Archiv für Juli, 2016

lemon-popsicle-movie-posterA trip down memory lane: Es muss so ’89, ’90 rum gewesen sein, als RTLplus die Filme der EIS AM STIEL-Reihe komplett ausstrahlte und meinem damals 13-, 14-jährigen Ich viele schöne Stunden vor dem Fernseher bescherte. Die Filme waren mir schon ein Begriff aus der Videosammlung meines Großonkels, auch meinen Eltern waren sie bekannt. Mit acht zwischen 1978 und 1988 erschienenen Teilen war die von Menahem Golan und Yoram Globus initiierte Reihe nicht nur ein Megaerfolg gewesen, sondern ein echtes popkulturelles Phänomen, dass das hierzulande sonst eher unbeachtete Filmland Israel in den Blick der Massen rückte. Einen gute Ruf genoss EIS AM STIEL hingegen nie: Das waren Softsexfilmchen mit derbem Humor, die man als seriöser Filmkritiker natürlich nicht gut finden durfte.

Das Wiedersehen nach gut 25 Jahren war von Ent-Täuschung geprägt: In Erinnerung behalten hatte ich EIS AM STIEL als sommerlich-liebenswürdigen, relativ zahmen Coming-of-Age-Film. Der mit Bubblegum-klebrigen Fünfzigerjahre-Hits bis an den Rand vollgepackte Soundtrack, damals ein kaum zu unterschätzender Erfolgsfaktor, begünstigte die Sinnestäuschung. Aber wahrscheinlich ist sie auch der damaligen Seherfahrung zuzuschreiben: Als 14-Jähriger war ich damals auf einer Ebene mit den Protagonisten und selbst, wenn ich nicht wie sie in den Fifties in Israel aufwuchs, so waren viele Probleme, mit denen sie sich rumschlugen, und Erfahrungen die sie machten, doch relativ identisch mit den meinen. Momo, Benny und Johnny waren Indentifikationsfiguren, die man als Junge sofort verstand. Heute war ich doch einigermaßen erstaunt darüber, wie unsympathisch – eben alterstypisch – die drei teilweise agieren: Der schöne Momo (Jonathan Segal) sowieso, ein Womanizer ohne Skrupel, aber auch der eigentliche Protagonist Benny (Yftach Katzur), ein Zögerer und Zauderer, der erst spät wirklich einmal Stellung bezieht. Johnny (Zachi Noy) ist der arme Dickwanst, dem meist übel mitgespielt wird, aber wie er jeden Pfennig, den er seinen Kumpels leiht, sofort in seinem Notizbuch vermerkt und seine Komplexe mit großen Sprüchen überspielt, lässt auch ihn in keinem allzu guten Licht dastehen. EIS AM STIEL ist exklusiv aus Männerperspektive erzählt und die Mädchen und Frauen, die darin vorkommen, bleiben als Menschen völlig unergründet, sie sind keine Charaktere, lediglich Gesichter: hübsche, und dann auch interessant als potenzielle Sexualpartner, oder weniger hübsche, und dann betrachtet Davidson sie kaum freundlicher als seine Protagonisten. Ich habe keinen direkten Vergleich, aber auch die deutsche Synchro sorgt nicht für Differenzierung, im Gegenteil. In einer relativ bitteren Szene, wenden sich die drei Jungs aus lauter sexueller Frustration an eine Protituierte und landen mit dieser in einer ranzigen Abstellkammer, wo sie den Akt auf einer traurigen Holzpalette vollziehen, die behelfsmäßig mit einem schmutzigen Laken bedeckt ist. Benny, der seine Jungfräulichkeit in diesem alles andere als romantischen Szenario verliert, übergibt sich danach, während Johnny unbeeindruckt seinen Platz einnimmt und einige saftige Sprüche ablässt, die nicht recht zu Situation passen wollen, eher der damaligen Synchromode geschuldet scheinen.

EIS AM STIEL ist keine ausschließlich gut gelaunte Angelegenheit und wenn er dennoch mit dieser süßlichen Melancholie und Nostalgie aufgeladen ist, dann liegt das daran, dass er sich ganz in die Vorstellungswelt seiner drei männlichen Hauptfiguren begibt. Ja, Davidson kreiert einen greifbaren Sense of Place, und viele Szenen, in denen die Jungs einfach nur in ihrer Flipperhalle rumhängen, sich die Plakate amerikanischer Filmklassiker vor dem Kino anschauen oder durch die Straßen schlendern, sind wunderbar: Man spürt die Sonne auf der Haut und den Kitzel unendlicher Möglichkeiten, dieses Gefühl, das der Jugend exklusiv ist. Aber alles, was sich dann für sie ergibt, ist fürchterlich deprimierend und falsch, ganz gleich ob es die verzweifelt notgeile Seemannsbraut ist, die Jungs in ihre Wohnung lockt, um sich ihre Bedürfnisse befriedigen zu lassen, oder natürlich die große Liebesgeschichte zwischen Momo und Nili (Anat Atzmon), die mit einer ungewollten Schwangerschaft, einer feigen Trennung, Tränen und einer Abtreibung endet. Man weiß als Zuschauer, dass der edle Retter Benny nicht belohnt werden wird, ahnt, mit welcher Wendung der Film enden wird. Auch wenn EIS AM STIEL auf unzählige Klischees zurückgreift: Er fühlt sich meistens erschreckend echt an und rettet das wenigstens noch ins direkte Sequel hinüber. Dass die drei Freunde nach diesem Film und dem, was sie erlebt haben, immer noch zusammen rumhängen, ist schmerzhaft, aber wahr. Pubertierende Jungs sind schon ziemlich ekelhaft.

