knock knock (eli roth, usa 2015)

Veröffentlicht: Mai 6, 2016 in Film
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061156Bisher waren Eli Roths Filme stets grelle Splattersatiren, die man sich als Zuschauer – bei allem erkennbaren Realitätsbezug – gut vom Leib halten konnte. Sicher, ihre Gewalt schnitt oft schmerzhaft ins eigene Fleisch, aber von Bedrohungen von HOSTEL, HOSTEL 2 oder auch THE GREEN INFERNO konnte man sich ja schon allein dadurch distanzieren, dass man brav zu Hause blieb, anstatt den ehemaligen Ostblock oder den peruanischen Urwald zu bereisen. Mit KNOCK KNOCK – dem Remake eines weitgehend unbekannten Siebzigerjahrethrillers – ist das nun anders: Nicht nur, dass das Böse hier, wie der Titel schon sagt, an die eigene Tür klopft, es trägt auch nicht mehr die Maske des perversen Machtmörders oder des klitorisbeschneidenden Wilden, sondern bittet in Gestalt zweier anscheinend harm- und hilfloser Mädchen mit devotem Augenaufschlag um Einlass ins traute Heim eines braven Familienvaters.

Bei diesem handelt es sich um den Architekten Evan (Keanu Reeves), dessen Gattin mit den beiden Kindern übers Wochenende verreist ist, um ihm Gelegenheit zum ungestörten Arbeiten zu geben. Diese Arbeit wird bald durch das titelgebende Klopfen gestört: Zwei junge, attraktive Mädchen – Genesis (Lorenza Izzo) und Bell (Ana de Armas) – stehen vom Regen durchnässt vor der Tür, können die Party, zu der sie eigentlich eingeladen sind, nicht finden, und bitten darum, füe ein Telefonat hereingelassen zu werden. Wer wäre Evan, wenn er ihnen die Hilfe nach anfänglichem Zögern verweigerte? Doch die Machtverhältnisse kippen schnell: Fühlt er sich zunächst noch sehr wohl und sicher in der Rolle des charmanten Gönners mit Traumfamilie, Karriere und Luxushaus, gerät er in die hilflose Defensive, als die beiden hübschen Mädchen anfangen ihm eindeutige Komplimente zu machen, ihn spielerisch zu berühren, ausgesprochen offenherzig über ihre sexuellen Vorlieben zu reden und ihm dann schließlich ein einmaliges Abenteuer zu versprechen. Der zuvor so coole Evan wird zum Nervenbündel, das den Sitzplatz im Minutentakt wechselt und die Rettung durch das gerufene Taxi zitternd herbeisehnt. Aber es kommt alles anders: Am Ende seiner Widerstandskräfte angelangt, landet er mit den beiden im Bett und tobt sich so richtig aus. Der Kater am nächsten Morgen wird nicht besser, als die beiden immer noch da sind. Und nicht nur zeigen sie keinerlei Bereitschaft, ihn wieder allein zu lassen, sie haben noch ganz andere Pläne mit ihm …

KNOCK KNOCK ist auch deshalb so perfide, weil man sich (als Ehemann zudem) unweigerlich fragt, wie man die Situation selbst besser gehandhabt hätte. Dessen Dilemma ist unmittelbar nachvollziehbar: Sein Wille, treu zu bleiben, der Versuchung nicht nachzugeben, ist da, aber er hat keine Chance gegen die Manipulationen der beiden Verführerinnen, die es schließlich genau darauf angelegt haben, ihn in die Falle zu locken. Die lange Sequenz, in der die beiden den freundliche-distanzierten Mann gnadenlos und noch spielerisch becircen, ist auch deshalb so enervierend, weil Reeves‘ Spiel das Rattern der mentalen Zahnräder und das Feuerwerk der Hormone hinter der nicht mehr ganz so coolen Fassade gnadenlos sichtbar macht. Bislang musste Roth seine Protagonisten mit dem absolut inhumanen Grauen konfrontieren, um sie an ihre Grenzen zu führen, hier reichen ein paar vielsagende Blicke und verbale Suggestionen, um alle Prinzipien bröckeln zu lassen. Und die Folgen sind dann nicht weniger verheerend.

Evans Ausbruch kurz vor dem Finale, als er in Panik voller Selbstmitleid seine Unschuld beteuert, zu seiner Verteidigung anführt, seinen weiblichen Peiniger doch nur dahin gefolgt zu sein, wo sie ihn haben wollten, macht seine ganze Jämmerlichkeit sichtbar. Er hatte immer die Wahl: Was ihm fehlte war der Einblick in und der Glaube an die möglichen Konsequenzen. Als er allein aufwacht, sieht man ihm an, dass er die Möglichkeit ins Auge fasst, das Abenteuer der letzte Nacht könne nur ein Traum gewesen sein, bis er schließlich die eindeutigen Spuren findet. Die Stimmen der Mädchen zerstören dann die Männerfantasie vom reuelosen Dreier mit den geilen Schlampen, plötzlich kommen da andere Motivationen und Pläne ins Spiel, für die man eigentlich keinen Platz hat. Was für ein Ärgernis, dass beim Sex andere Menschen involviert sind …

 

Kommentare
  1. Funxton sagt:

    „Was für ein Ärgernis, dass beim Sex andere Menschen involviert sind …“

    Nicht zwangsläufig, es geht auch anders: „Masturbation ist Sex mit jemandem, den ich wirklich liebe.“ (Woody Allen)

    Mehr als diesen letzten Satz habe ich übrigens noch nicht gelesen, weil ich den Film heute erst selbst schauen möchte🙂

  2. Alex sagt:

    Erstmal ein allgemeines Kompliment für den wundervollen Blog, den ich schon seit mehreren Jahren verfolge und genieße. Unglaublich, mit welch zielstrebiger Konsistenz hier durchweg lesenswerte, tief persönliche Filmtexte entstehen. Vielen Dank!

    Habe nun auch wirklich Lust auf die aktuellen Roth-Filme bekommen. Die Herabwürdigung seiner Arbeit finde ich genauso seltsam wie das „Torture Porn“-Label an sich. Ich wollte aber gerne noch eine Lanze für den „weitgehend unbekannten Siebzigerjahrethriller“ brechen, auf dem „Knock Knock“ basiert. „Death Game“ war vermutlich das Merkwürdigste, das ich in den vergangenen Monaten gesehen habe, aber der Film geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Von den surrealen Opening Credits über das wahnwitzige Spiel von Sondra Locke und Colleen Camp bis zum bizarren Schluss ein völlig singuläres Werk, das eine Wiederentdeckung mehr als verdient hätte.

    Hier der Trailer:

    • Oliver sagt:

      Vielen lieben Dank für die netten Worte! Es freut mich, dass es dir hier gefällt und hoffe natürlich, dass das auch in Zukunft so bleibt. DEATH GAME habe ich schon aufgetrieben und werde ihn vielleicht demnächst mal zum Vergleich heranziehen.🙂

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