deadpool (tim miller, usa 2016)

Veröffentlicht: Mai 12, 2016 in Film
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v1.bTsxMTQyMDkxNDtqOzE3MDU2OzIwNDg7MTAwMDsxNDgwDie neueste Folge der beliebten Reihe „Ich verstehe die Welt nicht mehr“. DEADPOOL hat auf IMdb eine vollkommen absurde Wertung von sage und schreibe 8,2 Punkten  und genoss bei seinem immens erfolgreichen Kinoeinsatz die Fürsprache von Leuten, die es eigentlich besser wissen sollten. Da war davon die Rede, wie provokant der Film sei, wie angeblich progressiv hinsichtlich seiner Gender Politics, wie anarchisch, respektlos und mutig. Die Tatsache, dass DEADPOOL trotz R-Rating  mächtig Kasse machte, ließ manchen gar von einem Paradigmenwechsel in Hollwood träumen, wo man nun ganz sicher erkennen würde, dass auch mit solchen Filmen, die nicht die ganze Familie ansprechen, Profit zu machen sei. Wenn man die im Ringen um Clicks oftmals einsetzende Superlativinflation als strafmildernden Umstand berücksichtigt und DEADPOOL mit einigem zeitlichen Abstand sowie der damit einhergehenden Gelassenheit betrachtet, bleibt von dem vermeintlichen Revoluzzerstreifen allerdings kaum mehr übrig als jede Menge heißer Furzluft, schriller Hysterie, hohler Zoten und einer ironischen Uneigentlichkeit, die man seit mindestens 15 Jahren überwunden glaubte.

DEADPOOL unterscheidet sich wirklich nur vordergründig von anderen Marvelfilmen (was zugegebenermaßen immerhin etwas ist): Ja, er strebt anders als diese nicht das große Epos an, tritt weniger öde ausufernde Exposition breit, ist wilder, blutiger, versauter, greller, episodischer, voller wissender Selbstironie und -reflexion, weniger auf großes Familienentertainment hin konzipiert, sondern auf die Geeks, Nerds und Splatterfreunde ausgerichtet. Doch am Ende kommt das auf dasselbe heraus: So wie das Gros der Marvelfilme sich eben dadurch auszeichnet, niemanden zu vergrätzen und es im Rennen um den großen Reibach allen Recht zu machen, sucht DEADPOOL umgekehrt sein Heil darin, wirklich jeden pubertären Witz, jede Geschmacklosigkeit, jede augenzwinkernde Selbstkasteiung mitzunehmen, um sich bei seinem vergnügungssüchtig-infantilen Publikum einzuschleimen und auf politisch unkorrekt zu machen. Noch nicht einmal die Title-Sequenz, in der statt der Namen der Akteure und kreativ Verantwortlichen so Sachen stehen wie „Hot Chick“, „Gratuitous Cameo“ und „Overpaid Tool“, kommt ohne Witzchen aus und so geht es in den folgenden 108 Minuten höchst angestrengt weiter. Da witzelt der Protagonist auch inmitten großer Explosionen und Gemetzel noch selbstverliebt vor sich hin, wendet sich mehrfach direkt ans Publikum – und macht dann auch noch einmal explizit darauf aufmerksam, dass er sich ans Publikum wendet -, kommentiert sarkastisch die Klischees und Mechanismen des Superheldenfilms, die er natürlich trotzdem selbst anwendet, und weist auf das ach so bescheidene Budget hin, als seien 58 Millionen nichts und DEADPOOL ein Werk künstlerischer Askese. Dazu endet nahezu jede Szene in einer anzüglichen Bemerkung über Geschlechtsteile, Körperausscheidungen oder Sexualpraktiken. Man fühlt sich als erwachsener Mensch, als säße man im Bus inmitten einer Traube pubertierender, hyperventilierender 16-Jähriger auf dem Weg ins Wochenende.

Da versteht man dann auch, warum sich die Macher des unterirdischen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE, in dem Deadpool seinerzeit sein Leinwand-Debüt absolvierte, damals dazu entschlossen hatten, den Charakter seiner herausragendsten Eigenschaft, nämlich des losen, niemals stillstehenden Mundwerks, zu berauben und ihm kurzerhand den Schnabel zuzunähen (was die Comicfans geradezu schäumen ließ): Es ist einfach nicht möglich, um diese Figur eine „normale“ Geschichte zu stricken, weil ihr unerträgliches Geschwätz jeden Anflug von Drama oder gar Realismus bereits im Ansatz zerstört. Was in einem Comic, in dem man jedem Panel seine eigenen, abgeschlossenen Rahmenbedingungen zuweisen kann, vielleicht funktioniert (ich schätze, ich würde die Heftchen genauso nervtötend finden wie den Film), führt auf Spielfilmlänge schon nach kürzester Zeit zu akuten Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen, zumal weder Regisseur Tim Miller noch der übermotivierte Ryan Reynolds auch nur die geringste Zurückhaltung kennen. Schon in der ersten Szene wirbelt der Held in spektakulären Salti durch die Luft (seine bevorzugte Fortbewegungsart) und richtet die Schurken gleich reihenweise blutigst hin, während Reynolds, dem die Realisierung eines DEADPOOL-Films nach dem Megaflop von GREEN LANTERN wohl eine besondere Herzensangelegenheit war, quasselt, bis der Arzt kommt. Auch dank der grenzenlosen Regenerationsfähigeit des Helden, dem abgehackte Gliedmaßen einfach nachwachsen, gibt es weder Fallhöhe noch einen funktionierenden Spannungsbogen, lediglich die immer selben müden Witzchen, die wohl nur der verklemmteste Bterachter wirklich anstößig findet, und eine Abfolge mangels Involvierung meilenweit am Arsch vorbeigehender Massaker. Und die Arschfick-Szene, die viele dazu veranlasste, davon zu schwafeln, wie gewagt DEADPOOL doch sei, bedient wie tausend anderer lahmer Spießerkomödien auch nur die latente Homophobie seines Publikums. Wie merkbefreit der Film ist, wird spätestens dann klar, wenn der Held sich aufgrund seiner mutationsbedingten Entstellung nicht mehr traut, seiner Geliebten gegenüberzutreten, obwohl er kaum schlimmer aussieht als ein von Akne geplagter Jugendlicher, und fortan ständig von Selbstbefriedigung redet. Hmm, wenn ich’s mir recht überlege, ist das vielleicht auch nur ein Zeichen der Identifikation der Macher mit ihrer Zielgruppe, die mutmaßlich ähnlich verpickelt ist und auch nix anderes als Wichsen im Sinn hat. Die Zeichnung von Deadpools Freundin Vanessa (Morena Baccarin) als geile, sexhungrige, experimentierfreudige, aber natürlich zuckersüße und immertreue Prinzessin mit Mangaaugen ist vor diesem Hintergrund ziemlich vielsagend.

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