saat po long 2 (pou-soi cheang, china/hongkong 2015)

Veröffentlicht: Mai 11, 2016 in Film
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spl-2-movie-poster-gsc-malaysiaErinnert ihr euch auch noch an den Adrenalinschub, den damals, Anfang bis Mitte der Neunzigerjahre, die Erstbegegnung mit den Meisterwerken des Hongkong-chinesischen Heroic-Bloodshed-Kino verursachte? Wie die Actionszenen in den Filmen von John Woo, Tsui Hark, Ringo Lam oder anderen einen förmlich aus den Schuhen wuchteten, einem das Gefühl gaben, etwas ganz Neues zu sehen, etwas, was man in dieser Intensität noch nie zuvor gesehen hatte? An die wallenden Emotionen, die da plötzlich freigesetzt wurden, an die ungebremste Theatralik und Dramatik von Filmen wie DIP HUET SEUNG HUNG oder DIP HUET GAAI TAU, die mit dem unterkühlten Machismo des US-Actionkinos so rein gar nichts gemein hatten? An die Aufregung, die mit der plötzlichen Erkenntnis einherging, dass da draußen eine riesige Filmwelt voller unbekannter Juwelen nur darauf wartete, erkundet zu werden? An das Fieber, das einen bei der Lektüre der Asien-Rubrik der Splatting Image und anderer plötzlich aus dem Boden schießender Publikation erfasste? Wenn ja, dann habt ihr in den vergangenen 20 Jahren, als man dabei zusehen musste, wie die großen Helden des Hongkong-Kinos nach Hollywood abwanderten, um dort selten mehr als einen faden Abglanz der einstigen Großtaten zu produzieren, als der Hollywood-Bullshit im selben Maße ins Hongkong-Kino Einzug hielt wie Hollywood Wire-Fu und tänzerisch choreografierte Shoot-outs für sich entdeckte, genauso gelitten wie ich. Und irgendwann hatte man sich mit der traurigen Situation ganz einfach abgefunden. Die Dinge kommen und gehen, das ist im Filmgeschäft genauso wie überall sonst auch.

Aber gestern habe ich mir SAAT PO LONG 2 (es besteht keinerlei inhaltliche Verbindung zu Wilson Yips zehn Jahre altem Vorgänger) angeschaut und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Auf einmal war ich wieder der neugierige, offene, beeinflussbare Teenie, dem die Schädeldecke weggepustet und die ganze filmische Power direkt und ungefiltert ins Hirn gegossen wird. Der einfach nur gefesselt und mit offenem Mund vor dem Bildschirm sitzt und hofft, es gehe nie zu Ende. Der lacht, jauchzt, stöhnt und heult und einfach nur glücklich ist über das Spektakel vor ihm. Wasist dieser Film für ein Fest! Nach all dem nervtötenden Format-und Franchise-Scheißdreck, den man sich heute viel zu oft reinzieht und dann auch noch schönredet, weil es eben kaum noch was anderes gibt und das Leben eh schon deprimierend genug ist, zeigt einem SAAT PO LONG 2 wieder, was auch heute noch, wo man doch meint, alles schon einmal gesehen zu haben, tatsächlich noch drin ist. Dass es falsch ist, sich mit fadem, einfallslosen Durchschnitt zufriedenzugeben, dass man sich dagegen wehren sollte, von Hollywood zum bloßen Konsumenten degradiert zu werden. Dass man sich mit nicht weniger zufrieden geben sollte, als mit Filmen, die einen bei den Eiern packen und allerhöchstens mal locker lassen, damit man mal Luft holen kann. In SAAT PO LONG 2 gibt es Action, die einen mit schierer Kinetik plattwalzt, vor allem aber, weil sie an eine gnadenlose emotionale Breitseite gekoppelt ist. Oft wird in Zusammenhang mit Actionfilmen der Begriff der „Gewaltoper“ verwendet, der nur selten zutreffend ist und meist nichts anderes besagt, als dass es wenig mehr als elaboriertes Gemetzel zu sehen gibt. Bei SAAT PO LONG 2 ist das anders: Tatsächlich mutet der Film musikalisch darin an, wie er auf sich wiederholende Themen und Symmetrie setzt, sich langsam und geduldig dem totalen Crescendo entgegenschraubt, wie er die einzelnen Elemente erst langsam in Position bringt und sie dann immer schneller bewegt. Wie jedes Bild, jeder Schnitt, jede Szene keine andere Funktion hat, als den Zuschauer noch stärker zu binden, bis er für das große Finale bereit und nicht mehr in der Lage ist, sich zu entziehen.

