the neon demon (nicolas winding refn, frankreich/dänemark/usa 2016)

Veröffentlicht: Juni 26, 2016 in Film
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f001Es gab eine Zeit, da war ein Film von Nicolas Winding Refn für mich ein Grund zur grenzenlosen Vorfreude und mit DRIVE kulminierte die wachsende Begeisterung pünktlich zu seinem ambitioniertesten und wohl auch zugänglichsten Film. Der herbe Rückschlag folgte auf dem Fuße mit ONLY GOD FORGIVES, der für mich all das verkörpert, was Kritiker schon an DRIVE bemängelten, und von dem ich heute fast nichts in Erinnerung behalten habe. Vor THE NEON DEMON hatte ich auch ein bisschen Angst: Würde ich Refn nach diesem Film von der Liste der (für mich) potenziell interessanten Regisseure streichen müssen? Begnügt er sich wieder einmal damit, eine diffus bleibende existenzielle Angst in einer aufreizend langsamen Inszenierung und erlesen gestylten Bildern zu einer spirituellen Passion zu stilisieren? Oder emanzipiert er sich endlich vom postpubertären Selbstmitleid seiner als Protagonisten dienenden männlichen Wohlstandsjünglinge?

Die Möglichkeit, dass Refn mit THE NEON DEMON eine stilistische Richtungsänderung vornehmen würde, wurde ja schon mit Bekanntwerden des Titels zerschlagen: Ästhetisch sind DRIVE, ONLY GOD FORGIVES und THE NEON DEMON wie aus einem Guss, dominiert von aufgeräumten, aber chic designten Bildern voller Neonlichter und spiegelglatter Oberflächen, angetrieben vom Ruhepuls der Scores von Cliff Martinez, langsam fließend wie ein dunkler Fluss, den Zuschauer nicht so sehr konfrontierend als vielmehr hypnotisierend. Aber es gibt auch einen für mich wesentlichen Unterschied: Im Zentrum von THE NEON DEMON steht kein Mann mehr, sondern eine Frau (übrigens mit DoP Natasha Braier auch hinter der Kamera, was ich hinsichtlich des Themas des Films für wichtig und bemerkenswert halte), die Gewalt ist – demzufolge? – nicht mehr ganz so affekthaft, explosionsartig und brutal, sondern verhaltener, kalkulierter. Hauptfigur ist die 16-jährige Jesse (Elle Fanning), eine Waise, die dem alten Klischee zufolge in Los Angeles ihr Glück als Model versuchen will und sich in der Folge mit schmierigen, vergewaltigenden Motelmanagern (Keanu Reevs), missgünstigen Konkurrentinnen, lesbischen Verehrerinnen und manipulativen Fotografen und Designern herumschlagen muss.

Die Kritik an der nur am schönen Schein interessierten Modebranche, die junge, naive Mädchen entweder mit harscher Ablehnung zerstört, oder aber ins System hereinholt und dort zu grotesk operierten Oberflächenmonstren macht, ist der weniger interessante Teil von Refns Film, derjenige, den man auch als etwas „plump“ bezeichnen könnte. Zum Glück interessiert er sich aber eher für andere, universellere Fragen: Was ist Schönheit? Wie hängt sie mit Jugend zusammen? Woher bezieht die Schönheit ihre Macht? Und die Antworten, die Refn auf diese Fragen gibt, sind dann durchaus weniger beruhigend, zumal sie sich nicht immer mit der wohlfeilen Haltung vereinbaren lassen, auf die sich Weisheiten wie die von der „Schönheit, die von innen kommt“ stützen. „Beauty isn’t everything. It’s the only thing“, sagt der Modedesigner (Alessandro Nivola) einmal: Schönheit ist die Grundmotivation hinter allem Handeln, das, worauf sich alles zurückführen lässt, wohin alles strebt. Den Models, die es „schaffen“, kommt damit eine große Macht zu (die aber natürlich der Gnade jener geschuldet ist, die darüber bestimmen, who’s hot and who’s not). Der Drang zur Schönheit ist auch eine zerstörerische Kraft, wie man an dem Motelbesitzer sieht, der junge Mädchen verkauft oder aber selbst vergewaltigt, an den Kämpfen der Models untereinander, oder der Arroganz, die Jesse befällt, nachdem sie den großen Sprung geschafft hat und alle Unsicherheit und Angst, die sie von innen zum Leuchten brachte, plötzlich verschwunden ist. Der Film endet in einem Mord, der in ein archaisches, heidnisches, kannibalistisches Ritual übergeht. You are what you eat.

Dass mir THE NEON DEMON um Längen besser gefallen hat als ONLY GOD FORGIVES, liegt vor allem daran, dass er ein emotionales Zentrum hat: Die Probleme von Jesse sind unmittelbar nachzuvollziehen, ihre Situation weckt Empathie und Zuneigung. Sie ist das Rotkäppchen, das sich bis zum Morgengrauen in einem Wald voller böser Wölfe verstecken muss, die sie verschlingen wollen. Der Film hat ein klareres Thema und die Distanz, die Refn zu ihm einnimmt, führt nicht zur Entfremdung, sondern fördert die Klarheit. Und da ich also von Anfang an „drin“ war, konnte auch die Ästhetik mich wieder packen, die mich im Vorgänger eher abschreckte, wurde ich vom Zusammenspiel der kalten, märchenhaften Bilder und dem ruhig, aber doch drohenden Pluckern des Scores vollständig gefangen genommen. THE NEON DEMON ist ein Trance induzierender Film, dessen vordergründige Schönheit die dahinter liegende Fäulnis kaum verbergen kann – oder will.

Trotzdem würde ich mir wünschen, dass Refn mal wieder seinen Zorn entdeckt, sich von den Glitzerwelten Hollywoods, von Designermöbeln und Luxusartikeln ab- und sich dem Dreck und Schlamm seiner ersten Filmen zuwendet. Einen Film dreht, der sich nicht in Kühle und Detachment gefällt, sondern Leidenschaft und Involviertheit zeigt, dessen Herz blutet, statt eingefroren zu sein. Es wäre einfach eine schöne Abwechslung.

 

 

Kommentare
  1. […] Alternativen und für ein aktives Durchbrechen solcher zerstörerischer Strukturen zu lassen.“ Oliver Nöding von Remember It For Later meint schließlich: „Der Film hat ein klareres Thema und die Distanz, […]

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