Archiv für Mai, 2016

baddreams_posterBAD DREAMS ist einer von zwei Filmen, über die ich mich mit Patrick Lohmeier für seinen Bahnhofskino-Podcast unterhalten habe, der nächste Woche am Freitag, 03. Juni, online geht. Weil ich dem Gespräch nicht allzu sehr vorgreifen möchte, halte ich mich an dieser Stelle etwas zurück und hoffe, dass ihr am kommenden Freitag alle einschaltet.

BAD DREAMS erschien 1988, es handelte sich um eine relative große Produktion der Fox, für die niemand Geringeres als Gale Ann Hurd verantwortlich zeichnete, und die auch in Deutschland einen Kinostart erhielt. Der vom damals gerade einmal 23 Jahre alten Debütanten Andrew Fleming inszenierte Horrorfilm ist ein relativ typisches Kind seiner Zeit und vielleicht auch deshalb etwas in Vergessenheit geraten. Er ist zwar überdurchschnittlich sauber gestaltet und gespielt, ungewöhnlich erwachsen (keine nervenden Teenies) und nimmt auch eine durchaus originelle Storywendung, aber auf dem Weg dahin integriert er Versatzstücke aus so ziemlich jedem damals erfolgreichen Genrefilm. Die augenfälligste Vergleichsgröße entbirgt sich schon im nur mäßig einfallsreichen Titel: Unter bösen Träumen litten zur selben Zeit zahlreiche Teenager sehr prominent auf der Elm Street und gerade an den zum Zeitpunkt der Entstehung von BAD DREAMS aktuellen dritten Teil der Reihe, A NIGHTMARE ON ELM STREET 3: THE DREAM WARRIORS, erinnert Flemings Film massiv. Wie dort spielt sich ein Großteil der Handlung in einer psychiatrischen Anstalt und den dort abgehaltenen Gesprächsrunden einer Therapiegruppe ab, deren Mitglieder anscheinend einem untoten – und verbrannten – Bösewicht zum Opfer fallen, der auch die Träume der nach 13 Jahren aus dem Koma erwachten Cynthia (Jennifer Rubin) bevölkert. Dass die Protagonistin in einer ganz ähnlichen Rolle schon im genannten Vorbild zu sehen war, war wahrscheinlich die Parallele, die den Goodwill der Kritiker überstrapazierte. BAD DREAMS wird vielerorts als bloßes NIGHTMARE-Rip-off gehandelt; ein Vorwurf, der wie gezeigt nicht aus dem Nichts kommt, aber eben auch verkennt, dass Steven E. de Souzas Drehbuch einige interessante Volten schlägt.

Bis zum unerwarteten Twist kann man sich an der gediegenen Optik, der Darbietung des geliebten Schurkendarstellers Richard Lynch oder einigen blutigen Effekten erfreuen (die deutsche Fassung war/ist geschnitten) sowie die vielen bekannten Motive enttarnen. Die Sektenbackstory erinnert sowohl an die Manson-Family, der auch einige entsprechende Sixties-Songs auf dem Soundtrack Rechnung tragen, als auch an den Massenselbstmord der Mitglieder des Peoples Temple um den Sektenführer Jim Jones im Jahr 1978. Bruce Abbott ist seit RE-ANIMATOR vom Chirurgen zum Psychologen aufgestiegen, eine Szene in einem Luftschacht hat de Souza zur gleichen Zeit auch in DIE HARD untergebracht, das Zombie-Make-up von Lynch – der nach Cohens GOD TOLD ME TO zum zweiten Mal einen Sektenführer spielt – konnte man so ähnlich auch in Tony Randels HELLBOUND: HELLRAISER II bewundern, der darüber hinaus ja auch in einer „Irrenanstalt“ spielte, in der ein Oberarzt finstere Pläne verfolgte. Ein Amoklauf wird zu Sid Vicious‘ Version von Sinatras „My Way“ choreografiert, der Abschlusssong ist Guns N‘ Roses Superhit „Sweet Child O‘ Mine“. Die volle Achtzigerdröhnung also, die einen kleinen Ausflug lohnt, wenn man seine Erwartungen etwas im Zaum hält. Mehr nächste Woche.