 

outland_poster_ukOUTLAND wird gemeinhin als Hyams Ode an den Western und vor allem an Fred Zinnemanns Megaklassiker HIGH NOON beschrieben. Die Parallelen sind deutlich, aber zu sagen, OUTLAND sei lediglich ein modernisiertes Remake, ginge zu weit. Hyams Film ist nicht in Echtzeit erzählt, der berühmte „Countdown“, der bis zur Ankunft der Schurken vergeht, mit denen sich der Held herumschlagen muss, nimmt nur ca. das letzte Drittel des Films in Anspruch und wird eher sporadisch eingesetzt. Klar, die Story um den Gesetzeshüter, der in einer auf einem fernen Jupitermond installierten Mine seine Arbeit tut, einem Verbrechen auf die Spur kommt und plötzlich ganz allein auf weiter Flur, (fast) ohne Hilfe gegen ein paar Killer antreten muss, ist unschwer als Westernparaphrase zu erkennen: Aber überlagert wird das meiner Meinung nach durch die überdeutlichen Anleihen bei einem anderen Klassiker, der 1981 gerade drei Jahre alt war, aber bereits immensen Einfluss ausübte. Die Rede ist natürlich von Ridley Scotts ALIEN.

Die alt und rostig aussehende Industriearchitektur der Station, die dunklen, dann wieder mit grellem Neonlicht beleuchteten Gänge, die Müdigkeit und Depression der Arbeiter, die mit grauen, eingefallenen Gesichtern und ungepflegten Bärten trüb in die Gegend gucken, die ungemütlich aussehenden Kabinen, in denen man sich mit Huren vergnügen kann, die Abwesenheit jeden Sonnenlichts oder überhaupt eines Draußens, das nicht tödlich ist: Das alles ist offenkundig von Scotts Film beeinflusst. Auch hinsichtlich des Plots: Die Ausbeutung der Arbeiter durch die Wirtschaft, die in ALIEN noch eher im Hintergrund läuft, wird in OUTLAND deutlich in den Vordergrund geschoben. Überhaupt spricht einiges dafür, Hyams Film als eine Art Spin-off zu beschreiben. Die Welt, in der das alles spielt, könnte dieselbe zu sein, und was bei Scott eher zwischen den Zeilen zum Vorschein kam, wird hier nun an der Oberfläche verhandelt. Die Geschichte wird dann auch nicht so sehr durch die illegal eingeschmuggelten Drogen angestoßen, die die Arbeiter erst in eine Psychose und dann in den Selbstmord stürzen, sondern durch deren Depression, die der Zustand der Isolation und das Dasein in einer vollkommen lebensfeindlichen Umgebung hervorruft und das Bedürfnis nach Flucht weckt. Connerys Marshall McNiel muss trotz des Verlusts seiner Familie triumphieren, weil er die Abberufung in den Weltraum als Aufgabe begreift, die er bewältigen muss, bevor er zurück auf die Erde kann. Er hat keine Flucht im Sinn, sondern die volle Konfrontation mit dem Grauen. Aber er hat eben auch eine Wahl, anders als die armen Teufel, die ihren Lebensunterhalt in der Mine erschuften müssen.

OUTLAND ist ein schöner Film, auch wenn sein Krimiplot fast pflichtschuldig abgewickelt wird. Aber Hyams gelingt es wieder einmal, eine ausgesprochen dichte Atmosphäre zu schaffen, die sich hinter jener von ALIEN nicht verstecken muss. Dann und wann erreicht sein Film eine hypnotische, tranceartige Qualität, auch weil es – anders als im Western etwa – meist aufreizend langsam zugeht, die Soundeffekte die alles erstickende Stille nie ganz zu übertönen in der Lage sind. Die tollsten Szenen sind dann auch nicht die Showstopper mit den zerplatzenden Köpfen, sondern die Unterredungen zwischen McNiel und seiner einzigen verbündeten, der einem guten Schluck nie abgeneigten Ärztin Lazarus (Frances Sternhagen): zwei Außenseiter, die sich am ungemütlichsten aller Orte ihres gegenseitigen Respekts versichern. Da fiel mir dann auf, dass Lazarus nach der Astronautengattin aus CAPRICORN ONE schon die zweite starke Frauenfigur bei Hyams ist, die nicht gleichzeitig Love Interest ist. Mal drauf achten, ob sich dieser Trend fortsetzt.

