ich seh ich seh (veronika franz/severin fiala, österreich 2014)

Veröffentlicht: April 26, 2016 in Film
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ich2bseh2bich2bsehDie Natur, die da draußen vor der Tür der sachlich-kastenförmigen, keinen unnötigen Schnörkel sich erlaubenden Villa liegt, ist dunkel und geheimnisvoll. Das Maisfeld ein unergründliches Labyrinth unzähliger Gänge ohne Ziel, der rissige, schwankende Feldboden bedeckt eine endlose Tiefe, der Wald schluckt jeden Ton, den ein Mensch machen könnte, Felsbrocken sehen aus wie Spielzeug, das Riesen in grauer Vorzeit zurückließen, als sie von der Erdoberfläche verschwanden, der See vor der Haustür ist wie ein großer, schwarzer Spiegel. Hier und da haben die Menschen ihre Spuren hinterlassen, den Eingang zu einem Kanal etwa, der mitten im Wald klafft wie das Tor zu einer anderen Dimension, oder eine Zisterne, in der sich Menschenknochen und -schädel stapeln. Für Lukas und Elias (Lukas & Elias Schwarz) ist alles eins: lockendes Mysterium, Quell der Abenteuer, Anlass für aufregende Entdeckungsreisen, Nahrung für die übersprudelnde Fantasie. Letzteres gilt auch für die mit bandagiertem Gesicht und reizbarem Gemüt aus dem Krankenhaus zurückkehrende Mama (Susanne Wuest), deren Launen die beiden Brüder bald schon in den Glauben versetzen, jemand anderes habe ihre Stelle eingenommen.

ICH SEH ICH SEH lebt nicht zuletzt von der Spannung zwischen dem Draußen und Drinnen: Draußen die schon geschilderte, mitunter bedrohliche Natur, die sich keinem menschlichen Willen beugt, oder auch die Urwüchsigkeit eines ausgestorbenen österreichischen Dorfes, das sich völlig organisch um eine Kirche drängt, drinnen die rationale Kühle kubistischer Architektur, gerade Linien, klare Abgrenzungen zwischen Weiß und Schwarz, Abwesenheit jeder Dunkelheit. Es gibt diese Szene, in der die Jungen ihre Mutter förmlich zur Seite stoßen, um endlich raus zu kommen aus diesem leblosen, sterilen Haus, draußen zu spielen und rennen, das Gras unter den Füßen zu spüren. Nicht etwa in strahlendem Sonnenschein, sondern in einem sommerlichen Hagelschauer, der zu einer Schlacht mit den kleinen, perfekten weißen Eiskörnern einlädt. Der wankende Boden auf dem Feld, das schwarze Loch im Wald, die unergründliche Tiefe des Sees, die Berge von Totenschädeln machen den Jungen keine Angst. Angst machen ihnen das Gesicht, das sich hinter den weißen Bandagen verbirgt, die Geräusche, die das im Schlafzimmer der Mutter versteckte Babyfon an sie überträgt, die lieblose Zweckmäßigkeit ihres Hauses, das wie eine Verlängerung der grausamen Gefühlskälte der Mutter wirkt. Man fragt sich, wie die beiden Brüder das Haus betrachteten, bevor die Mutter ins Krankenhaus ging, ob sie sich da von seinen Wänden geborgen fühlten, wenn draußen ein Unwetter tobte. Oder ob schon die bloße Existenz dieses scheußlichen Betonklotzes der erste Schritt zu jener Entfremdung ist, die sich im letzten Akt des Films in überaus schmerzhaften Bildern der Gewalt entlädt.

 

 

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