media-title-der_n-15Im deutschsprachigen Genrekino tut sich was: Nachdem zuletzt GERMAN ANGST, ICH SEH ICH SEH, DER BUNKER und der von mir noch nicht gesehene DER SAMURAI überwiegend positive Reaktionen ernteten, setzt Akiz‘ DER NACHTMAHR die neue, begrüßenswerte Tradition fort. Seine ungewöhnliche Mischung aus Jugenddrama, Drogenfilm, Psycho- und Körperhorror überzeugt durch Zurückhaltung und Authentizität, wo sonst Moralkeule und Klischees regieren, eine herrlich desorientierende Gestaltung der Ton- und Bildebene, wunderbar „handgemachte“ Spezialeffekte und einen Gastauftritt von Sonic-Youth-Gitarristin Kim Gordon. Wer noch nicht sicher ist, ob er sich den am Donnerstag anlaufenden Film anschauen sollte, lässt sich vielleicht von meinem Review überzeugen, das soeben auf Critic.de veröffentlicht wurde. Viel Spaß!

rs_634x846-150504151844-634-magic-mike-poster-cm-5415Steven Soderberghs Überraschungserfolg mit der Male-Stripper-Ode MAGIC MIKE ließ sich neben der (zu Recht) wachsenden Beliebtheit von Channing Tatum wohl nicht zuletzt auf den damaligen Run von Matthew McConaughey zurückführen: Der knüpfte zu jener Zeit nach einem guten Jahrzehnt in der Rom-Com-Hölle gleich mit mehreren Filmen an längst vergessene schauspielerische Glanzzeiten an und wurde dafür ja auch mit einem Oscar für DALLAS BUYERS CLUB belohnt. Aber es gab ja durchaus noch andere Gründe, aus denen man Soderberghs Film liebhaben konnte/musste: die Umkehrung der sonst in Hollywood üblichen Geschlechterrollen z. B., nach denen es vor allem Aufgabe der Frauen ist, die Männer mit ihren körperlichen Reizen zu verführen, die crispen Visuals, die so richtig Lust machten, sich ins sommerliche Nacht- und Partyleben zu stürzen, die humorvolle-unprätentiöse Verquickung von Sozialkommentar und Exploitation sowie natürlich die nicht zu verachtenden Tanzskills von Boy Toy Tatum. Ein ausbaufähiges Konzept also, das förmlich nach einer Fortsetzung schrie, die nun von Gregory Jacobs inszeniert wurde. Der konnte mit seinen beiden vorangegangenen Filmen zwar noch nicht wirklich auf sich aufmerksam machen, war als Kameramann aber maßgeblich für den erwähnten Look der Vorgängers verantwortlich und ist darüber hinaus ein enger Vertrauter Soderberghs, der das Gelingen des Films nun als Produzent überwachte.

Inhaltlich erfindet MAGIC MIKE XXL das Rad nicht neu: Wie im echten Leben sind auch im Film drei Jahre seit den Ereignissen des ersten Teils vergangen. Mike (Channing Tatum) arbeitet hart am Erfolg seines eigenen Unternehmens, für das er am Ende von MAGIC MIKE seine Tätigkeit als Stripper aufgegeben hatte. Ein erotisches Tänzchen wagt er höchstens noch in seiner Werkstatt, aber wenn sein Signature Song „Pony“ im Radio läuft, lodert das alte Feuer sofort wieder. Wie passend, dass ihn wenig später seine alten Weggefährten anrufen: Sie müssen sich gar nicht anstrengen, um ihn davon zu überzeugen, mit ihnen auf eine letzte Tour zu gehen, die sie zu einer Stripper-Convention führen soll (und der Film hat auch kein Interesse, Mikes Entscheidung unnötig herauszuzögern). Wie er wollen die alternden Tänzer sich in anderen beruflichen Projekten versuchen, sich ihre eigenen Träume erfüllen, nachdem sie sich jahrelang um die der vernachlässigte Frauen in ihrem Publikum gekümmert haben. Zusammen begeben sich die Männer auf große Fahrt, auf der es die üblichen, allerdings nicht allzu gravierenden Hindernisse zu überwinden gilt, bevor am Ende der triumphale Auftritt absolviert werden darf.

