dirty love (joe d’amato, italien 1988)

Veröffentlicht: April 15, 2016 in Film
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UnbenanntNach einer kurzen Definition von „Tanz“ gefragt, könnte man vielleicht antworten, dass es sich dabei um die rhythmische, fließende Bewegung zu Musik handelt, weiterführend, dass es sich dabei um den spielerischen, körperlichen, also: nonverbalen, Ausdruck von Emotionen handelt. Mit DIRTY LOVE hat auch der nimmermüde Joe D’Amato in den späten Achtzigern seinen Tanzfilm gedreht und irgendwie ist da zusammengekommen, was zusammengehört.

Es ist mir bis hierhin sehr schwer gefallen zu erklären, was mich an D’Amatos Filmen, vor allem jenen aus den späten Achtzigerjahren, in letzter Zeit so fesselt. D’Amato erzählt keine wahnsinnig originellen Geschichten und eigentlich ist seine Haltung als Regisseur mit der eines Erzählers sowieso nur sehr unzutreffend beschrieben. Seine Filme zeichnen sich vor allem durch eine sehr eigene Atmosphäre und Ästhetik aus, sie wirken traumgleich, gedämpft, verlangsamt, unwirklich, ohne dabei jedoch jemals ins ausdrücklich Surreale oder Unrealistische abzugleiten, sie scheinen „uninszeniert“, ohne jedoch die oft anstrengenden Authentifizierungsstrategien eines als „dokumentarisch“ apostrophierten Kinos aufzufahren. Seine Protagonisten, gespielt von oft amateurhaft und ungeschliffen, positiv gesagt: ungekünstelt agierenden Darsteller – die hölzernen englischen Synchronisationen unterstreichen diesen Aspekt noch – sind keine echten Handelnden, also Menschen, die den Fluss des Films durch ihre Persönlichkeit und die aus dieser hervorgehenden Entscheidungen und Taten vorantreiben, sondern eher menschliches Treibgut, oder besser: Träumende, deren Unterbewusstsein ihnen nur vorgaukelt, irgendeinen Einfluss auf den Fortgang ihres Traums zu haben. Deshalb ist ein Tanzfilm, in dem es eben zunächst nicht um die Ratio und den verbalen Ausdruck geht, sondern um die ungefilterte Übertragung innerer Vorgänge nach außen, auch so eine reizvolle Schablone für D’Amato: Seine Figuren schwimmen wie bunte Fische ziellos in einem Aquarium umher, reine unreflektierte, ungerichtete Bewegung, und aus ihrem Mund steigen immer wieder seltsam eckige, oft brachial deklamatorische Willens- und Absichtbekundungen auf wie Luftbläschen, nur um an der Wasseroberfläche sogleich wieder zu zerplatzen.

Seine Protagonistin heißt Terry Jones (Valentine Demy) und man kann sich schon allein über diese Namensgebung stundenlang den Kopf zermartern: Hat D’Amato diesen Namen reflexhaft gewählt, so wie er auch zu inszenieren scheint, oder hat er dabei vielleicht doch an das Monty-Python-Mitglied gedacht? Wie dem auch sei, jedenfalls ist diese Terry keine rein sympathische Figur, im Gegenteil: Die Art, wie sie ihre höchst sprunghafte und unzuverlässige Art als Ausdruck eines angeblich so gefestigten Charakters begreift, mutet unreif und teilweise gar bösartig an. Dem Freund, den sie zu Beginn zurücklässt, um in Richmond eine Tanzkarriere zu starten, verspricht sie im Weggehen noch, ihn nicht zu betrügen, doch schon in der nächsten Sekunde interessiert sie das nicht mehr, er wird im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen, nicht einmal als Erinnerung. Der junge Hotelportier, von dem sie sich zu spontanen, ausgelassenen Tanzeinlagen auf dem Flur hinreißen lässt und der ihr zum Auszug ein Fahrrad schenkt, erhält dafür nicht nur kein Dankeschön, auch das Versprechen, ihn zu besuchen, löst sie erst ganz am Schluss des Films endlich ein. Einem Stripper, mit dem sie in ein Hotel geht und der es dann im Bett nicht bringt, nimmt sie gnadenlos die zehn Dollar wieder weg, die sie ihm als Bezahlung gegeben hat, ohne jedes Mitleid für das jammernde Häufchen Elend, das ihr unter Tränen gesteht, noch nie mit einer jungen Frau geschlafen zu haben. Ihre Mitbewohnerin, in deren Wohnung sie unterkommt, wird von ihr aufs Übelste beschimpft, als Terry herausfindet, dass sie sich als Prostituierte verdingt und außerdem drogenabhängig ist. Die Eltern, die ihr unter der Voraussetzung, dass Terry das Tanzen aufgibt, spontan einen großen Geldbetrag zur Verfügung stellen, um ihr aus einer Zwangslage zu helfen, werden ebenfalls belogen. Und den fiesen reichen Schnöselmacker, in dessen Haus sie sich ohne Einladung förmlich eingenistet hat, fordert sie in einem Konflikt auf, aus ihrem Leben zu verschwinden, als sei er es, der ihre vier Wände bewohnt.

Aber diese Sprunghaftigkeit Terrys macht auch den eigentümlichen Reiz dieses Films aus, der keinem eingängigen 4/4-, sondern einem weitaus komplexeren oder eben gar keinem Takt zu folgen scheint. Die „schmutzige Liebe“, von der der Titel spricht, kommt erst sehr spät ins Spiel, ein einsames Zugeständnis an die Konvention des Erzählkinos, und das seltsame Happy End – Terry wird beim Vortanzen zusammen mit einem männlichen Mitbewerber, den man vorher noch nie gesehen hat, ausgewählt – schließt einen Handlungsstrang ab, der eigentlich gar nicht entwickelt wurde. Stattdessen folgt DIRTY LOVE dem eigensinnigen Gang seiner Protagonistin, der ihrem Tanzstil ähnelt, durch das Leben: nicht geltenden Regeln von Grazie und Anmut folgend, die Kanten nicht durch das Sandpapier einer klassischen Ausbildung abgeschliffen, sondern impulsiv, voller Energie und ganz der augenblicklichen Inspiration verpflichtet. Ihr trotziges Kinn wie ein Rammbock nach vorn gestreckt, um Hindernisse zur Seite zur werfen, marschiert Terry auch in der größten Verwirrung noch mit entschlossener Zielstrebigkeit nach vorn, lässt sich von eigenartigen Zufällen nicht aus der Bahn werfen. Sie weiß, dass man in einem Film von Joe D’Amato eh mit allem rechnen muss. Zum Beispiel damit, den geilen Macker mit Ambitionen in der Politik auf der schäbigen Bowlingbahn wiederzutreffen.

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