creed (ryan coogler, usa 2015)

Veröffentlicht: Mai 8, 2016 in Film
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creed_poster_by_sahinduezguen-d99fk7gROCKY BALBOA ist jetzt auch schon wieder zehn Jahre alt. 16 Jahre nach ROCKY V, dem Tiefpunkt von Stallones Boxersaga, kehrte der Star zu der Figur zurück, die ihn zur Hollywood-Marke gemacht hatte. Was ein peinlich-schmerzhafter Versuch hätte werden können, im Alter noch einmal an die großen Erfolge anzuknüpfen, geriet zum Triumph: Mit seinem Film begründete Stallone eine Art Renaissance der vergessenen Actionhelden, die in den folgenden Jahren und Filmen nicht mehr nur gegen die üblichen Schurken, sondern auch gegen das eigene Alter, den langsam verfallenden Körper, enttäuschte Erwartungen, schwindende Hoffnungen und geplatzte Träume antreten mussten.

Mit CREED ist ihm nun das Wunder gelungen, an einen Film anzuknüpfen, der eigentlich schon ein perfektes Schlusswort war. Und das mit einer Idee, die sich zunächst nach einer der gängigen Reboot-/Spin-off-Strategien anhört, mit denen Hollywood derzeit systematisch alle Zuschauer verprellt, die dem Teenageralter intellektuell entwachsen sind. Rocky Balboa, der alte Terrier des Boxrings, tritt endgültig ins hintere Glied zurück, macht einem jüngeren Platz, in dessen Streben nach dem Erfolg und der Bestätigung, die die eigene Identität sichern sollen, er sich selbst wiedererkennt, gibt diesem sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Aber es handelt sich bei diesem Jüngeren nicht um irgendeinen Boxer: Es ist Adonis Johnson (Michael B. Jordan), Sohn von Rockys einstiger Nemesis Apollo Creed, mit dem er sich inner- und außerhalb des Rings epische Schlachten lieferte (ROCKY & ROCKY 2), nach dessen Karriereende sogar von ihm trainiert wurde (ROCKY 3) und dessen Tod er in einem vermeintlich harmlosen Showkampf erleben musste (ROCKY IV).

CREED liefert ein Update für die alte Rags-to-Riches-Geschichte, die Stallone in seinem Durchbruchsfilm erzählte. Adonis ist nämlich nicht der mittellose Immigrantensohn, dessen einzige Chance, nach oben zu kommen, der Boxsport ist. Das Vermögen, das der ihm unbekannte Papa hinterlassen hat, sollte ihm ein sorgenfreies Leben ermöglichen, in seinem Bänkerjob ist er eben erst befördert worden, existenzielle Sorgen hat er nicht. Aber weder ist dieser Reichtum der seine, noch erfüllt ihn das Leben in der Seifenblase. Ihm geht es darum, die eigene Identität zu finden, seinen eigenen Weg zu gehen, sich den berühmten Namen des Vaters zu verdienen, anstatt ihn als Türöffner in eine geborgtes Leben zu benutzen. Adonis‘ Generation hat nicht mehr mit der Armut zu kämpfen, sondern damit, dass es keine Gelegenheiten mehr gibt, sich als Persönlichkeit zu beweisen. Dem alternden Rocky imponiert sein Ehrgeiz, es auf seine Weise zu schaffen: Und natürlich besteht da eine Art familiärer Verbindung. Rocky, der seine große Karriere als abgeschlossenes Kapitel betrachtet, als angestaubte Historie gewissermaßen, bekommt eine Gelegenheit, diese eigene Geschichte in der Gegenwart weiterzuschreiben, Kontinuität zu schaffen, wo bislang eine Zäsur klaffte. So fügt sich auch der vielleicht wie ein melodramatisches Klischee anmutende Handlungsstrang um Rockys Krebserkrankung in den Film ein: Die Freund- und Mentorenschaft zu Adonis gibt dem alten Mann, der eigentlich keinen Grund mehr zu Leben sieht, die Motivation, weiterzukämpfen. Ohne Boxhandschuhe und gegen einen Gegner, dessen Gewicht sich nicht in Pfund beziffern lässt.

Ich bin, was Stallone und Rocky angeht, überhaupt nicht zur Objektivität in der Lage: Auch gestern saß ich pünktlich zum Finale, Adonis‘ großem Titelfight, wieder einmal on the edge of my seat, wich den auf dem Bildschirm geworfenen Geraden aus, verzog bei jedem Treffer das Gesicht. Vorher schon hatten mir Rockys Schicksal die Tränen in die Augen getrieben und die Referenzen an nicht weniger als 40 Jahre Filmgeschichte nostalgische Gefühle beschert. Aber Ryan Coogler macht das alles wirklich sehr subtil: Seine Ausflüge in die Vergangenheit und die Zitate machen im Rahmen seiner Geschichte Sinn und wirken niemals anbiedernd. Bei Adonis‘ Dauerlauf durch die heruntergekommeneren Ecken von Philadelphia folgen ihm die Fans nicht mehr zu Fuß, sondern auf aufgemotzten Sportbikes, Zeichen des wirtschaftlichen Wandels und eines grassierenden Materialismus. Der berühmte Treppensprint zum Ende ist hingegen deutlich leiser, aber der Triumph, der da errungen wird, wiegt wahrscheinlich schwerer als jeder Championship-Gürtel in den vorangegangenen Teilen. CREED ist ein wunderschöner Film, der dem Spirit des Siebzigerjahre-Klassikers verdammt nahe kommt. Ich würde an dieser Stelle eigentlich sagen wollen, dass CREED ein würdiger Abschluss ist, aber das dachte ich nach ROCKY BALBOA ja auch schon. In einem hingegen bin ich mir jetzt sehr, sehr sicher: Die Rocky-Reihe ist die großartigste Filmreihe der Geschichte. Und Stallone ein Heiligtum.

 

 

Kommentare
  1. Martin Otremba sagt:

    „Die Rocky-Reihe ist die großartigste Filmreihe der Geschichte. Und Stallone ein Heiligtum.“

    Danke für die Kritik und diese beiden Sätze!!!

    Nachdem Stallone ab Mitte der 80er seitens Presse und Filmkritiker immer mehr auf die „Abschussliste“ kam (man hängte sich nahezu nur noch an der angeblich politischen Botschaft seiner Filme auf; der Unterhaltungswert war zweitrangig); nach unzähligen Razzie-Awards (Goldene Himbeere); sollte man nun endlich mal begreifen, was dieser Mann mit Rocky geschaffen hat: eine der inspirierendsten und symphatischsten Identifikationsfiguren EVER!
    Wenn Rocky vor den Gräbern Paulies und Adrians sitzt, dann sitze ICH auch bei ihm und lasse die letzten 40 Jahre (!!!) dieser tollen Figuren Revue passieren…
    Danke Sly…

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