Die Episodenhaftigkeit des Films ist Programm, denn MAGIC MIKE XXL verwirft den milde kritischen Ansatz des Vorgängers zugunsten einer locker-flockigen Road-Movie-Dramaturgie. Die Freundschaft der Stripper und ihre unterschiedlichen Charaktere, Eigenschaften und Fähigkeiten stehen im Mittelpunkt, der Ton ist ausgelassener, echte Krisen gibt es nicht, allerhöchstens eine bittersüße Melancholie, die mit der Erkenntnis der Protagonisten einhergeht, dass sie alle nicht jünger werden und sich langsam um ein Leben jenseits der Bühne kümmern müssen. Die Reise ist gesäumt von kleinen Pannen, Treueschwüren, neuen und alten Bekanntschaften: Den Platz von McConaughey nimmt Jada Pinkett-Smith als Stripshow-Entrepreneurin und -Philosophin Rome ein und begeistert in dieser Rolle vollends, die alte Soderbergh-Weggefährtin Andie McDowell brilliert als Südstaaten-Diva, die feststellen muss, ihr ganzes Leben mit einem heimlichen Homosexuellen verbracht zu haben. Das neue Love Interest für Mike gibt Amber Heard in einer Rolle, die am ehesten erkennen lässt, dass das Drehbuch für MAGIC MIKE XXL gewiss keine Originalitätspreise einheimsen wird: Man müsste wohl nicht allzu viele Variablen ändern, um aus derselben Story eine der derzeit gefragten Hollywood-Komödien für Paul Feig, Adam McKay, Judd Apatow oder Seth McFarlane zu zaubern. MAGIC MIKE XXL kann kaum verhehlen, dass es eigentlich keine Notwendigkeit mehr für ihn gibt, aber er entschädigt dafür mit einem übergroßen Herzen. Und diese unverholene Trivialität ist die große Stärke des Films.

Wie schon der erste Teil bereitet es einfach Freude, diesen Typen zuzuschauen, wie sie den Spaß ihres Lebens haben, ohne dabei jedoch zu hirnlosen Vergnügungsjunkies und Egotrippern zu mutieren. Jacobs und Soderbergh beweisen erstaunliches Feingefühl dabei, potenziell unangenehme Szene in einer ganz und gar unprolligen Art und Weise aufzulösen. Ein gutes Beispiel ist die kurze Episode, in der der hünenhafte Richie (Joe Manganiello) die Aufgabe erhält, eine miesepetrige Tankstellenbedienstete aufzumuntern. Am Ende haben beide Figuren gewonnen. Aber auch die Dialoge unter den Männern, die in weniger geschickten Händen nur zu leicht in chauvinistisches Schwanzgeprotze hätten ausarten können, kommen mit spielerischer Leichtigkeit rüber. Das ist wohl das Geheimnis dieses Films wie auch seines Vorgängers: ein entspanntes Verhältnis zu Sex, das leider eher Seltenheitswert im Kino hat. So wenig Zweifel auch daran gelassen werden, welch existenzielle Bedeutung ihm zukommt, so unverkrampft wird mit dieser Erkenntnis umgegangen. Sex soll, wie eigentlich alles im Leben, Spaß machen, ansonsten machte es gar keinen Sinn, damit seine Zeit zu verschwenden. Überhaupt ist die Zeit, die uns auf diesem Erdenrund verbleibt,viel zu knapp bemessen, um sich nach irgendwelchen von außen oktroyierten Maßstäben zu richten. Eine schöne Poesiealbums-Weisheit, doch glücklicherweise verliert MAGIC MIKE XXL die Realität nicht aus den Augen. Das Leben ist kein Ponyhof, auch dann nicht, wenn man Channing Tatum ist. Der brennt in seinen zwei, drei Tanzperformances mal wieder ein echtes Feuerwerk ab und trägt im Verbund mit R. Kellys unfassbarem Song „Cookie“ („I’m a cookie monster/Break your back, crack it open like a lobster„) dazu bei, das erotische Antanzen (oder Angetanztwerden) zum transzendentalen Erweckungserlebnis zu machen. Großartig!

