cool as ice (david kellogg, usa 1991)

Veröffentlicht: Juni 1, 2016 in Film
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cool_as_ice_posterDie schmerzhaften Fakten: Vanilla Ice, gebürtig Robert Matthew Van Winkle, ist der erste Rapper, dem ein Nummer-eins-Hit in den Staaten gelang. Die Zugkraft seiner 1990er-Single „Ice Ice Baby“ machte auch das wenig später folgende Album „To the Extreme“ (eigentlich nur ein Remix seines Indie-Debüts „Hooked“) zum Megaseller, das sich 16 Wochen auf der Pole Position hielt und mit sage und schreibe 7 Millionen verkaufter Einheiten (Wikipedia spricht sogar von 11) zu den meistverkauften Rap-Alben überhaupt zählt (auf dieser Liste rangiert es auf Platz 13 und damit noch vor solchen Rap-Giganten wie Nas, Notorious B.I.G, Jay-Z oder Kanye West). Doch der bahnbrechende Erfolg hielt nicht lange an. Schon das nur wenige Monate später eilig nachgereichte Live-Album traf auf ein merklich abgekühltes Interesse und wurde noch heftiger verrissen als der bei Kritikern schon nicht gerade wohlgelittene Vorgänger. Und als 1994 mit „Mind Blowin'“ das nächste offizielle Studioalbum erschien, da war Vanilla Ice bereits zu einem Running Gag verkommen, ein Novelty Act, dessen kurze Zeit lange vorbei war und mit dem eigentlich niemand mehr assoziiert werden wollte.

Was aber meist übersehen wird, ist die Tatsache, dass Vanilla Ice durchaus kein gestreamlinetes „Produkt“ der Plattenindustrie war. Van Winkle war in seiner Jugend in Dallas erfolgreicher Motocross-Fahrer gewesen, widmete sich nach einem Unfall aber dem Breakdancing und MCing. Mit seiner Tanzcrew machte er sich lokal einen Namen und eröffnete mit ihr Konzerte von Stars wie MC Hammer, Paula Abdul, NWA, Public Enemy, Tone Loc und anderen. Auf einer Tournee mit EPMD, Ice-T, Stetsasonic und Sir Mix-a-Lot wurde er schließlich von einem Plattenlabel entdeckt und als Rapper gesignt. Kein Geringerer als Chuck D von Public Enemy sagte etwa über Vanilla Ice und seinen Aufstieg: „He broke through in the mid-South, in a Southern area in Texas, in something that was kind of indigenous to that hip-hop culture down there. He just doesn’t get credit for it.“  Public Enemy waren es auch, die versuchten, Vanilla Ice, an dessen Starpower sie glaubten, bei ihrem Label Def Jam unterzubringen, ein Schachzug, der aber erfolglos blieb. Vielleicht wäre Vanilla Ice unter anderen Voraussetzungen also tatsächlich ein respektierter Rapper geworden, nicht bloß ein One-Hit-Wonder, ein Relikt einer vergangenen Zeit und eine Punchline für unzählige Battle Raps, so aber ging die Geschichte anders. Und zum Niedergang des Phänomens Vanilla Ice zählt eben auch COOL AS ICE, der Kinofilm, der im Herbst 1991 in den amerikanischen Kinos startete, ca. ein Jahr nach dem aufsehenerregenden Hitalbum sowie ein halbes nach der Liveplatte – und damit bereits hoffnungslos zu spät, um vom längst verflogenen Ruhm noch profitieren zu können. Der Film ging sang- und klanglos unter, erreichte selbst in seiner Startwoche nur Platz 14 der Kinocharts und spielte am Ende gerade einmal etwas mehr als eine Million ein (gekostet hatte er sechs). In Deutschland, wo „Ice Ice Baby“ immerhin bis auf Platz 2 der Singlehitparade vorgedrungen war, wurde COOL AS ICE erst gar nicht im Kino gestartet, kam gleich auf Video heraus. Kein Wunder, dass sich sein Regisseur David Kellogg später von dem Werk distanzierte: Schön, wenn man die Verantwortung auf andere schieben kann.

