un sussurro nel buio (marcello aliprandi, italien 1976)

Veröffentlicht: Juli 10, 2016 in Film
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bcx3xuxAuch im anscheinend so gut erschlossenen Subgenre des Giallo gibt es sie noch, die kleinen Überraschungen und wenig besungenen Filme, die während der Siebzigerjahre nicht nach Deutschland gelangten und deshalb einer Wiederentdeckung harren. UN SUSSURRO NEL BUIO vom wenig namhaften Marcello Aliprandi – wer wie ich in den Achtzigerjahren aufwuchs, erinnert sich  vielleicht noch an seine TV-Serie DIE HÖHLENKINDER – ist so ein Fall: Statt sich einer solchen Perle anzunehmen und sie hierzulande herauszubringen, schmeißen die Labels lieber die xte Blu-ray von SUSPIRIA auf den Markt, mit limitiertem, mundgemaltem Covermotiv, von Daria Nicolodi selbstgetöpferter Sammelhülle, zweistündigem Exklusivinterview mit dem Caterer und gegenüber der letzten, vor sechs Monaten noch als „ultimativ“ bezeichneter Abtastung noch einmal verbesserter Bild- und Tonqualität. In den ignoranten USA hat man es da besser: Da liegt UN SUSSURRO NEL BUIO unter dem Titel A WHISPER IN THE DARK als DVD vor, auf dass sich der geneigte Zuschauer einen eiskalten Schauer in den Nacken kriechen lassen kann. Aliprandi hat einen Mysterygiallo gedreht, der nicht so sehr mit einem knalligen Twist überrascht, als mit gnadenloser Unausweichlichkeit herunterzieht. Und dazu eine unvergleichliche Herbstatmosphäre kreiert.

Ehepaar Camilla (Nathalie Delon) und Alex (John Phillip Law) führen mit ihren drei Kindern, der Erzieherin Françoise (Olga Bisera) und mehreren Bediensteten ein eigentlich traumhaftes Leben in einer pompösen, ausladenden Villa. Doch die Sorge um den zwölfjährigen Sohn Martino (Alessandro Poggi), der hartnäckig an seinem imaginären Freund Luca festhält, entzweit die Ehepartner langsam aber sicher und schafft immer größere Probleme im familiären Miteinander. Die Situation verschärft sich, als ein Psychologe (Joseph Cotten) hinzugezogen wird und sich die Hinweise häufen, dass Luca tatsächlich existieren könnte …

Frank Trebbin, deutscher Horrorfilmlexikonschreiber, über den ich mich schon häufiger negativ ausgelassen habe, speist auch Aliprandis Meisterwerk mit mageren zwei Pünktchen ab. Wer von seinem Giallo große Knalleffekte, blutige Morde, einen dampfenden Beatscore, viel nackte Haut und eine bescheuerte Auflösung erwartet, wird hier wahrscheinlich tatsächlich enttäuscht werden. Was sich hinter dem Phantom verbirgt, wird schon nach ca. einer Stunde aufgeklärt und von diesem Moment an, spielt Aliprando bis zum Ende nur noch die emotional-seelischen Implikationen dieser Auflösung aus. UN SUSSURRO NEL BUIO endet im Nichts. Statt einer vollständigen Bereinigung der Situation – etwa durch eine erfolgreiche Therapie Martinos oder die Vertreibung des Gespenstes – bleibt ein höchst wackliges Arrangement: Man macht gute Miene zum bösen Spiel. Der Ursprung des Problems liegt natürlich nicht bei dem unschuldigen Sohn, sondern bei den Eltern selbst, deren Verdrängung in der Gegenwart damit „belohnt“ wird, fortan für immer mit den handfesten Folgen ihres Traumas konfrontiert zu werden. Den Sprung vom vermeintlich übersinnlichen Mystery- und Geisterfilm hin zum deprimierenden Psycho- und Familiendrama schafft Aliprandi mit großer Eleganz. Man wartet auf den Geisterbahneffekt in der Schlusseinstellung, aber er bleibt aus: Stattdessen hält die Kamera von Claudio Cirillo die ganze Trauer und Einsamkeit der Mutter fest, die allein am Frühstückstisch zurückbleibt. UN SUSSURRO NEL BUIO ist auch ein Film über die unüberwindliche Kluft zwischen Vätern und Müttern, die tiefe, unerklärliche Verbindung, die letztere zu ihren Kindern haben. Und über die Schmerzen, die damit einhergehen.

Dem oft kalten Formenspiel des Giallo setzt Aliprandi Menschlichkeit und Empathie entgegen. Zwar gibt es genug „herkömmlich“ unheimliche Szenen, vor allem in der ersten Hälfte, aber wenn UN SUSSURRO NEL BUIO den Zuschauer dann in die Nacht entlässt, bleibt vor allem die Gewissheit, dass Geisteraktivität auf nie verheilende seelische Wunden bei den Hinterbliebenen zurückgeht, die bisweilen ganz greifbare Folgen für das physische Leben nach sich ziehen. Dass der Zuschauer emotional nicht außen vor bleibt, liegt an den Leistungen der Hauptdarsteller, die die peinlich überspielte Brüchigkeit des Familienglücks mit großer Sensibilität hervorkitzeln und als Menschen glaubhaft sind, sowie Aliprandis Zurückhaltung. Selbst wenn er wie etwa in einer kurzen, aber willkommenen Venedig-Sequenz auf den Spuren von Roegs DON’T LOOK NOW wandelt (mit dem er überhaupt viel gemein hat) oder seine wunderschöne Hauptdarstellerin aufgelöst im Nachthemd durch die dunkle Wildnis des nebligen Gartens taumeln lässt, bleibt er eng bei den Gefühlen seiner Protagonisten, ohne sie für den billigen Effekt zu verkaufen. Und für die Komplettisten, die weitere Argumente brauchen, sei auch Pino Donaggios toller Score erwähnt.

Wahrscheinlich ist es zu spät, UN SUSSURRO NEL BUIO in den Stand des Klassikers zu erheben, der ihm gebührt. Die Giallogeschichte ist in den Augen vieler „Eurotrash“-Fans bereits fest gefügt und lieber bleibt man bei den etablierten Namen und von den Gewinnern verfassten Narrativen. Was einem alles entgeht, wird einem bewusst, wenn man den Blick einmal schweifen lässt. Offenheit und Neugier zahlen sich immer wieder aus. Und die Geister, die einen dabei heimsuchen, begleiten einen für den Rest des Lebens.

Kommentare
  1. […] – Oliver Nöding hat sich auf Remember It for Later in den selbst in Fankreisen eher unbekannten Giallo „Un sussurro nel buio“ von Marcello Aliprandi verliebt. […]

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