v1.bTsxMTQyMDkxNDtqOzE3MDU2OzIwNDg7MTAwMDsxNDgwDie neueste Folge der beliebten Reihe „Ich verstehe die Welt nicht mehr“. DEADPOOL hat auf IMdb eine vollkommen absurde Wertung von sage und schreibe 8,2 Punkten  und genoss bei seinem immens erfolgreichen Kinoeinsatz die Fürsprache von Leuten, die es eigentlich besser wissen sollten. Da war davon die Rede, wie provokant der Film sei, wie angeblich progressiv hinsichtlich seiner Gender Politics, wie anarchisch, respektlos und mutig. Die Tatsache, dass DEADPOOL trotz R-Rating  mächtig Kasse machte, ließ manchen gar von einem Paradigmenwechsel in Hollwood träumen, wo man nun ganz sicher erkennen würde, dass auch mit solchen Filmen, die nicht die ganze Familie ansprechen, Profit zu machen sei. Wenn man die im Ringen um Clicks oftmals einsetzende Superlativinflation als strafmildernden Umstand berücksichtigt und DEADPOOL mit einigem zeitlichen Abstand sowie der damit einhergehenden Gelassenheit betrachtet, bleibt von dem vermeintlichen Revoluzzerstreifen allerdings kaum mehr übrig als jede Menge heißer Furzluft, schriller Hysterie, hohler Zoten und einer ironischen Uneigentlichkeit, die man seit mindestens 15 Jahren überwunden glaubte.

DEADPOOL unterscheidet sich wirklich nur vordergründig von anderen Marvelfilmen (was zugegebenermaßen immerhin etwas ist): Ja, er strebt anders als diese nicht das große Epos an, tritt weniger öde ausufernde Exposition breit, ist wilder, blutiger, versauter, greller, episodischer, voller wissender Selbstironie und -reflexion, weniger auf großes Familienentertainment hin konzipiert, sondern auf die Geeks, Nerds und Splatterfreunde ausgerichtet. Doch am Ende kommt das auf dasselbe heraus: So wie das Gros der Marvelfilme sich eben dadurch auszeichnet, niemanden zu vergrätzen und es im Rennen um den großen Reibach allen Recht zu machen, sucht DEADPOOL umgekehrt sein Heil darin, wirklich jeden pubertären Witz, jede Geschmacklosigkeit, jede augenzwinkernde Selbstkasteiung mitzunehmen, um sich bei seinem vergnügungssüchtig-infantilen Publikum einzuschleimen und auf politisch unkorrekt zu machen. Noch nicht einmal die Title-Sequenz, in der statt der Namen der Akteure und kreativ Verantwortlichen so Sachen stehen wie „Hot Chick“, „Gratuitous Cameo“ und „Overpaid Tool“, kommt ohne Witzchen aus und so geht es in den folgenden 108 Minuten höchst angestrengt weiter. Da witzelt der Protagonist auch inmitten großer Explosionen und Gemetzel noch selbstverliebt vor sich hin, wendet sich mehrfach direkt ans Publikum – und macht dann auch noch einmal explizit darauf aufmerksam, dass er sich ans Publikum wendet -, kommentiert sarkastisch die Klischees und Mechanismen des Superheldenfilms, die er natürlich trotzdem selbst anwendet, und weist auf das ach so bescheidene Budget hin, als seien 58 Millionen nichts und DEADPOOL ein Werk künstlerischer Askese. Dazu endet nahezu jede Szene in einer anzüglichen Bemerkung über Geschlechtsteile, Körperausscheidungen oder Sexualpraktiken. Man fühlt sich als erwachsener Mensch, als säße man im Bus inmitten einer Traube pubertierender, hyperventilierender 16-Jähriger auf dem Weg ins Wochenende.

