terza visione 3: acid – delirio dei sensi (giuseppe maria scotese, italien 1968)

Veröffentlicht: April 5, 2016 in Film
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800px-acidDie ersten Minuten: New York, Manhattan, Greenwich Village. Hippies mit schmutzigen Füßen und trübem Blick, die Wanderklampfe immer im Anschlag, ein Lied über den Frieden auf den trockenen Lippen, wahrscheinlich druff. So ist sie halt, die „psychodelische Generation“, wie der Voice-over in vollem Bewusstsein der großen Bedeutung seiner aufklärerischen Mission mitzuteilen weiß. Interessiert ist der Blick der Kamera, aber ohne Zweifel auch ziemlich abfällig und voller Vorurteile. Zwei Ärzte dürfen über den typischen LSD-Konsumenten erzählen und ihre wohlklingenden Kategorisierungen abgeben. Die Hippies selbst, die sich für nur fünf Dollar ein Stück vom Paradies zu erwerben hoffen oder auf eine „Reise“ gehen wollen, die am besten nicht mehr endet, werden nicht gefragt. Und kommen im folgenden Film, der doch eigentlich von ihnen und ihrer Droge handeln soll, bestenfalls als schmückendes Beiwerk vor.

ACID – DELIRIO DEI SENSI beinhaltet alles, was den Reportfilm auszeichnet: Er hat den stets die Ernsthaftigkeit der Situation vermittelnden Kommentator, der um den inflationären Gebrauch von Reizwörtern oder eine plakative Redewendung nie verlegen ist (auf Italienisch macht der Film dann auch nicht einmal halb so viel Spaß wie in der allerdings seltenen deutschen Synchronfassung). Er hat eine „Fremdenführerin“, die den Zuschauer und die Kamera durch den Film und Greenwich Village begleitet, in diesem Fall eine Redakteurin der renommierten „Village Voice“ (ob die Zeitung von ihrer wichtigen Rolle in diesem Werk wusste?). Er hat Szenen, die die Authentizität des Eingefangenen belegen sollen, etwa wenn der „Regisseur“ (von dem man nur Beine und Hände sieht) einen wichtigen Hinweis per Telefon erhält, was der offensichtlich stets einsatzbereite Kameramann glücklicherweise festgehalten hat. Er hat „Fachleute“, die in kurzen Interviewfetzen unhinterfragte Aussagen treffen, die wie Naturgesetze behandelt werden. Und er hat natürlich durch einen losen roten Faden verbundene Episödchen um einige Charaktere, die die Filmemacher bei ihrem Aufenthalt in New York kennen gerlernt haben und fortan filmen durften.

Da ist zum Beispiel Modell und Studentin Shelly, deren Freunde es lustig finden, ihr eine Geburtstagstorte zu überreichen, deren Zuckerguss LSD enthält, ohne ihr das mitzuteilen. Shelly isst gleich drei Stücke (weil sie an diesem Abend Hunger hatte, wie der Kommentator sie entschuldigt) und geht daraufhin in einem öffentlichen Brunnen baden. Teufelszeug! Dann gibt es da noch die stets übermüdet ins Nichts starrende Patricia, die hoffnungslos in den schwarzen Tänzer Nicky verknallt ist, der sich aber von ihr in Besitz genommen fühlt und sich lieber von der komplett durchgeknallten Ursula verarschen lässt. Ebenfalls von Bedeutung ist der Anwalt James, der mit dem Syndikat zusammenarbeitet und den Auftrag erhält, den Jugendmarkt für den Drogenverkauf zu erschließen, was ihn in einen Gewissenskonflikt wirft. Und den melancholischen, attraktiven Konzernboss, der alles hat, aber doch lieber bei miefigen Happenings rumhängen will, muss ich hier ebenso erwähnen wie die Ausflüge in die „duften Beatschuppen“, in denen unterschiedlich talentierte Combos auftreten, amateurhafte Kunst und doofe Slogans die Wände verschönern und das Publikum entweder bräsig und weichgequarzt in den Seilen hängt oder aber einen entfesselten Veitstanz aufführt.

Die berauschten Sensationen, die der Film aufbietet, kann man kaum nacherzählen, auch wiel sie völlig im luftleeren Raum stehen: Bei einer vornehmen Party spielen die geladenen Frauen unter Drogeneinfluss eine Art verkehrtes Limbo, bei dem es darum geht, mit gespreizten Beinen über eine kontinuierlich höher positionierten Kerze zu laufen, ohne dass diese verlöscht, während die Männer sie mit rhythmischem Klatschen förmlich zur Raserei treiben. Die Szene dauert endlos und alle steigern sich in einen Wahn hinein, der angesichts der Idiotie des Spiels vollkommen fremd bleibt. Charaktere sagen Sachen wie die, dass sie Lust hätten, jemanden umzubringen, worauf sie die Antwort erhalten, dass sich sowas spontan ergeben müsse. An San Francisco gefällt, dass es das „psychodelische Herz der USA“ ist und „jede Nacht ein Happening“ stattfindet. Ein Psychiater praktiziert im Judoanzug und in einem vollkommen runden, weißen Raum. Der Firmenboss gibt ein Interview, bei dem er sich wie ein Vollarsch benimmt und sackdumme Antworten gibt, die ihn als besonders schlagfertig ausweisen sollen. Zwischen dem Mafiamann und der Village-Voice-Tante bahnt sich eine Romanze an, die mit maßgeschneiderten Herrenschuhen aus Beton und ihm auf dem Grund des Hudson River endet. Patricia springt aus Liebeskummer von einer Brücke und Shelly sieht nur noch grau und schmeißt ihre Studienbücher weg. Der Film endet kaum verwunderlich in einem Krankenwagen, der – eine Breitseite Konsumkritik muss noch sein – an bunten Werbetafeln vorbeifährt. Eat this, sheeple!

Zwei Dinge stechen ins Auge: All die Geschichten, die da erzählt werden, haben nur sehr am Rande etwas mit LSD zu tun – alle Charaktere kommen eher zufällig dazu und so richtig begeistert scheint keiner davon zu sein -, mit den am Anfang vorgeführten Hippies und ihren Ideen einer psychedelischen Gesellschaft bzw. den halluzinogenen Wirkungen der Droge rein gar nichts. Die Geschichten sind eigentlich sogar völlig untypisch für das doch angeblich im Zentrum stehende Milieu und werfen die Frage auf, ob hier nicht einfach Material unter fremdem Titel zusammengeschraubt wurde, das anderswo übrig geblieben war. Dafür funktioniert die Melange dann aber wieder erstaunlich gut. Aber das ist ja auch gerade das, was für den Film so einnimmt: Er folgt einer Ende der Sechzigerjahre bereits seit Jahrzehnten etablierten Schablone (das Marihuana-Pendant REEFER MADNESS stammt etwa von 1938), ohne in der Lage zu sein, diese wirklich anzuwenden. Was da passiert, ist komplett wahnsinnig, und wirkt nicht gerade so, als seien die Filmemacher die geeigneten Leute gewesen, ihr Publikum vor den Gefahren des Missbrauchs von Halluzinogenen zu warnen. Denen hat man selber eine ordentliche Portion Acid in den Fernet geschüttet. Prost!

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