under the cherry moon (prince, usa 1986)

Veröffentlicht: Mai 2, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

under-the-cherry-moon-images-b801ca48-d901-4257-ad5d-13b8f93b78eNach PURPLE RAIN einen Text über Prince‘ zweiten Film folgen zu lassen, war ziemlich naheliegend. Aber UNDER THE CHERRY MOON kann auch als neuester Eintrag in meiner unregelmäßig fortgeführten Serie über legendäre Flops und filmische Missverständnisse verstanden werden. Hatte Prince sich mit dem Erfolg des Vorgängers noch als kommerziell nicht zu unterschätzende Leinwandkraft empfohlen, ging er schon mit seinem zweiten Film heftig baden, sowohl hinsichtlich des Zuschauerzuspruchs als auch was die kritische Rezeption betraf.

UNDER THE CHERRY MOON spielte gerade einmal 10 Millionen Dollar und damit noch nicht einmal seine Kosten wieder ein (PURPLE RAIN erwirtschaftete immerhin einen Umsatz von 70 Millionen, was etwa dem Zehnfachen seiner Kosten entsprach), erntete überwiegend verheerende Kritiken und war mit fünf Auszeichnungen (Worst Film, Worst Director, Worst Actor, Worst Supporting Actor, Worst Original Song) der große Abräumer bei den berüchtigten Raspberry Awards seines Jahrgangs. Auch von einer positiven Re-Evaluation, die so manchen einstigen Flop später rehabilitiert, ist UNDER THE CHERRY MOON heute noch weit entfernt: Der Film gilt als unrettbares Fiasko, wird in diesem Text gar als „unwatchable“ bezeichnet (was, so viel schicke ich mal vorweg, auf einen ziemlich humorlosen Charakter des Rezensenten schließen lässt) und harrt immer noch seiner Veröffentlichung als Blu-ray – die einst verfügbaren DVDs sind selbstverständlich längst out of print.

Ganz aus dem Nichts kamen die miserablen Resonanzen allerdings nicht. Schon die Produktion war von jenen Schwierigkeiten geplagt, die oft negative Presse und in der Folge ausbleibende Zuschauer nach sich ziehen: Dass die ursprünglich vorgesehene Regisseurin Mary Lambert (PET SEMATARY) vom fachfremden Prince höchstselbst ersetzt wurde, gab den Filmjournalisten eine Steilvorlage für die immer wieder beliebte Geschichte von Hybris und Größenwahn, der kurzfristige Ausstieg von Terence Stamp, für den schließlich Steven Berkoff einsprang, machte die Sache nicht besser. Zu behaupten, UNDER THE CHERRY MOON habe keine Probleme, käme dennoch der Realitätsverleugnung gleich: Anstatt einen weiteren Musikfilm vorzulegen, in dem Prince sich im weitesten Sinne selbst spielte, versuchte er sich an einer romantischen Komödie nach dem Vorbild alter Hollywoodklassiker, für die ihm aber sowohl die nötigen acting chops fehlten als auch eine etwas geerdetere Persona.

Als Identifikationsfigur taugt er in der Rolle des exaltierten Gigolos Christopher Tracy (dessen Haute-couture-Garderobe nicht ganz zum mittellosen Con-Man passen mag) nur sehr bedingt, als klassischer, romantischer leading man aufgrund seiner freien Interpretation von Heterosexualität noch viel weniger – man erwartet eigentlich ständig eine Liebesszene zwischen ihm und seinem Sidekick Tricky (Jerome Benton). Die erotischen Szenen mit seiner Partnerin – Kristin Scott Thomas in ihrem Leinwanddebüt, das sie heute gern aus ihrer Vita tilgen würde – hingegen wirken aufgrund mangelnder Chemie eher befremdlich, unglaubwürdig und gekünstelt, und der dramatische Impact des Finales kommt aufgrund dieser Mängel einem freundlichen Stupser gleich. Michael Ballhaus‘ erlesener Fotografie des Schwarzweißfilms sieht man deutlich an, dass er ursprünglich in Farbe geplant war (die mediterrane Farbenpracht des Drehortes Nizza und von Prince‘ Kleidung kann man logischerweise nur erahnen), die Musik, die für einen Großteil des potenziellen Publikums maßgeblicher Grund gewesen sein dürfte, sich den Film anzusehen, spielt bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich im Hintergrund. „Kiss“, der große Hit des zugehörigen Soundtrackalbums „Parade“ und einer von Prince‘ wohl bekanntesten Songs, wird nur kurz angerissen, die eine lang ausgespielte Tanznummer gibt es hingegen zu „Girls & Boys“ (der allerdings nicht weniger toll ist).

Dass UNDER THE CHERRY MOON oft als vanity project seines Stars bezeichnet wird, ist vor diesem Hintergrund mehr als naheliegend und auch nicht ganz unberechtigt. Verzieh man Prince die Nabelschau von PURPLE RAIN noch gern, weil sein immenses Talent als Musiker und Showman offenkundig und er in dem Film somit in seinem Element war, war man dahingehend deutlich weniger nachsichtig, als er sich plötzlich auch noch als witzig-spritziger Kumpeltyp, exotischer Liebesgott, tragischer Held und stilbewusster Lebenskünstler inszenierte. Wenn er, wie ich zuvor schrieb, in PURPLE RAIN trotz überirdischer Begabung vor allem als Mensch erschien, wirkt er in der eigentlich nach einer gewissen Bodenständigkeit verlangenden Rolle von Christopher Tracy wie ein Fremdkörper, als sei er eben erst aus einer purpurfarbenen Galaxie auf die Erde gebeamt worden. Prince war kein Humphrey Bogart und auch kein Cary Grant. Zum Glück.

Aber dieser Fehlschluss macht UNDER THE CHERRY MOON ja auch wahnsinnig interessant. Mir fällt auf Anhieb kein einziger Film ein, der vergleichbar wäre, auf diesem sichtbar hohen technisch-formalen Niveau solche absolut seltsamen Entscheidungen getroffen hätte und mit einer solch eigenartigen, magnetischen Hauptfigur aufwartete. Der Film ist ja auch ein Beweise für die Macht, die seinem Star damals, Mitte der Achtzigerjahre zukam: Unvorstellbar, dass dieser Film heute in dieser Form entstehen könnte. Und wenn ich Prince eben unterstellte, schlicht und einfach unglaubwürdig in seiner Rolle zu sein, so muss man ihm dennoch attestieren, mit weit heruntergelassener Deckung zu agieren. Er wirft sich ohne Fallschirm in diese Rolle, hat sichtlich Freude an seinem Part und das macht ihn auch sehr sympathisch. Allein, er bleibt eben der geniale Pop-Messias, der diesen Christopher Tracy zu jeder Sekunde überlagert und verhindert, dass man Zugang zu ihm findet. Aber dafür lernt man eben etwas über Prince, erhält Einblick in die Bilderwelt, aus der sich auch seine Musik speiste. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Europa und die USA, Realität und Märchen prallen nicht aufeinander, sondern durchdringen sich, bis alles eins ist. Die einzige Welt, in der Prince sich wirklich zu Hause fühlte, weil ihm die Realität zu eng war: „If nobody kills me or thrills me soon,  I’ll die in your arms under the cherry moon.“

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s