Da versteht man dann auch, warum sich die Macher des unterirdischen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE, in dem Deadpool seinerzeit sein Leinwand-Debüt absolvierte, damals dazu entschlossen hatten, den Charakter seiner herausragendsten Eigenschaft, nämlich des losen, niemals stillstehenden Mundwerks, zu berauben und ihm kurzerhand den Schnabel zuzunähen (was die Comicfans geradezu schäumen ließ): Es ist einfach nicht möglich, um diese Figur eine „normale“ Geschichte zu stricken, weil ihr unerträgliches Geschwätz jeden Anflug von Drama oder gar Realismus bereits im Ansatz zerstört. Was in einem Comic, in dem man jedem Panel seine eigenen, abgeschlossenen Rahmenbedingungen zuweisen kann, vielleicht funktioniert (ich schätze, ich würde die Heftchen genauso nervtötend finden wie den Film), führt auf Spielfilmlänge schon nach kürzester Zeit zu akuten Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen, zumal weder Regisseur Tim Miller noch der übermotivierte Ryan Reynolds auch nur die geringste Zurückhaltung kennen. Schon in der ersten Szene wirbelt der Held in spektakulären Salti durch die Luft (seine bevorzugte Fortbewegungsart) und richtet die Schurken gleich reihenweise blutigst hin, während Reynolds, dem die Realisierung eines DEADPOOL-Films nach dem Megaflop von GREEN LANTERN wohl eine besondere Herzensangelegenheit war, quasselt, bis der Arzt kommt. Auch dank der grenzenlosen Regenerationsfähigeit des Helden, dem abgehackte Gliedmaßen einfach nachwachsen, gibt es weder Fallhöhe noch einen funktionierenden Spannungsbogen, lediglich die immer selben müden Witzchen, die wohl nur der verklemmteste Bterachter wirklich anstößig findet, und eine Abfolge mangels Involvierung meilenweit am Arsch vorbeigehender Massaker. Und die Arschfick-Szene, die viele dazu veranlasste, davon zu schwafeln, wie gewagt DEADPOOL doch sei, bedient wie tausend anderer lahmer Spießerkomödien auch nur die latente Homophobie seines Publikums. Wie merkbefreit der Film ist, wird spätestens dann klar, wenn der Held sich aufgrund seiner mutationsbedingten Entstellung nicht mehr traut, seiner Geliebten gegenüberzutreten, obwohl er kaum schlimmer aussieht als ein von Akne geplagter Jugendlicher, und fortan ständig von Selbstbefriedigung redet. Hmm, wenn ich’s mir recht überlege, ist das vielleicht auch nur ein Zeichen der Identifikation der Macher mit ihrer Zielgruppe, die mutmaßlich ähnlich verpickelt ist und auch nix anderes als Wichsen im Sinn hat. Die Zeichnung von Deadpools Freundin Vanessa (Morena Baccarin) als geile, sexhungrige, experimentierfreudige, aber natürlich zuckersüße und immertreue Prinzessin mit Mangaaugen ist vor diesem Hintergrund ziemlich vielsagend.

spl-2-movie-poster-gsc-malaysiaErinnert ihr euch auch noch an den Adrenalinschub, den damals, Anfang bis Mitte der Neunzigerjahre, die Erstbegegnung mit den Meisterwerken des Hongkong-chinesischen Heroic-Bloodshed-Kino verursachte? Wie die Actionszenen in den Filmen von John Woo, Tsui Hark, Ringo Lam oder anderen einen förmlich aus den Schuhen wuchteten, einem das Gefühl gaben, etwas ganz Neues zu sehen, etwas, was man in dieser Intensität noch nie zuvor gesehen hatte? An die wallenden Emotionen, die da plötzlich freigesetzt wurden, an die ungebremste Theatralik und Dramatik von Filmen wie DIP HUET SEUNG HUNG oder DIP HUET GAAI TAU, die mit dem unterkühlten Machismo des US-Actionkinos so rein gar nichts gemein hatten? An die Aufregung, die mit der plötzlichen Erkenntnis einherging, dass da draußen eine riesige Filmwelt voller unbekannter Juwelen nur darauf wartete, erkundet zu werden? An das Fieber, das einen bei der Lektüre der Asien-Rubrik der Splatting Image und anderer plötzlich aus dem Boden schießender Publikation erfasste? Wenn ja, dann habt ihr in den vergangenen 20 Jahren, als man dabei zusehen musste, wie die großen Helden des Hongkong-Kinos nach Hollywood abwanderten, um dort selten mehr als einen faden Abglanz der einstigen Großtaten zu produzieren, als der Hollywood-Bullshit im selben Maße ins Hongkong-Kino Einzug hielt wie Hollywood Wire-Fu und tänzerisch choreografierte Shoot-outs für sich entdeckte, genauso gelitten wie ich. Und irgendwann hatte man sich mit der traurigen Situation ganz einfach abgefunden. Die Dinge kommen und gehen, das ist im Filmgeschäft genauso wie überall sonst auch.

