the world moves on (john ford, usa 1934)

Veröffentlicht: Juni 10, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , ,

the_world_moves_on_1934_posterJohn Fords Familiensaga umspannt rund 110 Jahre, drei Familien, vier Generationen, zwei Kontinente, den Ersten Weltkrieg und das Heraufziehen des Zweiten, den Aufstieg des Baumwoll-Unternehmens Girard-Warburton zum Weltmarktführer sowie den Niedergang seines amerikanischen Zweigs. Ein Regisseur wie David Lean hätte aus diesem Stoff wahrscheinlich einen episch wogenden Fünfstünder gemacht, John Ford, über den mein lieber Freund Marcos einmal sagte, dass er in seinen Filmen immer „alles“ machen musste, packt es in kompakte 105 Minuten, die zwar zum Bersten gefüllt sind, aber dennoch nie gestresst oder gehetzt anmuten. Ein Wunder.

THE WORLD MOVES ON eröffnet 1825 mit der Verlesung des Testaments des Firmengründers in New Orleans. Um die Weichen für eine große Zukunft seines Unternehmens zu stellen, ordnet er an, dass seine Söhne jeweils in den USA, Frankreich und Deutschland Zweigstellen gründen und leiten sollen. In Großbritannien übernimmt der Weggefährte Warburton (Lumsden Hare) diese Aufgabe, in dessen junge Ehefrau (Madeleine Caroll) sich Sohn Richard (Franchot Tone) unsterblich verliebt, sie aber trotz sprühender Funken in die europäische Heimat ziehen lässt (nachdem er ihre Ehre in deinem Duell verteidigt hat). 90 Jahre später treffen sich die Familie bzw. deren Nachfahren in den USA wieder: Der junge Richard und die schöne Mary Warburton spüren sofort ein unerklärliches Band zwischen sich, als hätten sie sich schon einmal getroffen. Auch das Geschäft blüht an allen Standorten, allerdings bereiten die Streitigkeiten in Europa große Sorgen. Als der Krieg ausbricht, steht nicht nur die Firma vor einer großen Herausforderung, die einzelnen Familienzweige sehen sich auch plötzlich als Feinde ins Auge …

Fords Film funktioniert als Unternehmerepos über den Aufstieg und Fall eines Weltunternehmens, um die strategischen Entscheidung, die vorgenommen werden müssen und die Folgen, die sie nach sich ziehen, als Geschichte einer Familie, die durch den Krieg zerrissen wird und die weitreichenden Folgen der Katastrophe zu spüren bekommt, und einer die Jahrzehnte und Generationen überdauernden Liebe, die nicht mehr an einzelne Charaktere gebunden ist, sondern sich in der Erbmasse festsetzt und so immer weitergereicht wird. In dieser Verbindung unterschiedlichster Aspekte strebt Ford mit THE WORLD MOVES ON anscheinend nicht weniger an als eine Art Universalgeschichte der Menschheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er zeigt, wie wir alle über willkürlich gezogene Nationalgrenzen hinweg verwandt sind, dass wir kaum mehr sind, als das Produkt unserer Ahnen, wie sich Geschichte als hegelianisches Wechselspiel von Fort- und Rückschritt gestaltet, Unternehmungen wie jene der Girard-Warburtons so lange prosperieren, bis ein grausam rationalen Erwägungen geschuldeter Krieg alles auf den Nullpunkt zurücksetzt. Dem einzelnen bleibt nichts anderes übrig, als sich durch diese Unwägbarkeiten treiben zu lassen und mit dem umgehen zu lernen, was ihm das Leben in den Weg wirft. Trost und Hoffnung mag da der vielleicht nur Glaube spenden, wie das arg kitschige und durchaus überraschende Ende mit einem von göttlichem Licht illuminierten Kruzifix suggeriert. Doch dieses Finale wirkt wie eine Ausflucht, um den Film zu einem Ende zu bringen, das es nach den vorangegangenen 105 Minuten logischerweise nicht geben kann.

Aber es gibt mehrere wunderbare Augenblicke, die für diese Ratlosigkeit entschädigen: Das „Wiedersehen“ zwischen Mary und Richard, die sich nicht kennen, aber doch eine rätselhafte Verbindung spüren. Wie er ein Lied auf dem Klavier spielt, das sie nie gehört hat, aber eben doch kennt, weil ihre Urahnin – was sie natürlich nicht weiß – es vor 90 Jahren in einer ganz ähnlichen Situation hörte und wahrscheinlich weitertrug. Der tragische Tod der Familienoberhäupter, deren Ozeankreuzer ausgerechnet von jenem U-Boot versenkt wird, das ihr eigener Neffe befehligt. Eindrucksvoll auch – nach FOUR SONS wieder einmal, muss man sagen – die Szenen auf den europäischen Schlachtfeldern, die sich vor modernen Darstellungen hinsichtlich ihrer Wirkung nicht verstecken müssen.

Was fehlt ist, wie gesagt, der einende Strang, die Fokussierung oder aber der lange Atem, wirklich alles auszuerzählen: Gerade die letzten 20 Minuten wirken übereilt und nachgeschoben. Aber trotzdem muss man den Gesamtentwurf, den Mut, sich einem solchen Thema in nicht einmal zwei Stunden zu stellen, bewundern. Und langweilig ist THE WORLD MOVES ON zu keiner Sekunde. Davon mal ganz abgesehen: Ein Ford-Film, der zum Teil in Düsseldorf spielt, hat bei mir eh einen Stein im Brett.

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s