young sherlock holmes (barry levinson, usa 1985)

Veröffentlicht: April 30, 2016 in Film
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young_sherlock_holmes-782808703-largeImmer schwierig: „Nostalgiefilme“, zu denen die nostalgische Bindung fehlt. YOUNG SHERLOCK HOLMES ist so ein Film. In den Achtzigerjahren wäre diese Spielbergproduktion, mit der das langsam den Kinderschuhen entwachsende Wunderkind eine Art jugendfreien TEMPLE OF DOOM in die Kinos brachte, genau meine Kragenweite gewesen. Gut, streng genommen war ich 1986, als er mit einer Freigabe ab 12 in die deutschen Kinos kam, immer noch zwei Jahre zu jung, aber hätte ich ihn damals zu Gesicht bekommen, ich hätte ihn bestimmt geliebt. Ein jugendlicher Held, superschlau, schlagfertig, ausgezeichnet mit dem Degen und trotz durchschnittlichem Äußeren mit hübscher Freudin ausgestattet, dazu ein treuer Sidekick, unterirdische Tempel, finstere Kulte, wahnwitzige Erfindungen und jede Menge aufwändiger Ausstattung und fantasievoller Effekte: YOUNG SHERLOCK HOLMES hat alles, was ein Heranwachsender zur Identifikation benötigt, was ihn begeistert und seine Fantasie beflügelt. Mit dem Erwachsenen sieht es da schon etwas anders aus.

Der Film, den ich bislang noch nicht kannte, hat mich dann doch eher kalt gelassen bei der gestrigen Sichtung. Ich bin einfach nicht reingekommen (was auch an äußeren Umständen gelegen haben mag), die Story war mir herzlich egal, das Staunen, auf das Spielberg und Sonnenfeld gewiss hingearbeitet haben, entsprach bei mir einem grundsätzlich wohlwollenden, aber doch eher teilnahmslosen „Ach guck mal, nett“. Ich will das YOUNG SHERLOCK HOLMES nicht ankreiden, der vieles richtig macht und seine Prämisse sehr ernst nimmt (auf jeweils einer Schrifttafel am Anfang und Ende des Films entschuldigen sich die Macher förmlich dafür, dass sie nicht auf eine Originalvorlage zurückgreifen konnten). Die Spezialeffekte sind toll und lassen einen jene Zeit zurückwünschen, in denen das meiste von dem, was man da zu Gesicht bekam, tatsächlich noch Handarbeit war. Die Kulissen – ob echt oder nachgebaut – verleihen dem Film jenen sense of place, den man bei den meisten Greenscreen-Schöpfungen vergeblich sucht, auch wenn sie noch so detailverliebt sind. Besonders hervorzuheben ist aber die Besetzung, die ohne jeden mit Gewalt reingezwungenen Star auskommt. Britische Charakterdarsteller bestimmen das Bild und sorgen mit ihren Stimmen und dem charakteristischen Akzent für Authentizität, um die sich Guy Ritchie bei seinen Vehikeln sicher weniger scherte. YOUNG SHERLOCK HOLMES lässt sich Zeit dafür, seine Charaktere einzuführen, und sein Hauptplot kristallisiert sich fast nebenbei aus dem episodischen Flow der Ereignisse heraus. Das ist alles sehr sympathisch, auch und vor allem, wenn man es mit vergleichbaren Großproduktionen von heute vergleicht, denen Stromlinienförmigkeit alles ist. Aber wie gesagt: Der Funke wollte nicht richtig überspringen. Vielleicht bin ich tatsächlich zu alt für diesen Scheiß.

Kommentare
  1. noribori sagt:

    JK Rowling hingegen war 1985 20 Jahre alt, das ist auch nicht gerade die Zielgruppe dieses Films, aber gesehen hat sie ihn vielleicht doch, denn die Ähnlichkeiten zur ab 1990 entstandenen Harry Potter-Welt sind hier nicht nur vereinzelt vorhanden, sondern fast komplett: Zwei Jungen und ein Mädchen (sieht nicht der junge Watson mit Brille und Schal aus wie der spätere Film-Harry Potter?), Internat, viktorianisches Ambiente, geheimnisvolle Todesfälle, übernatürliche Phänomene aus der Fantasy-Welt, Lehrer als Verdächtige und tatsächliche Täter, archaische Geheimbünde mit abgrundbösen Motiven. Aber nicht nur der Plot, auch die ganze Grundstimmung des Films, diese Mischung aus süsslich märchenhaft und schrill gefährlich kommt einem sehr bekannt vor. Und das liegt vielleicht daran, dass der Drehbuchautor von Young Sherlock Holmes, Chris Columbus, der Regisseur der ersten beiden Harry Potter Filme werden durfte.

    Interessanter sind aber vielleicht die Unterschiede: dieser Widerspruch zwischen herumlaufenden Kindern und lebensgefährlichen Bedrohungen konnte von Columbus nur im Rahmen dessen gelöst werden, was ein Kinderfilm erlaubt. Der Zuschauer weiß, dass den Hauptfiguren nichts passieren wird. Das für den Kinderfilm grundlegende Gefühl der Geborgenheit wird gekitzelt, aber niemals wirklich angekratzt.
    Das ist bei Rowling anders. Es ist ihr Verdienst, dass sie die Gefahren und damit auch ihr jugendliches Publikum ernst nimmt. Tödliche Bedrohungen sind bei ihr real und können auch wichtige Figuren treffen. Zumindest ab dem dritten HP-Band sind ihre Bücher keine reinen Kinderbücher mehr. Rowling hat damit zur Weiterentwicklung der Young Adult Literature beigetragen, die heutzutage auch im Kino eine dominante Rolle spielt. Aus dieser Perspektive gesehen wirken Young Sherlock Holmes und auch die beiden ersten HP-Filme heute antiquierter als beabsichtigt.

    SPOILER:
    Dass in YSH die weibliche Hauptfigur am Ende stirbt, halte ich eher für ein Zugeständnis an die Sherlock Holmes Fangemeinde, die sich ein Happy End mit einem glücklich verliebten Holmes einfach nicht vorstellen möchte. Der Film entschuldigt sich sogar zu Beginn und am Schluss dafür, nicht auf den Doyle-Romanen zu basieren und betont „respektvolle Bewunderung“ für die originalen Werke.

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