Aber gestern habe ich mir SAAT PO LONG 2 (es besteht keinerlei inhaltliche Verbindung zu Wilson Yips zehn Jahre altem Vorgänger) angeschaut und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Auf einmal war ich wieder der neugierige, offene, beeinflussbare Teenie, dem die Schädeldecke weggepustet und die ganze filmische Power direkt und ungefiltert ins Hirn gegossen wird. Der einfach nur gefesselt und mit offenem Mund vor dem Bildschirm sitzt und hofft, es gehe nie zu Ende. Der lacht, jauchzt, stöhnt und heult und einfach nur glücklich ist über das Spektakel vor ihm. Wasist dieser Film für ein Fest! Nach all dem nervtötenden Format-und Franchise-Scheißdreck, den man sich heute viel zu oft reinzieht und dann auch noch schönredet, weil es eben kaum noch was anderes gibt und das Leben eh schon deprimierend genug ist, zeigt einem SAAT PO LONG 2 wieder, was auch heute noch, wo man doch meint, alles schon einmal gesehen zu haben, tatsächlich noch drin ist. Dass es falsch ist, sich mit fadem, einfallslosen Durchschnitt zufriedenzugeben, dass man sich dagegen wehren sollte, von Hollywood zum bloßen Konsumenten degradiert zu werden. Dass man sich mit nicht weniger zufrieden geben sollte, als mit Filmen, die einen bei den Eiern packen und allerhöchstens mal locker lassen, damit man mal Luft holen kann. In SAAT PO LONG 2 gibt es Action, die einen mit schierer Kinetik plattwalzt, vor allem aber, weil sie an eine gnadenlose emotionale Breitseite gekoppelt ist. Oft wird in Zusammenhang mit Actionfilmen der Begriff der „Gewaltoper“ verwendet, der nur selten zutreffend ist und meist nichts anderes besagt, als dass es wenig mehr als elaboriertes Gemetzel zu sehen gibt. Bei SAAT PO LONG 2 ist das anders: Tatsächlich mutet der Film musikalisch darin an, wie er auf sich wiederholende Themen und Symmetrie setzt, sich langsam und geduldig dem totalen Crescendo entgegenschraubt, wie er die einzelnen Elemente erst langsam in Position bringt und sie dann immer schneller bewegt. Wie jedes Bild, jeder Schnitt, jede Szene keine andere Funktion hat, als den Zuschauer noch stärker zu binden, bis er für das große Finale bereit und nicht mehr in der Lage ist, sich zu entziehen.

Schon die Story-Konstruktion ist für die Ewigkeit und fordert eigentlich den Vergleich mit großen Epen wie C’ERA UNA VOLTA IL WEST oder THE DEER HUNTER heraus, mehr als mit irgendwelchen Genrekloppern. Im Zentrum stehen der kleine Gefängniswärter Chatchai (Tony Jaa), der verzweifelt auf der Suche ist nach dem Mann, der seiner Tochter  die lebensrettende Knochenmarksspende geben kann. Bei diesem Mann handelt es sich um den nichts ahnenden Chan Chi-Kit (Jing Wu), einen drogenabhängigen Undercover-Cop, der von seinem Vorgesetzten und Onkel (Simon Yam) in die Organisation von Hung Mun-Gong (Louis Koo) eingeschleust wurde, hinter dem man einen Organhändler-Ring vermutet. Der wiederum benötigt dringend ein neues Herz, doch der einzige, der als Spender in Frage kommt, ist sein eigener Bruder. Es entspinnt sich ein wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Konfliktparteien, das auch deshalb so nervenzerfetzend spannend ist, weil die Protagonisten deutlich weniger über ihre Beziehungen zueinander wissen als der Zuschauer. Jeder hat seine eigenen Ziele und Pläne, und es ist eine Freude dabei zuzusehen, wie kunstvoll und elegant Pou-soi Cheang (nach einem Drehbuch von Lai-yin Leung) alle Stränge zusammenführt, die ganze Geschichte immer wieder in perfekt getimten und brillant choreografierten Actionszenen kulminieren lässt und dabei auch noch die Muße hat, Bilder für die Ewigkeit zu malen.

Allein wie kreativ hier das sonst meist als Krückstock für denkfaule Drehbuchautoren dienende Smartphone eingesetzt wird, wäre schon einen lobende Erwähnung wert, aber man täte SAAT PO LONG 2 damit Unrecht, ihn auf solche Details zu reduzieren. Dieser Film ist nichts anderes als ein Meisterwerk und ich würde ihn sofort als ein Meilenstein des Actionkinos bezeichnen, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass diese Schublade viel zu klein ist für dieses Juwel. Pou-soi Cheang hat ganz einfach einen der tollsten, bewegendsten, schönsten, rasantesten und spannendsten Filme der letzten Jahre gedreht. Und jetzt holt euch das Teil schon endlich!

