dirty weekend (michael winner, großbritannien 1993)

Veröffentlicht: Juni 28, 2016 in Film
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dirty_weekend_theatrical_release_posterObwohl Michael Winner Ende der Achzigerjahre noch einige prestigeträchtige Filme gedreht hatte – die Agatha-Christie-Verfilmung APPOINTMENT WITH DEATH mit Peter Ustinov in der Rolle des Meisterdetektivs Hercule Poirot sowie den mit Jeremy Irons und Anthony Hopkins hochkarätig besetzten A CHORUS OF DISAPPROVAL -, war seine große Zeit fraglos vorbei. Mehr noch: Sein Output in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren hatte seinen in den Sechzigern erworbenen Ruf als „Wunderkind“ des britischen Kinos mehr oder weniger zerstört (wenn auch gewiss nicht zu seinem finanziellen Nachteil), spätestens mit dem grellen Exploiter DEATH WISH 3, wahrscheinlich sein letztes echtes Meisterwerk, war die Karriere als ernstzunehmender Filmemacher im Eimer. Mit DIRTY WEEKEND, seinem vorletzten Film, der Adaption des gleichnamigen Skandal-Romans von Helen Zahavi, der bei seinem Erscheinen 1991 einen Aufschrei moralischer Entrüstung und erhitzte Debatten verursacht hatte und darüber zum Bestseller avanciert war, knüpft Winner nach einigen eher zahmen Werken an DEATH WISH an, seinen größten Erfolg. Und man kann nur darüber staunen, was das für ein schmieriger, sadistischer Film das geworden ist.

Bella (Lia Williams), eine Mittzwanzigerin, zieht nach mehreren frustrierenden Beziehungen in eine Wohnung nach Brighton. Dort wird sie schon nach kurzer Zeit von einem Nachbarn (Rufus Sewell) mit obszönen Anrufen und sogar Morddrohungen belästigt. Genervt davon, sich immer wieder in der Opferrolle einzufinden, beschließt sie, den Spieß umzudrehen. Sie dringt in die Wohnung ihres Nachbarn ein und erschlägt ihn im Schlaf mit einem Hammer. Das Erlebnis beflügelt und inspiriert sie zu einem Rachefeldzug gegen Chauvieschweine und Frauenfeinde, die sie mit Sex ködert und dann kurzentschlossen umbringt …

Vom verspielten Inszenierungsstil von Winners Anfangstagen ist DIRTY WEEKEND weit entfernt und auch die Bilder glamouröser Appartements, Designerinterieurs und anderem Luxus, mit denen sich Winners oft gut situierten Protagonisten umgaben, sucht man vergebens. Hervorstechendstes Merkmal ist die scheußliche Staubigkeit und Durchschnittlichkeit der frühen Neunzigerjahre: Alles sieht falsch, deprimierend und billig aus, nicht nur Kleidung und Möbel, auch die Körper. Richtiggehend abstoßend wird es, wenn Bella in der Lobby eines Hotels einen dickleibigen Schnauzbartträger mit unreiner Haut und Fetthaaren aufreißt, der sich auf dem Zimmer vor dem anstehenden Akt erst einmal stolz auf der Teigwampe herumklatscht und die Manboobs schlackern lässt. Nicht einmal der Blick auf seine Krampfadern kann vom sich darbietenden Grauen ablenken. Das Schreckenskabinett widerlicher Männertypen (unter anderem entdeckt man David McCallum und Sean Pertwee unter den Opfern) findet seinen Höhepunkt in einem Frauenmörder, vorher noch darf Bella drei schmierige Proleten beiseite räumen, die in einer dreckigen Sackgasse eine greise Obdachlose befingern und verbal demütigen. Abgefedert wird das alles durch einen beißenden, die Grenze zur Groteske mehr als einmal überschreitenden Humor: Bella verwandelt sich von der „authentischen“ Protagonistin in eine sadistisch grinsende, boshafte Sprüche klopfende Slasherin, eine Comicfigur, die als feministische Rachefantasie durch eine Welt voller Perverser und Vergewaltiger stolziert. Von einem angeblichen Frauenhasser wie Winner hätte man das vielleicht nicht unbedingt erwartet, aber mehr als als Ausdruck der Sympathie mit den Frauen, die leider stets damit rechnen müssen, Opfer sexueller Gewalt zu werden, kommt in DIRTY WEEKEND wieder einmal seine Verachtung vor der gesamten Menschheit zum Ausdruck, die er hinter einer Maske der Satire verbirgt.

DIRTY WEEKEND ist nicht unbedingt die Sternstunde des Winner’schen Schaffens, dafür ist der Film insgesamt zu schmucklos und krude, aber als rarer Vertreter des Neunzigerjahre-Sleaze kommt ihm ein kleiner, versiffter, bewichsfleckter Ehrenplatz in einem heruntergekommenen Pornokino zu.

 

 

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