wolfen (michael wadleigh, usa 1981)

Veröffentlicht: Juli 16, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

wolfen_1981Früher, in meiner Kindheit, als ich noch keine Horrorfilme sehen durfte, da ließ ich mir gern von ihnen erzählen. Auch als WOLFEN im Fernsehen lief, mussten meine Eltern mir am nächsten Tag davon berichten. Und meine Fantasie schmückte diese natürlich eher knappen Berichte gnadenlos aus, ließ die Filme ins Unermessliche anwachsen. Weil ich als Steppke noch dazu keinerlei Ahnung hatte, was das für Filme waren, welchen Stellenwert sie hatten, war jeder Film für mich gleichermaßen beeindruckend. Ich meine, WOLFEN jetzt mittlerweile zum dritten Mal gesehen zu haben, aber es war die erste Sichtung, bei der sich annähernd dieses Gefühl einstellte, das ich damals hatte, als meine Eltern mir von dem Film erzählten.

WOLFEN ist kein einfacher Film und schon gar kein „klassischer“ Horrorfilm, auch wenn er seinen sparsamen Plot relativ straight abwickelt. Es geht um den Zusammenprall einer archaischen, längst vergessenen Welt und der Moderne, aber dieses Thema läuft lange Zeit nur im Hintergrund mit, wird erst spät wirklich ausformuliert und trotz des etwas erklärbärigen Finales nie überstrapaziert. Wadleigh liefert vor allem ein tolles Porträt eines New York vor der großen Generealüberholung durch Rudolph Giuliani ab, als die Metropole noch der Inbegriff von Schmutz, Gewalt und Verbrechen war. Ein nicht unbeträchtlicher Teil von WOLFEN spielt in den Ruinen der Bronx, jenen wie Mahnmale in den Himmel ragenden Backsteintorsos, ein unfassbares Bild urbanen Verfalls, das man heute, etwas mehr als 30 Jahre später, kaum noch begreifen kann. Interessant aus heutiger Perspektive sind außerdem die ständigen Terror-Exkurse: Die Sicherheitskräfte vermuten hinter den rätselhaften Morden das Werk von linksextremistischen Terrorgruppen, die nur zu gern die Verantwortung für die prestigeträchtigen Verbrechen übernehmen, auch wenn sie nichts mit ihnen zu tun haben. Die Angst, die dahinter steckt, ist dieselbe geblieben, aber die Terroristen, mit denen wir es heute zu tun haben, haben mit den naiven Aufschneidern und Träumern von damals rein gar nichts mehr zu tun. Es wäre nicht nur in dieser Hinsicht interessant zu wissen, wie WOLFEN heute aussähe, denn die Kritik, die in ihm steckt, müsste noch deutlich schärfer formuliert werden.

Was mich aber in allererster Linie beeindruckt und für den Film eingenommen hat, ist sein grandioses Sound Design, das genauso vielschichtig und geheimnisvoll ist, wie die Stadt, in der er spielt. James Horners Score ist sehr verhalten, pluckert oft unbemerkt und sparsam im Hintergrund, fügt sich ganz organisch in das Gesamtbild, anstatt die Stimmung zu diktieren, vermischt sich mit den Soundeffekten, vor allem dem Raunen des Herbstwindes, dem Echo, das durch die Straßen hallt (wer einmal in New York war, vergisst diesen Sound nie wieder), dem Rascheln des Laubs. Dazu Albert Finneys knarzige Stimme, der man jeden Schluck Whisky, jede Zigarre, jeden verschissenen Tag in dieser Drecksstadt anhört: Ein Soundeffekt für sich. Und dann ist da noch die Tonmischung: Wie da die Stimmen oft in den Hintergrund gemischt, von der Soundkulisse der Stadt überlagert werden, wie oft einfach die Stille regiert. Es entsteht ein wirklich dreidimensionales Bild, das enorm zum Realismus des Films beiträgt, der doch eigentlich eine eher esoterische, traumgleiche Atmosphäre kreiert (Spielbergs JAWS setzt Ton ganz ähnlich ein). Ich schätze, das ist auch das, was an WOLFEN so nachhaltig fasziniert. Seine Geschichte um Indianermagie und intelligente Wölfe, die vielleicht alte Gottheiten sind und sich auf dem Kriegszug gegen Grundstückspekulanten befinden, die ihnen den Lebensraum nehmen wollen, wäre unter der Regie eines weniger zurückhaltenden Regisseurs nur zu leicht zum Ökoquark mit zuckersüßen Ethnostreuseln mutiert. Aber Wadleigh hält all diese Tendenzen im Zaum und hat einen Film gedreht, der wunderbar unterkühlt, rätselhaft und enigmatisch ist, gleichzeitig aber so schroff und direkt wie ein Wolkenkratzer im Winterhimmel.

Kommentare
  1. Frank sagt:

    Moin… oder Tach Oliver,
    ich nehme an, du hast den Film im O-Ton/Sound genossen. Ich frage, weil mein Englisch eher etwas mau ist und Untertitel ja doch immer etwas Konzentration/Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen, was dem eigentlichen Filmvergnügen im Wege steht. Oder weißt du, ob man mit der deutschen Synchro genauso viel Spaß hat?

    bESTEN gRUß

  2. Josselin Beaumont sagt:

    Die Synchronisation ist vorzüglich. Die Sprecher gehören zu den besten der Branche:
    https://www.synchronkartei.de/?action=show&type=film&id=3683

  3. Josselin Beaumont sagt:

    Falls du allerdings in der Hauptsache darauf abgezielt hast, zu erfahren, ob das Sounddesign in der deutschsprachigen Fassung ebenfalls Wirkung entfalten kann: Nein, kann es leider nicht. Soweit ich das beurteilen kann.

    Ich habe den Film bereits fünf Mal gesehen. 2x im O-Ton und ansonsten in der synchronisierten Fassung. Da ich auditiv nicht sehr veranlagt bin und der Sound bei mir stets auch nur aus den TV-Lautsprechern strömt, bevorzuge ich allerdings wegen der großartigen Synchro die deutschsprachige Fassung.

    • Frank sagt:

      Vielen Dank für deine Antwort! Ich vermute einfach mal, dass die deutsche Synchro, wie so oft, ein bisschen lauter über den restlichen Ton gelegt wird, was die ürsprüngliche Homogenität zerfetzt.
      Aber ja, ich weiß, was du meinst: wenn ich mir mal Filme mit O-Ton ansehe, tu ich mich anschließend meist schwer mit der synchronisierten Fassung. Und dann – dann passt das Deutsche wieder, wie die Faust aufs Auge! Wie Arsch auf Eimer!

  4. Martin sagt:

    Das ist er: der etwas andere Horror Film mit dieser einzigartigen Stimmung. Die Anfangssequenz im Park ist die wohl atmosphärischste, die ich je gesehen habe!
    Schade dass man von Michael Wadleigh nie wider was gehört hat (abgesehen von der Woodstock Doku)…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s