dazed and confused (richard linklater, usa 1993)

Veröffentlicht: Juni 6, 2016 in Film
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jf_dazedandconfused_final_smEin bisschen was zu DAZED AND CONFUSED habe ich schon nebenan in meinem Text zum „spiritual sequel“ EVERYBODY WANTS SOME!! gesagt, das natürlich auch der Anlass war, mir diesen Lieblingsfilm mal wieder anzuschauen. Nicht immer funktioniert eine solche Auffrischung, gerade Filme, die man in der erweiterten Jugend zu schätzen gelernt hat, erscheinen einem mit etwas Abstand oft unreif oder zu sehr einer bestimmten Zeit verhaftet, die unwiederbringlich verflogen ist. Aber DAZED AND CONFUSED ist immer noch so toll wie damals, wenn natürlich auch nicht mehr so überraschend. Er ist von einer quirligen Lebendigkeit, von einer immensen Dichte in seiner Atmosphäre, in der Zeichnung des Milieus, in dem er spielt, dass es wirklich schmerzhaft sein kann, sich daran zu erinnern, dass er nur ein Film ist, dass es diese Charaktere gar nicht wirklich gibt, und dass sie – wenn doch – gut 15 bis 20 Jahre älter als man selbst wären. Das Gefühl, an der Schwelle zu etwas Neuem, Aufregendem zu stehen, fängt er ein wie kaum ein zweiter Film und nebenbei gelingt ihm das Wunder, einen an einer jener wundersamen Sommer-Partynächte teilhaben zu lassen, die anscheinend nicht enden wollen, die vollgepackt sind mit kleinen Geschichten, Plots und Subplots, durch die man sich treiben lässt, mal hier mitmacht, dann wieder aussteigt, um sich von der nächsten Euphoriewelle an einen anderen Ort mitreißen zu lassen. Am Ende, wenn Pink (Jason London), Wooderson (Matthew McConaughey), Slater (Rory Cochrane) und Simone (Joey Lauren Adams), am Morgen nach jener grandiosen Nacht Richtung Houston rauschen, um dort die Tickets für das fieberhaft erwartete Aerosmith-Konzert zu kaufen, fühlt man sich wie sie: Ein bisschen hungover, berauscht, etwas müde, aber verdammt glücklich.

DAZED AND CONFUSED spielt am letzten Schultag des Jahres 1976 in einer texanischen Kleinstadt. Da gibt es die Schüler, die sich darauf vorbereiten, nach dem Sommer als „Seniors“ zurückzukehren, und die „Freshmen“, Junior-High-Abgänger, die von den Veteranen mittels demütigender Initiationsriten auf den kommenden „Ernst des Lebens“ vorbereitet werden. Im Mittelpunkt stehen der Senior Randall „Pink“ Floyd, Quarterback der Highschool-Footballmanschaft, der vom Coach dazu gedrängt wird, sich mit der Unterschrift eines Enthaltsamkeits-Gelübdes für das nächste Jahr zu verpflichten, und Mitch Kramer (Wiley Wiggins), ein Freshman, der nach überstandener Initiation von den Seniors unter ihre Fittiche und mit in die aufregendste (und längste) Nacht seines Lebens genommen wird. Aber ihre beiden sich kreuzenden Geschichten sind nur zwei von zahlreichen weiteren: Da gibt es den coolen Wooderson, der der Highschool eigentlich schon lange entwachsen ist, aber immer noch gern mit den Kids rumhängt und seinen Status als elder statesman genießt. Den ekligen O’Bannion (Ben Affleck), der sitzengeblieben ist und nun schon im zweiten Sommer hintereinander sadistische Jagd auf die Freshmen macht, die traditionell den Arsch mit einem breiten Cricket-Schläger versohlt bekommen. Die Nerds Tony (Anthony Rapp), Mike (Adam Goldberg) und Cynthia (Marissa Ribisi), die sich zur Teilnahme an der Party überreden lassen, zu der sie sich nicht so recht zugehörig fühlen. Pickford (Shawn Andrews), bei dem die große Party steigen soll, von der die Eltern aber in letzter Sekunde Wind bekommen. Sabrina (Christin Hinojosa), das weibliche Pendant zu Mitch, die sich in den ebenso zurückhaltenen Tony verliebt. Und natürlich deren Freunde und Freundinnen, die um diese Fixterne in immer neuen Konstellationen herumkreisen und den Eindruck vermitteln, man bewege sich tatsächlich in einem gesellschaftlichen Mikrokosmos.

Es passiert eigentlich nichts übermäßig Aufregendes: Ein gewisses Alter vorausgesetzt, hat wahrscheinlich jeder Zuschauer etwas ganz ähnliches erlebt wie die Figuren aus DAZED AND CONFUSED (die kulturellen Unterschiede einmal außen vor gelassen). Es sind die Authentizität, mit der Linklater Ort und Zeit einfängt, die durch die Bank famosen Darsteller, die von ihren Charakteren überhaupt nicht mehr zu trennen sind (der damals 16-jährige Wiley Wiggins ist nichts weniger als brillant in seinem Debüt), und dieser unwiderstehliche, verführerische Flow, den der Film entwickelt, die ihn zu etwas ganz Besonderem machen. Wer auf Americana und Coming-of-Age-Stoffe steht, dürfte nach DAZED AND CONFUSED ebenso restlos beglückt sein wie ich nach nunmehr etlichen Sichtungen. Eine vitalisierende filmische Frischzellenkur, ein Werk, das einen das Leben in all seinen Facetten lieben lässt.

 

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