koroshi no rakuin (seijun suzuki, japan 1967)

Veröffentlicht: März 29, 2016 in Film
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sunglass_menagerie_01Mein erster Film von Seijun Suzuki dürfte zumindest hierzulande auch einer seiner bekanntesten (bzw. einer seiner wenigen bekannten) sein, bekam von Rapid Eye Movies sogar eine schöne Blu-ray unter dem internationalen Verleihtitel BRANDED TO KILL spendiert. Ich wusste zum Glück ungefähr, was mich erwarten würde: dass Suzuki eben nicht für klassisches Erzählkino und psychologisch ausgereifte Charaktere, sondern eher für wüst-poppige Genredekonstruktionen, krasse Abstraktion, visuelle Experimente und Improvisation steht. Was ich nicht erwartet hatte, ist dieser doch sehr leichtfüßige Humor. Seijun Suzuki entpuppt sich auch im auf der Scheibe enthaltenen Interview als enorm witziger Zeitgenosse, ein 90 Jahre alter Opa, der den Schlauch vom Atemgerät in der Nase und den Schalk im Nacken hat. Auf die Frage, wie er zu dem Namen „Seijun“ gekommen sei (er wurde als „Seitaro Suzuki“ geboren), erzählt er, dass er eines Tages mit mehreren Filmfreunden aufgrund anhaltender Erfolglosigkeit zu einer Wahrsagerin gegangen sei, die ihnen geraten haben, ihre Namen zu ändern. Als der Erfolg auch mit dem Namen Seijun ausblieb, beschwerte er sich bei ihr, woraufhin sie ihm sagte, er müsse zehn Jahre warten. Und dann fügt er mit einem Lachen hinzu, dass er zehn Jahre später von seinem Arbeitgeber Nikkatsu gefeuert wurde.

Das Studio wusste wohl nicht so recht, was sie mit den wild ins Kraut schießenden Filmen Suzukis machen sollten. Nach TÔKYÔ NAGAREMONO (aka TOKYO DRIFTER) einem psychedelischen Farbenrausch, der kommerziell einfach nicht zu vermarkten war, zwangen sie ihn dazu, wieder in Schwarzweiß zu drehen. Sie hofften, seine enorme, nicht zu bändigende Kreativität zügeln zu können. Pustekuchen. Er dankte es ihnen mit KOROSHI NO RAKUIN, der zunächst wie eines jener düster-melancholischen Yakuza-Melodramen beginnt, die damals wie am Fließband produziert wurden, sich jedoch schon nach kurzer Zeit in eine wilde, nur lose zusammenhängende Abfolge abstruser Sex- und Actionszenen verwandelt. Die Hauptfigur, Gorô Hanada, Killer Nr. 3 (Jô Shishido), will über die erfolgreiche Erfüllung mehrerer Aufträge zur Nummer 1 aufsteigen, doch das Schicksal ist ihm dabei im Weg. Er berauscht sich am Geruch von kochendem Reis, tobt mit seiner nymphomanen Ehefrau durch alle Räume seiner expressionistisch ausgeleuchteten Designerwohnung, verliebt sich in eine mysteriöse Schmetterlingssammlerin und hat am Ende keine Zeit mehr, seinen Triumph zu feiern, weil ihm selbst eine Kugel im Herzen steckt. Visuell ist KOROSHI NO RAKUIN grandios, zudem getragen von einer ganz eigenen, bizarren Logik, die sich auch im mitunter geradezu elliptischen Schnitt widerspiegelt. Suzuki hat keine „Authentizität“, keinen Realismus im Sinn, ihm geht es allein um die größtmögliche Wirkung seiner Bilder, die in ihrer Gestaltung mitunter an Comic-Panels denken lassen. In der schönsten Szene des Films springt Gorô aus dem Fenster einer Wohnung, in die er eben eingedrungen ist, um der Entdeckung zu entgehen, doch wenig später taucht er wieder im Blickfeld auf, weil er genau auf einem aufsteigenden Heißluftballon gelandet ist. Vergleichbare Momente gibt es zuhauf, aber sie dürfen selten länger als ein paar Sekunden stehen bleiben, dann werden sie schon wieder vom nächsten Einfall abgelöst.

Dieses frenetische Tempo ist in Verbindung mit der bewussten Eindimensionalität der Figuren und der dadurch bedingten emotionalen Leere aber auch der Grund, dass sich bei mir irgendwann leichte Ermüdungserscheinungen einstellten. KOROSHI NO RAKUIN hat bei heutiger Erstsichtung auch den Nachteil, dass es seit Suzukis Pionierarbeit Dutzende Filmemacher gegeben hat, die Ähnliches versucht, klassische Genrestoffe bis auf das nackte Skelett entkleidet haben. Vielleicht muss ich den Film aber auch nur noch einmal unter etwas anderen Bedingungen sehen, denn der stilistische Reichtum, den KOROSHI NO RAKUIN bietet, ist schon beeidnruckend.

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