COOL AS ICE erzählt die recht einfältige Geschichte des eklig selbstverliebten Rappers und Tänzers Johnny (Vanilla Ice), der in einer Kleinstadt die schöne Kathy (Kristin Minter) aufreißt und es mit einigen Verbrechern zu tun bekommt, die es wiederum auf Kathys Vater (Michael Gross) abgesehen haben, einen Ex-Cop im Zeugenschutzprogramm. Der Papa hält erst gar nichts von dem Proleten, der auf einer neongelben Rennmaschine und in furchtbar geschmacksverirrten Klamotten durch die Gegend heizt, glaubt gar, er sei ein Komplize der Bösewichte, muss seinen Fehler später jedoch einsehen, als Johnny mit seinen Kumpels den entführten kleinen Sohn aus den Händen der Schurken befreit und den Tag rettet. COOL AS ICE ist durchaus recht selbstbewusst und vertraut ganz auf die Zugkraft der Persönlichkeit seines Stars: Anstatt einfach ein Musical um seine Hits zu stricken, wird er als männliches Sexsymbol aufgezogen, dessen Musik vergleichsweise wenig Raum bekommt. Der Soundtrack enthält nicht mehr als vier neue Songs von ihm, von denen gleich zwei für Titlesequenz (Gastauftritt: Naomi Campbell) und Schlusscredits verbraten werden. Das wäre bemerkenswert, wenn Vanilla Ice diese Auslassung durch irgendetwas rechtfertigen würde. Genau hier hapert es aber – und natürlich an der quälend öden Geschichte, die weder echte Romantik noch Witz oder Action bietet.

Dieser Johnny hat nicht nur einen grausamen Geschmack – schwarze Kappe mit Blechapplikationen, neonfarbene Jogginghosen und Anoraks, eine Lederjacke, auf der zahlreiche dumme Catchphrases à la „down by law“, „funky“, „sex me up“ oder „oh yeah“ prangen, sowie eine schwarzweiß gestreifte Latz-Bermuda -, er ist noch dazu grotesk unsympathisch: Als er Kathy zum ersten Mal sieht, reitet sie auf einem Pferd entlang der Straße, die er mit seinem Protzmotorrad unsicher macht. Um ihr zu imponieren, kommt er auf die sagenhafte und lebensmüde Idee, mit seinem Ofen vor ihr über den Zaun auf die Koppel zu springen. Das Pferd erschreckt sich natürlich und wirft Kathy ab, die unbeschadet davon kommt, aber den dämlich grinsenden Gecken daraufhin berechtigtermaßen zur Ordnung ruft und ihm einen Fausthieb verpasst. Anstatt seinen Fehler jedoch einzugestehen und sich zu entschuldigen, lässt Johnny das Mädchen als verkniffene Spaßbremse und humorlose Zicke dastehen. Wenig später, bei ihrem zweiten Treffen, macht er sich über ihren anwesenden Freund Nick lustig, indem er ihn „Dick“ nennt, und klaut darüber hinaus auch noch ihr Notizbuch. Nicht nur, dass er darin im Folgenden eifrig liest, er weigert sich auch noch beharrlich, es wieder herauszurücken, als sie ihm längst auf die Schliche gekommen ist. Dass Kathy auch nicht gerade ein Sympathiebolzen ist, macht die Sache nicht besser. Man weiß nicht, was man an ihr ätzender finden soll: dass sie sich nach dem langweiligen Sportwagen-Spießer Nick gleich in das nächste Ekelpaket verliebt oder wie sie diesen Nick mir nichts dir nichts abserviert.

In den letzten Monaten habe ich einige Filme aus dieser Kategorie – Vehikel, die sich an den Erfolg von Popstars hängen – gesehen, aber keines davon war so nichtssagend und langweilig wie COOL AS ICE. Ja gut, die Fotografie von Oscar-Preisträger Janusz Kaminski ist über jeden Zweifel erhaben, und als Zeitmaschine funktioniert das Ding durchaus. Aber es ist schon bezeichnend für die Fehlkalkulation dieses Films, dass es am Ende tatsächlich die wenigen Tanz- und Musikszenen sind, die einen halbwegs bei Laune halten. Nicht die doofe Geschichte um des Papas dunkle Cop-Vergangenheit, nicht die „lustigen“ Szenen um den unfähigen Motorrad-Mechaniker (Sidney Lassick) und seine hutzelige Gattin und ganz gewiss nicht die Liebesgeschichte mit vorhersagbarem Verlauf. COOL AS ICE lässt jeglichen Wahnwitz vermissen und kommt – was für ein Versagen! – trotz seines supercoolen Protagonisten und Hauptdarstellers lediglich ultraspießig und bieder daher. Die jämmerlichen Versuche, sich beim anvisierten Teeniepublikum ranzuschmeißen, sind selbst für die einfältigsten Zuschauer durchsichtig: Damit Johnny im örtlichen Tanzschuppen cool und hip aussehen kann, muss vor ihm als Kontrast eine Rockkapelle spielen, die ihr Handwerk nicht einmal in Ansätzen beherrscht, lediglich als vollkommen überzogene Karikatur durchgeht, die nirgendwo auftreten dürfte. Solche Anbiederung ist noch nie gut gegangen und die gesalzene Rechnung bekamen die Produzenten ja dann auch einigermaßen vehement auf den Tisch geknallt. Gwyneth Paltrows Vater indessen wusste genau was er tat, als er seiner Tochter die Mitwirkung verbat. Die unerwartete Moral von der Geschicht: Auf kluge Papas hör’n ist Pflicht!

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