kyôfu kikei ningen: edogawa rampo zenshû (teruo ishii, japan 1969)

Veröffentlicht: März 30, 2016 in Film
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132975Ein kurzer Blick auf einige der im Netz zu diesem Film verfügbaren Texte (die meisten anlässlich der DVD-Veröffentlichung durch Synapse entstanden) reicht aus, um eine Vielzahl von Synonymen für den Begriff „strange“ zur Hand zu haben. Die Rezensenten sind sich erstaunlich einig, es bei Ishiis Klassiker des ero-guro (so der sich aus dem Wortpaar „erotic-grotesque“ ableitende Fachausdruck für eine besondere Spielart des japanischen Horrorfilms) mit einem wilden, bizarren, enigmatischen, albtraumhaften und surrealen Film zu tun zu haben, den man nicht so sehr intellektuell-rational begreifen, sondern rein sinnlich und gefühlsmäßig erschließen sollte. Dieser Schluss liegt nahe: Ishii verquickt in seinem Drehbuch gleich mehrere Geschichten des berühmten japanischen Horrorautoren Edogawa Rampo (was der japanischen Schreibung von „Edgar Allan Poe“ entspricht) auf eine solch hermetische Art und Weise, dass der Versuch, seinen Film nachzuerzählen, schon im Ansatz scheitern muss. Hinzu kommt die expressive Bildsprache, eine wahre Flut gleichermaßen berückend schöner wie abstoßender Bilder, von denen die Figur des verrückten, etwas an Wells‘ Dr. Moreau erinnernden Arztes Komoda sicher das einprägsamste ist. Ishii engagierte dafür den Künstler Tatsumi Hijikata, einen wichtigen Pionier des sogenannten Butoh-Ausdruckstanzes, der in einem eng anliegenden Gewand und unterstützt durch Ishiis Schnitt in spastischen, aber seltsam anmutigen Bewegungen durch den Film tanzt wie ein Derwisch oder ein in einem geheimnisvollen Balzritual befindliches Tier. Es geht um Mord, Wahnsinn, Gedächtnisverlust, Doppelgängerschaft, Inzucht, bizarre Experimente und eben – wie der internationale Verleihtitel HORRORS OF MALFORMED MEN schon sagt – um Deformierungen und Mutationen. So weit so strange.

Erstaunlich ist aber, und hier verkennen die meisten Rezensenten m. E. eine der bestechendsten Eigenschaft von KYÔFU KIKEI NINGEN, dass diese höchst seltsame Geschichte von Ishii auf eine Art und Weise erzählt wird, die vermuten lässt, dass er sie selbst im Gegenteil für sehr luzide und einleuchtend hielt. Mindestens die erste Hälfte ist absolut stringent und von einem geradezu klassischen Spannungsaufbau geprägt. Ishii etabliert eine aus dem Noir bekannte Schablone, nämlich die des unter Amnesie leidenden Mannes, der versucht, die Lücken in seiner Erinnerung zu schließen und sich deshalb auf eine Reise in seine Vergangenheit begibt. Ishiis Protagonist Hirosuke Hitomi (Teruo Yoshida) verzeichnet dabei sehr schnell die ersten Erfolge, findet viel versprechende Hinweise und nimmt die Rolle eines kürzlich Verstorbenen – und nun wie durch ein Wunder Wiederauferstandenen – ein, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Von dort führt ihn sein Weg auf eine vor der Küste liegende Insel, auf der der erwähnte Komoda eine Schar missgestalteter Freaks um sich versammelt hat. Erst hier beginnt Ishii sich völlig von einengenden Erzählkonventionen freizumachen und die albtraumhaften Bilder anzuhäufen. Trotzdem ist das Verrückteste an seinem Film, dass er den sich entfaltenden Irrsinn nach klassischem Whodunit-Schema in einem erklärenden Schlussmonolog Komodas zu zähmen versucht. Man lauscht dessen Worten, die doch eigentlich Klarheit bringen sollten, aber einen stattdessen noch viel tiefer in die Verzweiflung stürzen. Die Ruhe und Besonnenheit von Komodas Worten steht in krassem Gegensatz zu der labyrinthisch verschachtelten Geschichte, die er erzählt, das Ziel seiner Erläuterungen, nämlich Klarheit zu schaffen, verfehlt er nicht nur, er erreicht das komplette Gegenteil.

Ich war unmittelbar nach dem Film ein wenig enttäuscht, eben weil ich nach dem ruhigen Aufbau etwas völlig anderes erwartet hatte. Aber nun, mit zwei Tagen Abstand, in denen mich KYÔFU KIKEI NINGEN nicht wirklich losgelassen hat, glaube ich, dass eine Zweitsichtung einige Fehlschlüsse meinerseits ausmerzen könnte. Ein beeindruckend singulärer Film auf jeden Fall, dessen immense Kraft die Menschen damals scharenweise in Panik aus den Kinos trieb. In diesem Zustand würde ich auch gern kommen.

Kommentare
  1. Ich liebe Ishii! Es ist jammerjammerjammerschade, dass soviel von ihm entweder noch gar nicht oder nur sauschwer erhältlich ist!

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