la minorenne (silvio amadio, italien 1974)

Veröffentlicht: Juli 9, 2016 in Film
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01807701Wenn man sich etwas intensiver mit dem oft verunglimpften Genre der Commedia sexy all’italiana befasst, stellt man irgendwann fest, dass unter diesen Begriff längst nicht nur FLOTTE TEENS-Filme fallen, in denen Gianfranco D’Angelo und Alvaro Vitali dumme Grimassen, Edwige Fenech und Nadia Cassini hingegen blank ziehen. Ein gutes Beispiel für die unterschlagenen Ausnahmen – neben dem zu Beginn des Jahres beim Terza Visione begeistert aufgenommenen MALIZIA – ist Silvio Amadios LA MINORENNE. Der zweite Film der ein Jahr später mit LA LICEALE auch in Deutschland bekannt gewordenen Gloria Guida ist nur wenig komisch, sondern ganz schön bitter und zeichnet kein allzu gutes Bild vom italienischen Bürgertum und der Kirche.

Valeria Sanna (Gloria Guida) besucht eine streng katholische Klosterschule. Die einzige körperliche Zuwendung, die die Jugendliche dort erfährt, sind die Grabschereien des Schularztes, ansonsten bleibt ihr nur die Flucht in ihre Fantasie: Dort wird sie von mit Motorradhelmen maskierten Jugendlichen im Wald vergewaltigt, von Nonnen in einem Folterkeller ausgepeitscht oder schneidet besagtem Arzt den Schniepel ab, während er von ihren Mitschülerinnen überfallen wird. Doch immer wieder dringt ihr streng dreinblickender Papa Massimo (Marco Guglielmi) in ihren Tagträumen auf und macht alles zunichte. Nach dem Abschluss zurück zu Hause findet sie ihr gegenüber gleichgültige Eltern vor, einen notgeilen Bruder Lorenzo (Luciano Roffi), der sich ein Zubrot damit verdient, seine Kumpels gegen Bezahlung dabei zusehen zu lassen, wie er das Hausmädchen (Gabriella Lepori) vernascht -, oder den örtlichen Pfarrer (Silvio Spaccesi) – pikanterweise sein Onkel – erpresst, der eine Affäre mit einer reichen Gesellschaftsdame hat. Carlo Salvi (Giacomo Rossi-Stuart), der beste Freund des Vaters, empfiehlt diesem ständig, seine angeblich unfähigen Angestellten zu entlassen, um die Rendite zu steigern, fotografiert Valeria beim Sonnenbaden, hat ein Verhältnis mit Franca (Rosemary Dexter), Valerias Mutter, sowie Naziuniformen und Peitschen im Wandschrank. Wie soll man unter solchen Menschen erwachsen werden?

Die Inhaltsangabe spricht für sich: Die Großbürger haben viel Geld, aber keine Moral, was sie damit kaschieren, dass sie sich mit der Kirche gemein machen, die ihrerseits vollkommen korrupt ist. Jeder hintergeht jeden, niemand interessiert sich für den anderen, alle Beziehungen sind letztlich ökonomisch geprägt: Man gibt sich miteinander ab, weil man sich davon einen Vorteil verspricht. Zwischen Erwachsenen und der Jugend verläuft eine unüberwindliche Kluft, eigentlich existiert man nur so nebenher, Liebe oder Empathie sind „pfui“, verweichlichter Kram, eher versteht man sich als Zuchtmeister seiner Brut, die man dann auch mal für mehrere Jahre wegschickt und sich über diese Zeit völlig fremd wird. Und der Jugend fällt bei solchen Vorbildern erwartungsgemäß auch nichts ein, was sie Gescheites mit dem eigenen Leben anfangen könnte.

LA MINORENNE ist bei aller komödiantischen Leichtfüßigkeit und Episodenhaftigkeit ziemlich schmerzhaft und schonungslos in der Zeichnung einer gespaltenen Gesellschaft, einer entkernten Jugend und innerlich erkalteter Erwachsener. Am bittersten aber ist, dass Amadio und Autor Regnoli selbst keinen Ausweg aus dieser fatalen Situation wissen. Das Ende wirkt nach rund 90 überaus bleichen Minuten wie Realitätsflucht. Da nimmt Valeria den desillusionierten Aussteiger und Künstler Spartaco (Corrado Pani) bei der Hand und läuft mit ihm am Strand entlang in eine anscheinend bessere, zumindest glücklichere Zukunft ohne verlogene Eltern und scheinheilige Geistliche. Love conquers after all. Aber so richtig zufriedenstellend ist das nicht.

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