the revenant (alejandro g. iñárritu, usa 2015)

Veröffentlicht: Juni 5, 2016 in Film
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revenant-leoEin Blut-Schweiß-Tränen-Rotz-Schnee-Matsch-Erd-und-Eingeweide-Epos: THE REVENANT, der auf der wahren Geschichte des Trappers Hugh Glass basiert, erzählt ausdauernd von Schmerz und Leid und vom entsagungsreichen Leben unter widrigen Bedingungen, das, wenn man Glück hat, nach einem heftigen Adrenalinschub der Angst von einem schnellen, gewaltsamen Tod beendet wird, oder aber, wie im Falle des Protagonisten, einfach nicht aus den Knochen weichen mag, sich an den gemarterten Körper klammert wie die Pranken eines Bären, ihn auf allen Vieren durch die Wildnis treibt.

Alejandro G. Iñárritu hat sich bisher nicht gerade einen Namen als „bescheidener“ Regisseur gemacht. Seinen Filmen haftet immer etwas der Ruch der Aufschneiderei, des überflüssigen Pomps und Kitsches sowie der Prätentiosität an. AMORES PERROS, mit dem er 2000 international bekannt wurde, lief bereits 155 Minuten und verknüpfte mehrere Episoden und Schicksale zu einem theatralischen Runterzieher, in dessen Mittelpunkt das Schicksal eines armen Wauwaus stand. Dem folgenden 21 GRAMS konnte man mit einigem Recht vorwerfen,  in erster Linie den Zweck verfolgte, seinem Publikum mit großem Aufwand die Laune zu vermiesen zu wollen, BABEL verrannte sich mit weltumspannenden Netzwerk-Plot in rechtschaffenem Welterklärertum, und wenn man so hörte, wie unbescheiden Iñárritu über seinen preisgekrönten BIRDMAN schwadronierte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich tatsächlich für so wichtig und genial hielt, wie seine Filme das immer suggerierten. Auch THE REVENANT ändert nichts daran: Er dauert erneut zweieinhalb Stunden und wartet mit zwei Hauptdarstellern auf, die jeweils für die volle Dröhnung thespischer Gravitas und märtyrerartige Verschmelzung mit ihren Figuren stehen. Als besonderes Gimmick verzichtete der Regisseur auf die Verwendung jeglicher künstlicher Beleuchtung und die Auftaktsequenz, die Spielbergs D-Day in den US-amerikanischen Nordwesten verlegt, ihren Strand verteidigende Nazis durch attackierende Indianer ersetzt, ist selbstredend ohne (sichtbaren) Schnitt inszeniert. Die Handlung ist demgegenüber geradezu aufreizend sparsam: Es geht um Durchhaltevermögen und Lebenswillen, um Liebe und Loyalität und, ich bin geneigt zu sagen: natürlich, um Rache.

Damit wir uns richtig verstehen: THE REVENANT sieht wirklich fantastisch aus, lässt sich als ausufernder Bilderbogen beschreiben, der die ganze ungezähmte Wildheit der US-amerikanischen Wildnis in eindrucksvollen Panoramen einfängt, den armen, durchnässten Weißen, die wie ahnungslose Zielscheiben durch das feindliche Land ziehen, eine schroffe, unbarmherzige Natur entgegensetzt, deren Schönheit nur wenig mit den Idealisierungen der Romantik zu tun hat. Den Protagonisten dabei zuzusehen, wie sie sich dieser Natur entgegenwerfen, wie sie versuchen zu überleben und welche Entbehrungen sie dabei auf sich nehmen, ist durchweg packend und nicht selten schmerzhaft. Vor allem DiCaprio darf als halbtoter, durch die Mangel gedrehter Hugh Glass alle Register ziehen, bluten, schreien, grunzen, keuchen und kriechen, aber seine Mitstreiter, von denen nicht wenige von aus dem Nichts heranrasenden Pfeilen durchbohrt werden, und Tom Hardys Fitzgerald, dessen Indianerhass von einer überlebten Skalpierung herrührt, sollen auch nicht verschwiegen werden. Es ist schon eine Schau, THE REVENANTs Sadismus über die volle Distanz zu folgen. Definitiv der erste Film Iñárritus, bei dem ich mir eine Zweitsichtung wirklich vorstellen kann.