Schon die Story-Konstruktion ist für die Ewigkeit und fordert eigentlich den Vergleich mit großen Epen wie C’ERA UNA VOLTA IL WEST oder THE DEER HUNTER heraus, mehr als mit irgendwelchen Genrekloppern. Im Zentrum stehen der kleine Gefängniswärter Chatchai (Tony Jaa), der verzweifelt auf der Suche ist nach dem Mann, der seiner Tochter  die lebensrettende Knochenmarksspende geben kann. Bei diesem Mann handelt es sich um den nichts ahnenden Chan Chi-Kit (Jing Wu), einen drogenabhängigen Undercover-Cop, der von seinem Vorgesetzten und Onkel (Simon Yam) in die Organisation von Hung Mun-Gong (Louis Koo) eingeschleust wurde, hinter dem man einen Organhändler-Ring vermutet. Der wiederum benötigt dringend ein neues Herz, doch der einzige, der als Spender in Frage kommt, ist sein eigener Bruder. Es entspinnt sich ein wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Konfliktparteien, das auch deshalb so nervenzerfetzend spannend ist, weil die Protagonisten deutlich weniger über ihre Beziehungen zueinander wissen als der Zuschauer. Jeder hat seine eigenen Ziele und Pläne, und es ist eine Freude dabei zuzusehen, wie kunstvoll und elegant Pou-soi Cheang (nach einem Drehbuch von Lai-yin Leung) alle Stränge zusammenführt, die ganze Geschichte immer wieder in perfekt getimten und brillant choreografierten Actionszenen kulminieren lässt und dabei auch noch die Muße hat, Bilder für die Ewigkeit zu malen.

Allein wie kreativ hier das sonst meist als Krückstock für denkfaule Drehbuchautoren dienende Smartphone eingesetzt wird, wäre schon einen lobende Erwähnung wert, aber man täte SAAT PO LONG 2 damit Unrecht, ihn auf solche Details zu reduzieren. Dieser Film ist nichts anderes als ein Meisterwerk und ich würde ihn sofort als ein Meilenstein des Actionkinos bezeichnen, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass diese Schublade viel zu klein ist für dieses Juwel. Pou-soi Cheang hat ganz einfach einen der tollsten, bewegendsten, schönsten, rasantesten und spannendsten Filme der letzten Jahre gedreht. Und jetzt holt euch das Teil schon endlich!

 

 

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Oha, jetzt bin ich gespannt – danke für den Tipp! Hat Tony Jaa mal einen Film, der offenbar auf allen Ebenen brilliert! (Oha, ONG-BAK ist schon 13 Jahre alt…)

    PS: Musste erstmal recherchieren, welche Filme du da als große Wegmarken meintest🙂. Ich entdeckte das asiatische Actionkino tatsächlich mit THE KILLER (UK-Import auf VHS) in einer Zeit, in welcher der Exodus nach Hollywood schon einsetzte.

    • Oliver sagt:

      Ja, das mit den O-Titeln ist ein bisschen blöd so, ich würde die auch nicht erkennen. Aber ich habe mich für diese Variante entschieden und möchte sie auch so durchziehen. Dann bei asiatischen Sachen auf internationale Titel umzuswitchen erschiene mit irgendwie falsch.🙂

  2. Faniel Dranz sagt:

    Kann man den sich irgendwo ordern? Was hat es eigentlich mit der „2“ im Titel auf sich?
    Ist das bereits ein Sequel? Fragen über Fragen.

  3. Oliver sagt:

    Der ist in Deutschland auf BR raus und heißt bei uns LETHAL WARRIOR. Es handelt sich um ein Sequel zu SPL, mit dem er aber nichts weiter zu tun hat, außer dass es sich bei beiden um Martial-Arts-lastige Actionfilme handelt, in denen Wu Jing mitspielt.

  4. Martin Otremba sagt:

    Hat jetzt nichts mit Tony Jaa zu tun, sondern mit Deiner Kritik zum Film zuvor. Warum kann ich keinen Kommentar zu CREED abgeben…? Die „Sprechblase“ fehlt dort…!

    • Oliver sagt:

      Danke für den Hinweis. Das war keine Absicht, anscheinend habe ich die Möglichkeit, zu kommentieren, versehentlich abgeschaltet. Jetzt müsste es eigentlich wieder gehen.

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