terza visione 3: traviata ’53 (vittorio cottafavi, italien 1953)

Veröffentlicht: April 6, 2016 in Film
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traviata_53-484934336-largeMit Cottafavis TRAVIATA ’53 gab es im Rahmen des Terza Visione zum ersten Mal ein Melodram zu sehen. Das Schlucken mancher Besucher, die unter dem Begriff „Genrekino“ vor allem Western, Horror-, Action-, Science-Fiction- oder Abenteuerfilme verstehen, vielleicht noch erweitert um Komödien, belegte die auch von Christoph Huber vom Filmmuseum Wien in seiner Einführung vertretene These, dass das Melodram heute als eines der vergessenen oder gar geringgeschätzten, jedenfalls nicht mehr Ernst genommenen Genres gelten darf. Wenn sich Gefühlsausbrüche in wüsten Schießereien oder Fausthieben äußern, ist das eine Abstraktionsstufe, die vielen offensichtlich einfach besser reinläuft, als wenn zu anschwillender Geigenmusik ungehemmt die Tränen kullern. Wie TRAVIATA ’53 insgesamt in der Gunst des Publikums abgeschnitten hat, kann ich nicht sagen, aber immerhin war es während der gesamten Vorstellung angemessen still im Saal, es wurde also keineswegs „durchgelacht“ wie das Christophs Ausführungen zufolge selbst in den Tempeln der vermeintlichen Hochkultur heute bei Melodramen üblich ist. Und die Hofbauer-Kongress-Erprobten waren sich am Ende sowieso einig, mit TRAVIATA ’53 einen Höhepunkt des Festivals gesehen zu haben. Kein Wunder, galt Cottafavi in den Fünfzigern vielen europäischen Cinephilen doch nicht nur als italienischer Meisterregisseur, sondern gar als einer der größten überhaupt, bevor er dann in Vergessenheit geriet.

TRAVIATA ’53 ist, wie der Name unschwer erkennen lässt, eine Adaption von Alexandre Dumas‘ d. J. Roman „Die Kameliendame“, dessen Geschichte ins Jahr 1953 verlegt und mit einigen kleinen, aber durchaus gewichtigen Veränderungen erzählt wird: Stammt der männliche Liebhaber der Prostituierten Marguerite bei Dumas aus vornehmen, wohlhabenden Kreisen und ist es sein Vater, der in die für unschicklich gehaltene Beziehung seines Sohnes zu der Lebedame eingreift, ist es in Cottafavis Version der etwas biedere, mittelständische Ingenieur Carlo (Armando Francioli), der von den Freunden der in den höchsten Zirkeln der Mailänder Gesellschaft verkehrenden Rita (Barbara Laage) als ihrer Liebe nicht würdig angesehen wird. Zwar sind die Folgen dieselben – Rita verlässt Carlo ohne Angabe von Gründen (und keinesfalls aus freien Stücken, wie er fälschlicherweise glaubt), er kann Jahre später nur noch ihren Tod betrauern – doch der Stoff bekommt eine völlig andere Gewichtung.

Cottafavis Film beginnt damit, dass Carlo während der Feierlichkeiten um die Taufe seines ersten Kindes ein Telegramm erhält, das ihn über den Verbleib Ritas aufklärt, die er seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und ihm mitteilt, dass sie im Sterben liegt. Sofort bricht er auf, lässt sich vor seiner Gattin und den anderen Gästen verleugnen, und rast in Richtung der Alpen, wo sich das Sanatorium befindet, in dem Rita den Tod erwartet. Die nun folgende Rückblende, die zeigt, wie Carlo und Rita sich kennenlernten, unter welch schwierigen Bedingungen sie schließlich zum Paar wurden und wie es zu ihrer Trennung kam, dauert fast den gesamten Film. An seinem Ziel angekommen, erfährt Carlo nur noch vom Tod Ritas, was die Beweggründe für ihre Trennung waren und was in den Jahren danach mit ihr geschah. Auch von ihrem Leichnam kann sich Carlo nicht mehr verabschieden, nur noch dabei zusehen, wie ihr Sarg versiegelt und abtransportiert wird. Dann endet der Film.