Aber, und das wäre dann also meine Kritik, es ist schon etwas seltsam, diese trotz esoterischem Geraune (Glass sieht immer wieder seine tote Indianergattin) im besten Wortsinne eindimensionale Geschichte im Gewand des großen Oscaranwärters dargeboten zu bekommen. Glass‘ Geschichte war schon einmal verfilmt worden, 1971 mit Richard Harris in der Hauptrolle als MAN IN THE WILDERNESS, und damals war das ein schlanker 100-Minüter von Richard Sarafian, an den sich heute niemand mehr erinnert. Unter Iñárritus Regie avanciert die Mär über einen sich grunzend durch den Schnee schleppenden Zottel, der nur von Rachegelüsten, eisernem Willen und – seien wir ehrlich – einer ihm vom Drehbuch angedichteten Tom-und-Jerry-haften Stehaufmännchen-Physis am Leben gehalten wird, hingegen zum kulturellen Großereignis, über das alle reden und dem die Auszeichnungen hinterhergeworfen werden. Das Missverhältnis ist kaum zu übersehen, und so langsam aber sicher finde ich die Obsession des amerikanischen Kinos mit dem Rachethema durchaus etwas problematisch: Ich habe rein gar nichts gegen einen kompakten, gewalttätigen Reißer, aber gibt es für das ganz große Kino wirklich keine interessanteren menschlichen Grenzerfahrungen mehr als unstillbaren Blutdurst und Hass? Wie oft müssen wir uns noch damit auseinandersetzen und so tun, als habe das wirklich etwas mit unserem Leben zu tun? Und: Ist es wirklich angemessen, diese Geschichte mit diesen Mitteln zum Großereignis aufzublasen?

Kommentare
  1. Josselin Beaumont sagt:

    Ein Einwurf bzgl. der Rachethematik:
    Ich empfand die Auflösung des Ganzen als ziemlich angenehm. Zunächst der ungemein harte, brutale Kampf von DiCaprio gegen Hardy. Dann Hardys Ausspruch (sinngemäß, da die Sichtung ein wenig zurückliegt): „Meinst du wirklich, dass du deinen Sohn zurückbekommst, sobald du mich tötest? Es wird sich nichts ändern.“

    Dann Umschnitt auf DiCaprios Blick, der brilliant jenen Moment ausspielt, in welchem ihm das erste Mal bewusst zu werden scheint, dass seine Rache freilich gar nichts bringen wird und den Entschluss fällt, Hardy einfach wegtreiben zu lassen.

    Sicher, man kann natürlich argumentieren, dass er genau wusste, dass die Indianer auf der anderen Seite des Ufers ihm die „Arbeit“ abnehmen würden, aber ich habe das Ende eher so verstanden, dass er tatsächlich eingesehen hat, wie sinnlos sein Wunsch nach Rache war, da nichts – rein gar nichts – seinen geliebten Sohn wieder zurückbringt. Ich meine, DiCaprio hätte auch von Hardy abgelassen, wenn er keine Indianer gesehen hätte oder ihn auch hätte einfach liegen gelassen, wenn sie auf einer grünen Wiese gekämpft hätten, die ihm nicht die Chance geboten hätte, ihn in die Fluten zu entlassen.

    Ich habe den Film weniger als einen Rachefilm gesehen, als vielmehr einen Film über eine komplizierte, tragische Vater-Sohn-Beziehung, die ein unglaublich tragisches Ende nimmt und den Kampf eines Vaters visualisiert, der versucht das Unmögliche zu schaffen: Mit dem Verlust des Sohnes umgehen und sich dabei entscheiden müssen, ob er weiterleben oder ihm folgen möchte.

    Schön zu lesen ist übrigens auch die Kritik von Vern, die du sicherlich kennst:
    http://outlawvern.com/2016/01/26/the-revenant/

    Ich wünsche noch einen geruhsamen Abend!

    • Oliver sagt:

      „Ja“ zu deiner Interpretation bzgl. Glass‘ Einsicht, aber die ist ja auch ein Standard des Rachefilms. Ich wollte mit meiner Kritik auch gar nicht datauf abzielen, dass ich THE REVENANT nun irgendwie ideologisch zweifelhaft finde, darum geht es mir nicht. (Auch wenn ich das Überlassen Fitz‘ an die Indianer schon so sehe, dass Glass damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Er gönnt Fitz nicht den Triumph, sich als so schwach zu zeigen, wie der es von ihm erwartet, und er weiß, dass er von den Indianern noch viel garusamer gekillt werden wird.) Ich finde es einfach nur seltsam, dass so irrsinnig viele Filme, die man nicht mehr einfach als „Reißer“ abtun kann, sich dieses Themas annehmen.