 

 

creed_poster_by_sahinduezguen-d99fk7gROCKY BALBOA ist jetzt auch schon wieder zehn Jahre alt. 16 Jahre nach ROCKY V, dem Tiefpunkt von Stallones Boxersaga, kehrte der Star zu der Figur zurück, die ihn zur Hollywood-Marke gemacht hatte. Was ein peinlich-schmerzhafter Versuch hätte werden können, im Alter noch einmal an die großen Erfolge anzuknüpfen, geriet zum Triumph: Mit seinem Film begründete Stallone eine Art Renaissance der vergessenen Actionhelden, die in den folgenden Jahren und Filmen nicht mehr nur gegen die üblichen Schurken, sondern auch gegen das eigene Alter, den langsam verfallenden Körper, enttäuschte Erwartungen, schwindende Hoffnungen und geplatzte Träume antreten mussten.

Mit CREED ist ihm nun das Wunder gelungen, an einen Film anzuknüpfen, der eigentlich schon ein perfektes Schlusswort war. Und das mit einer Idee, die sich zunächst nach einer der gängigen Reboot-/Spin-off-Strategien anhört, mit denen Hollywood derzeit systematisch alle Zuschauer verprellt, die dem Teenageralter intellektuell entwachsen sind. Rocky Balboa, der alte Terrier des Boxrings, tritt endgültig ins hintere Glied zurück, macht einem jüngeren Platz, in dessen Streben nach dem Erfolg und der Bestätigung, die die eigene Identität sichern sollen, er sich selbst wiedererkennt, gibt diesem sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Aber es handelt sich bei diesem Jüngeren nicht um irgendeinen Boxer: Es ist Adonis Johnson (Michael B. Jordan), Sohn von Rockys einstiger Nemesis Apollo Creed, mit dem er sich inner- und außerhalb des Rings epische Schlachten lieferte (ROCKY & ROCKY 2), nach dessen Karriereende sogar von ihm trainiert wurde (ROCKY 3) und dessen Tod er in einem vermeintlich harmlosen Showkampf erleben musste (ROCKY IV).

CREED liefert ein Update für die alte Rags-to-Riches-Geschichte, die Stallone in seinem Durchbruchsfilm erzählte. Adonis ist nämlich nicht der mittellose Immigrantensohn, dessen einzige Chance, nach oben zu kommen, der Boxsport ist. Das Vermögen, das der ihm unbekannte Papa hinterlassen hat, sollte ihm ein sorgenfreies Leben ermöglichen, in seinem Bänkerjob ist er eben erst befördert worden, existenzielle Sorgen hat er nicht. Aber weder ist dieser Reichtum der seine, noch erfüllt ihn das Leben in der Seifenblase. Ihm geht es darum, die eigene Identität zu finden, seinen eigenen Weg zu gehen, sich den berühmten Namen des Vaters zu verdienen, anstatt ihn als Türöffner in eine geborgtes Leben zu benutzen. Adonis‘ Generation hat nicht mehr mit der Armut zu kämpfen, sondern damit, dass es keine Gelegenheiten mehr gibt, sich als Persönlichkeit zu beweisen. Dem alternden Rocky imponiert sein Ehrgeiz, es auf seine Weise zu schaffen: Und natürlich besteht da eine Art familiärer Verbindung. Rocky, der seine große Karriere als abgeschlossenes Kapitel betrachtet, als angestaubte Historie gewissermaßen, bekommt eine Gelegenheit, diese eigene Geschichte in der Gegenwart weiterzuschreiben, Kontinuität zu schaffen, wo bislang eine Zäsur klaffte. So fügt sich auch der vielleicht wie ein melodramatisches Klischee anmutende Handlungsstrang um Rockys Krebserkrankung in den Film ein: Die Freund- und Mentorenschaft zu Adonis gibt dem alten Mann, der eigentlich keinen Grund mehr zu Leben sieht, die Motivation, weiterzukämpfen. Ohne Boxhandschuhe und gegen einen Gegner, dessen Gewicht sich nicht in Pfund beziffern lässt.