TRAVIATA ’53 handelt sehr konsequent von einem Mann, der immer zu spät kommt bzw. nie „in der Gegenwart ist“, da, wo das Leben passiert. Schon der „Anlass“ des Films macht das ja sehr deutlich: Carlo verlässt die Taufe seines Kindes und seine Familie, um einer Frau nachzureisen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, und verbringt einen Großteil der folgenden 90 Minuten im Past Tense seiner Erinnerungen. Aber auch in der Rückblende inszeniert Cottafavi diesen Carlo als Zuschauer in seinem eigenen Leben, lässt ihn still, teilnahmslos und unsicher am Rand stehen. Gegenüber der Angebeteten verwandelt er sich in einen devoten Schuljungen, der wie ein trauriger Hund dreinblickt, wenn er wiederholt von ihr versetzt wird. Einmal besucht er mit ihr ein Casino, steht vom Roulettetisch auf und geht weg. Die Kamera fängt ihn zunächst dabei ein, wie er den Tisch verlässt und links aus dem Bild läuft, folgt ihm dann aber nicht, sondern verharrt in einer statischen Einstellung ohne echtes Zentrum, bis er nach einigen Sekunden wieder auftaucht. Es ist, als habe sie das Interesse an ihm verloren, weil er ihr zu unscheinbar ist. Er wirkt zum Teil wie ein Geist, völlig unfähig, Fakten zu schaffen, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Auch wenn er sich spontan dazu entscheidet, der eben kennengelernten Rita ins Nachtleben zu folgen, wirkt er dabei wie jemand, der einem Ruf folgt, nicht wie einer, der die Initiative ergreift. Und was ist eigentlich mit seiner Verlobten? Er erwähnt sie genau einmal, danach nie wieder, der Zuschauer bekommt sie nie zu Gesicht. Hat er sie einfach sitzenlassen? Oder führt er an der Seite Ritas ein Doppelleben? Vielleicht hat er sie wirklich einfach vergessen, es würde zu ihm passen.

Rita scheint zunächst anders und wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass sich Carlo zu ihr hingezogen fühlt: Sie kommandiert das Interesse, bildet immer sofort ein Zentrum, sogar dann, wenn sie nicht da ist. Auf der Party, wo Carlo sie eigentlich treffen wollte, ist sie dann doch nicht und natürlich ist die Veranstaltung demzufolge: langweilig. Als er sie nach Hause bringt und sie ihn hineinbittet, wirkt er wie der Schüler, der sich plötzlich im Haus der erotischen Lehrerin wiederfindet. Wenn ich mich recht erinnere, spricht sie ihn sogar mit „mein Kleiner“, „Liebling“, „Junge“ oder einer ähnlich verniedlichenden Formel an. Und sie setzt sich vor ihm auf den Boden und überragt ihn dennoch. Sie wirkt ihm gegenüber deutlich älter und reifer, was nicht zuletzt an seiner klassenbedingten Scham ihr gegenüber liegt. Doch wie sich herausstellt, ist Rita auch nur ein Produkt sowohl der reichen Männer, die sich mit ihr schmücken und sie ausstatten, als auch der Gesellschaftsdame Signora Zoe (Gabrielle Dorziat), die das aus einfachen Verhältnissen stammende Straßenmädchen einst unter ihre Fittiche nahm und nun sehr ungehalten darauf reagiert, dass Rita all den Wohlstand aufgeben will, um sich mit einem kleinen Angestellten zu vermählen. All die Souveränität, die sie ausstrahlte, ist plötzlich weg, verschwunden mit den Kostbarkeiten, die ihr dargeboten wurden, der Aufmerksamkeit, die ihr auf Parties und Empfängen zuflog. Sie ist mit einem Mal ein Niemand, entkernt.

Cottafavis Film kennt kein Aufbrausen und Wallen der Gefühle. Selbst die dramatischen Momente wirken ungemein gehemmt, die Liebe von Carlo und Rita überträgt sich nicht, sie entzündet nichts im Betrachter. Es gibt eine kurze Montagesequenz, die die beiden glücklich zusammen zeigt, ergänzt durch einen Voice-over Carlos, der davon spricht, wie glücklich die beiden waren, aber so richtig überzeugend klingt das nicht. Man weiß ganz unabhängig vom Wissen über den Ausgang der Vorlage, dass diese beiden eigentlich nicht zusammenpassen. TRAVIATA ’53 ist insofern auch ein sehr moderner Film, weil er deutlich macht, dass das Gefühl nicht immer ausreicht, um eine Beziehung zu führen, eine Partnerschaft zu bilden. Es gehört mehr dazu, eine Gemeinsamkeit in den Überzeugungen, der Lebensanschauung, der Handlung, ein verbindender Rapport, auch Kraft. Deswegen scheint es mir auch so bezeichnend, dass Carlo erst drei Jahre später begreift, warum sie ihn einst verlassen hatte, und dass der Grund ihrer Abreise unmittelbar mit einem wie aus dem Nichts gewährten Kredit für seinen Vater zusammenhing. Carlo ist ein fürchterlicher Träumer, ein ziemlicher Weichling und in handfesten Dingen sehr ungeschickt. Dass er Ingenieur sein soll, ist auch so ein Witz, den sich das Drehbuch mit ihm erlaubt. Trotzdem fühlt man am Ende mit ihm: Das Finale ist ein Runterzieher erster Güte und Cottafavi scheint es fast zu genießen, den Schmerz seines Protagonisten in langen Einstellungen ins Unermessliche zu steigern. Es ist so als wollte er ihm eine Lektion erteilen. Ich hoffe, Carlo hat sie gelernt und ist nach dieser Reise in die Vergangenheit schleunigst zurück in die Gegenwart und zur Taufe seiner Tochter zurückgefahren.

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