tatsächlich besser zu sterben. Oder zu töten.

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