Ich bin, was Stallone und Rocky angeht, überhaupt nicht zur Objektivität in der Lage: Auch gestern saß ich pünktlich zum Finale, Adonis‘ großem Titelfight, wieder einmal on the edge of my seat, wich den auf dem Bildschirm geworfenen Geraden aus, verzog bei jedem Treffer das Gesicht. Vorher schon hatten mir Rockys Schicksal die Tränen in die Augen getrieben und die Referenzen an nicht weniger als 40 Jahre Filmgeschichte nostalgische Gefühle beschert. Aber Ryan Coogler macht das alles wirklich sehr subtil: Seine Ausflüge in die Vergangenheit und die Zitate machen im Rahmen seiner Geschichte Sinn und wirken niemals anbiedernd. Bei Adonis‘ Dauerlauf durch die heruntergekommeneren Ecken von Philadelphia folgen ihm die Fans nicht mehr zu Fuß, sondern auf aufgemotzten Sportbikes, Zeichen des wirtschaftlichen Wandels und eines grassierenden Materialismus. Der berühmte Treppensprint zum Ende ist hingegen deutlich leiser, aber der Triumph, der da errungen wird, wiegt wahrscheinlich schwerer als jeder Championship-Gürtel in den vorangegangenen Teilen. CREED ist ein wunderschöner Film, der dem Spirit des Siebzigerjahre-Klassikers verdammt nahe kommt. Ich würde an dieser Stelle eigentlich sagen wollen, dass CREED ein würdiger Abschluss ist, aber das dachte ich nach ROCKY BALBOA ja auch schon. In einem hingegen bin ich mir jetzt sehr, sehr sicher: Die Rocky-Reihe ist die großartigste Filmreihe der Geschichte. Und Stallone ein Heiligtum.

 

 

ride-along-movie-poster-kevin-hart-ice-cubeGestern war ich müde und wollte deshalb was Egales, aber Amüsantes gucken. Diese Komödie, derzeit für Nüsse auf Amazon Prime zu begutachten (und nach einigen Anlaufschwierigkeiten sogar im O-Ton), schien mir die richtige Wahl. Ich finde Kevin Hart, der aufgrund seiner geringen Körpergröße auf den etwas ängstlichen, weibischen Afroamerikaner mit losem Mundwerk festgelegt ist, bei Stand-up- und Filmauftritten wie in GET HARD sehr lustig und in Kombination mit badass Ice Cube schien das für den ein oder anderen Lacher gut zu sein. Leider ein Trugschluss: Das Drehbuch ist einfallslos, Ice Cube agiert auf Autopilot und Tim Story (die beiden FANTASTIC FOUR-Filme) inszeniert wieder einmal, als wolle er niemanden zu sehr aufregen.

Die Prämisse erinnert etwas an TRAINING DAY in dumm (was schon was heißt): Ben Barber (Kevin Hart), ein zukünftiger Polizeischüler, ist mit Angela (Tika Sumpter) liiert, der Schwester von No-Nonsense-Cop James (Ice Cube). Der hält Ben für einen Waschlappen und nichts von dessen Heiratswünschen. Um ihn loszuwerden, nimmt er ihn für einen Tag mit auf Streife, sicher, dass der danach das Weite sucht. Als Ben nach einigen demütigenden Erlebnissen aber herausfindet, dass James die Fälle eigens für ihn getürkt hat, ist sein Ehrgeiz geweckt …

Aus dieser Prämisse hätte man wenn auch kein Komödienhighlight, so doch ganz gewiss einen kurzweiligen Spaß mit dem ein oder anderen guten Gag machen können. Leider ist nicht einmal das gelungen. Es fehlen die echten Pointen, die perfekt getimeten Dialoge und überhaupt Spezifika in den Figurenzeichnungen: Ice Cube ist ein tough guy, Kevin Hart ein gutmütiger Angsthase, dabei bleibt es, daraus macht der Film gar nichts. Dass RIDE ALONG handlungstechnisch nicht über schematisches Malen-nach-Zahlen hinauskommt (dank Storys Inszenierung besonders steif), hatte ich nicht wirklich anders erwartet. Was mich aber ganz schön ernüchtert hat, ist die enorme Biederkeit, mit der das alles präsentiert wird. Auf ein paar saftige Flüche des einstigen N.W.A.-Frontmanns wartet man vergeblich, stattdessen mimt er den Beschützer für die eigene Schwester, die sich noch nicht einmal einen Ehemann selbst aussuchen darf. Aber wahrscheinlich ist RIDE ALONG genau mit dieser Publikumsansprache zum Hit avanciert, dessen Sequel in Kürze ins Kino kommt. Ich werde dann wohl passen.