  2. Frank sagt:

    Vorne weg, da das hier mein erster Kommentar auf dieser Seite ist: Tolles Ding! Interessante Kritiken! Und vor allem – Herr Nöding – eine wunderbar mitreißende Liebe zum Film schwingt da in deinen Zeilen mit – ganz großen Dank!!!

    Zum Film (und meiner Meinung darüber): An der Machart gibt es nichts zu rütteln. Der Film war toll gemacht, bot schöne Bilder, und auch die Länge erdrückte mich nicht.
    Zur Bescheidenheit des Regisseurs kann ich nichts sagen, interessiert mich auch nicht… naja, will mich nicht interessieren, schließlich geht es hier um den Film – das Werk – und nicht um A.Inàrritu. Aber das ist ja auch ein alter Hut, womit wir bei der Rache-Story wären.
    Nichts Neues. Stimmt. Obwohl ich zugeben muss, dass mich die Szene, als der Pawnee-Indianer sich (geradezu schulterzuckend) umdreht, auch wenn sein Herz blutet, Rache aber nicht in seinen Händen liegt, sondern in denen des Schöpfers, und seinen weg fortsetzt – eben weitermacht!, mir schon eine saftige Backpfeife verpasst hat. Die ganze Belanglosigkeit die Rache ausmacht (oder ausmachen soll) wird in diesem schmerzlichen, aber einfachen Akzeptieren der nun mal unabänderlichen Gegebenheiten spürbar.
    Leider passiert das etwas über die Mitte des Films, und DiCaprio und Hardy können dem am Ende nichts hinzufügen (was nicht ihre Schuld ist). Im Gegenteil ihre zwar schön blutig vorgetragene Balgerei gegen Ende wirkt nichtsdestotrotz etwas Hilflos. Was, sicherlich, genau die Absicht Inàrritus gewesen seien könnte, ich allerdings weniger glaube, da mir das Ende eher so vorkommt, wie der verzweifelte Versuch, diesem epoachalen Kraftakt noch eins und noch eins draufzusetzen… aber umso mehr aufgesetzt wirkt, und schließlich in dem pünktlichen Auftauchen der Indianer gipfelt, die Glass´ (Ich-tu-jetzt-mal-so-als-ob-)Lernprozess (und den des Zuschauers?) der Lächerlichkeit preist, wenn er Fitzgerald nicht in des Schöpfers Hände, sondern in die der Indianer gibt. Da hätte er ihm lieber selbst das Messer reinjagen sollen, um der Möchtegern-Kernaussage des Films mal höchstpersönlich auf den Zahn zu fühlen!
    Denn natürlich macht es der Bär am Anfang ja genau richtig, bevor etwas seinen Jungen geschieht, die drohende Gefahr gleich angreifen und unschädlich machen, auch wenn er selbst dabei draufgeht. Mal Hände hoch, wer hat Kinder, und hätte Glass sich nicht auch für seinen Jungen geopfert?
    Und wie kommen überhaupt diese Arikaree weg? Wenn ich mir vorstelle, ich sehe, wie sich zwei bis aufs Blut bekämpfen, der Sieger dann ablässt, stürze ich mich gleich auf das Opfer, um es zu skalpieren? Ich meine, ist doch selbstverständlich, oder? Noch dazu wenn ich gerade meine längst verloren geglaubte Tochter zurückgewonnen habe!
    Es stimmt schon, wie im Kommentar von J.Beaumont angedeutet, alles ausschlaggebende in diesem Film dreht sich um die Vater-Kind-Konstellation, aber keiner der Väter lernt etwas daraus. Man ist ja versucht hilflos auf die Leinwand zu zeigen und nach der Mutter zu rufen. Oder ging es Inàrritu genau darum – um den Zuschauer? Sorry, ich hab mich mit Fitzgerald identifiziert, oder vielmehr mit dessen Vater, der Gott gefunden und längst aufgefressen hatte.

    • Oliver sagt:

      Danke für das Lob und den Kommentar, den ich jetzt aber mal einfach so stehen lasse. Nur eins noch: Bitte kein „Sie“! Ich bin Oliver.🙂

  3. Frank sagt:

    Geht klar, Oliver😉

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