magdalena, vom teufel besessen (walter boos, deutschland 1974)

Veröffentlicht: Juni 20, 2016 in Film
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2qasp5yNeben der Frage nach den drei Dingen für die einsame Insel ist jene nach der Epoche, die man am gern mit einer Zeitmaschine bereisen würde, beliebter Bestandteil von Personality-zentrierten Fragebögen. Die Chance, dass Kenner von Walter Boos‘ berüchtigtem deutschen EXORCIST-Rip-off die Bundesrepublik der Siebzigerjahre als Wunschziel angeben, dürfte gegen null tendieren: Wenn MAGDALENA, VOM TEUFEL BESESSEN auch nicht so funktioniert, wie von den Machern wahrscheinlich intendiert, so verfehlt er als schauderhaftes Zeugnis einer niederdrückend staubigen und freudlosen Zeit voller Spießertum, dräuenden Katholizismus, onkelhaft-schmieriger Autoritätspersonen, fragwürdiger Freizeitgestaltung, scheußlicher Inneneinrichtungen, trauriger Büßermentalität und desillusionierender Tristesse seine Wirkung nicht. Die Geschichte einer vom Teufel Besessenen wird so eigentlich unverkennbar zu einer vom Zusammenbruch der Jugend unter der deprimierenden bundesrepublikanischen Realität. Und dass MAGDALENA, VOM TEUFEL BESESSEN selbst gar kein Bewusstsein von dieser eigentlich unübersehbaren Bedeutung entwickelt, macht ihn nur umso überzeugender.

Magdalena (Dagmar Hedrich), ein Waisen- und Heimkind, dessen Opa anscheinend mit dem Teufel im Bunde war, zeigt nach seinem gewaltsamen Kreuzigungstod rätselhafte Symptome. Sie bricht von  Krämpfen geschüttelt und schäumend zusammen, überzieht ihre besorgten Erzieherinnen (Elisabeth Volkmann & Eva Kinsky) und den herbeigerufenen Arzt (Peter Martin Urtel) mit öbszönen Beleidigungen, wälzt sich vor Geilheit nackt am Boden und bringt, wie es sich für einen echten Satansbraten gehört, Einrichtungsgegenstände zum Levitieren. Der stets besorgt dreinschauende Psychologe (Werner Bruhns) glaubt im Gegensatz zum Pfaffen (Rudolf Schündler) nicht an Überirdisches, und lädt Magdalena zur Therapie in sein Haus im tiefsten, dumpfesten Bayern ein, wo das Mädchen sogleich den örtlichen Wirtshausproleten den Kopf zu verdrehen beginnt. In einem denkwürdigen Finale erbricht sie eine schwarze Schlange und zieht daraufhin geheilt mit dem Assistenzarzt (Michael Hinz), der vom hippokratischen Eid anscheinend noch nichts gehört und außerdem eine Vorliebe für Problemweiber hat, in eine güldene Zukunft voller Prilblumen und zielloser Ping-Pong-Partien.

Während sich der Film fahrig an den erwartbaren Reminiszenzen entlanghangelt, in den Szenen mit den besorgten Ärzten an jene „Aufklärung“ erinnert, die die zahllosen Report-Filme zur selben Zeit kredenzten, und mit einem Krimiplot um zwei ratlos in ihrer Amtsstube sitzenden Kriminalisten aufwartet, der bis zum Ende kein Stück vorwärts kommt, schockiert MAGDALENA, VOM TEUFEL BESESSEN, wie oben angedeutet, als harsches Zeitzeugnis. Magdalena – die im Vorspann vollmundig als Neuentdeckung gepriesene Dagmar Hedrich überzeugt in erster Linie mit ihrer künstlich aufbereiteten Oberweite – schläft unter einem Katzenposter und neben dem gruseligen Bild der verstorbenen Eltern, schunkelt im Plattenladen lustig mit der leeren Birne und fristet ansonsten ein trauriges Dasein zwischen wohlmeinenden Erziehern und anderen Erwachsenen, die der Entnazifizierung auf rätselhafte Art und Weise entgangen sind. Alle sind entweder gnadenlos ungeeignet, eine junge Frau zu erziehen – als Magdalena ihren Anfall erleidet, glotzen die Heimleiterinnen dumm aus der Wäsche und rätseln dann, was denn nun zu tun sei -, oder können ihre finsteren Eigeninteressen (sprich: Altherrengelüste) nur schwer verbergen. Was ist von einem Arzt zu halten, der eine emotional labile Person zur Therapie in seinem Häuschen einquartiert und einen Assistent beschäftigt, der sich schon nach kurzer Zeit an die doch offensichtlich Unzurechnungfsähige heranschmeißt? Die Kluft, die sich da zwischen der Jugend und der Eltern- bzw. Großelterngeneration auftut, der Spalt, der zwischen Männern und Frauen klafft, ist für den Außenstehenden unschwer als unüberbrückbar zu erkennen (ein Thema, das Friedkin in THE EXORCIST wesentlich stärker reflektierte). Die Hauptdarstellerin (laut IMDb war sie zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 39 Jahre alt), deren Karriere nach diesem Werk dann auch schon wieder beendet war, kann zwar kein Stück schauspielern, bringt dafür aber eine entwaffnende Ungeschliffenheit und Naivität mit, die dem Film durch die Hintertür zum Vorteil gereicht.

Als Okkultismus-Schocker funktioniert Boos‘ Film kaum: Wie man Schrecken und Thrill inszeniert, hat der Mann offensichtlich nie gelernt, sodass alle in diese Richtung gehenden Szenen dann auch eher belustigend und karnevalesk wirken. Hauptmotivation war es wohl, ein paar dralle Geschmacklosigkeiten aufzubieten und dementsprechend bleibt die Kamera auch immer etwas länger als unbedingt nötig auf die nackten Tatsachen gerichtet (zwei völlig unbedeutende weibliche Nebenfiguren bekommen eine kurze Lesbenszene geschenkt). Im Geiste steht MAGDALENA, VOM TEUFEL BESESSEN den genannten Report-Filmen sehr nahe, und man sieht die schwitzenden, mittelalten Herren, die sich mit ihren Regenmänteln im Kino einfanden und danach am Kiosk den FKK-Report in die Bild-Zeitung einrollen ließen, förmlich vor sich. Ob sie sich danach wirklich „erleichtert“ fühlten? Die Bundesrepublik dieses Films ist ein graubrauner Albtraum aus abblätterndem Putz, Schimmelbefall, gefährlichen Schlaglöchern und gescheiterten Existenzen, daran ändern auch ein paar Silikontitten nichts.

 

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