DER BUNKER - Info English 2015-finalÜber Nikias Chryssos‘ tolles Spielfilmdebüt DER BUNKER habe ich an anderer Stelle schon viele lobende Worte verloren. Wer den Film bei seinem limitierten Kinostart verpasst hat, kann sich jetzt DVD und Blu-ray kaufen. Am 22. Juli bringt Bildstörung, eines der besten deutschen Labels für ungewöhnliche oder vergessene Filmkunst, den Film in den Handel. Der Kauf ist für jeden aufgeschlossenen Filmfreund Pflicht, alle anderen müssen, Punkt! Im Booklet findet man neben einem Text vom Fuldaer Schriftsteller Guido Rohm auch einen Essay von mir, in dem ich mich neben einigen knappen Deutungsansätzen auch um eine kurze Aufarbeitung deutscher Genrefilm-Geschichte bemühe. Wie gesagt: Kauft euch die Scheibe, denn der Film ist wirklich toll.

capricorn-one-14889Endlich, endlich, endlich habe ich ihn gesehen. Hyams mag ich eh – einer der zu Unrecht vergessenen Professionals der Siebziger- und Achtzigerjahre, Vertreter einer Gattung von Filmemacher, die es heute nicht mehr gibt: versiert und ambitioniert, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen, immer nur dem gerade anstehenden Werk verpflichtet – und CAPRICORN ONE hatte ich seit mehr als 20 Jahren auf der Liste. Zum ersten Mal las ich von dem Film anlässlich seiner TV-Ausstrahlung und die Story fand ich sofort super. Aus welchem Grund es erst jetzt geklappt hat, weiß ich eigentlich nicht.Einzige Entschuldigung ist wohl, dass CAPRICORN ONE nicht gerade dr Riesen-Publikumsschlager ist, der ständig im Fernsehen liefe oder einem von den einschlägigen Versandhäusern entsprechend aufmerksamkeitsträchtig angedient würde. Ich habe ihn einfach immer wieder vergessen. Aber das lange Warten hat sich gelohnt, denn CAPRICORN ONE ist ziemlich genau so toll, wie ich es mir erhofft hatte.

Hyams inszenierte gegen Ende der Siebzigerjahre einen Nachzügler des paranoiden Politthrillers, der im Zuge von Watergate zu großer Popularität gelang. Auch bei ihm geht es um die finsteren Machenschaften der Politiker, die nicht davor zurückschrecken, Menschen zu opfern, wenn ihnen das hilft, die eigene Haut und das Budget für das nächste Jahr zu sichern, die in der Lage sind, Existenzen ganz einfach auszulöschen und Menschen buchstäblich vom Erdboden verschwinden zu lassen. Und die diese Skrupellosigkeit mit der Nüchternheit des Sachbeamten verargumentieren, über so etwas wie ein Gewissen, das ihnen in die Quere kommen könnte, gar nicht mehr zu verfügen scheinen (Hal Holbrook ist gleichermaßen furchteinflößend wie mitleiderregend als Richter im Namen der ökonomischen Ratio). Doch die bleiche Desillusioniertheit, die Filme wie THE PARALLAX VIEW oder ALL THE PRESIDENT’S MEN auszeichnete, ist in CAPRICORN ONE nicht mehr ganz so ausgeprägt: Weil Hyams weniger die bissige Kritik als vielmehr der Wunsch antreibt, sein Publikum zwei Stunden ordentlich durchzuwirbeln, gibt es am Ende zum Beispiel ein etwas kitschig geratenes Happy End – das etwa Alan J. Pakula so gewiss nicht inszeniert hätte.

Toll ist CAPRICORN ONE, weil er ganz unterschiedliche Elemente unter einen Hut bringt: den kalten Politthriller mit Private-Eye-Elementen – Elliott Gould ist der Verschwörung als Journalist Robert Caulfield dicht auf der Spur – aber auch den erhitzten Survival-Film vor unwirtlicher Wüstenkulisse. Wenn die flüchtigen Astronauten (James Brolin, O. J. Simpson und Sam Waterston) vor den Häschern im Staatsauftrag fliehen und sich durch die endlose Weite einer amerikanischen Felsenwüste schlagen müssen, ist das natürlich ein schöner Kontrapunkt zur im Fernsehstudio arrangierten Marskulisse – und eine unerwartete Überspitzung ihrer ursprünglichen Mission. Auf dem fremden Planeten wären sie ungleich sicherer gewesen, auf der Erde lauern waffenstarrende Helikopter mit schwarz getönten Scheiben wie motorisierte Riesenlibellen. Hyams schreckt nicht davor zurück, Bilder und Ruhemomente auch mal länger stehen zu lassen, anstatt immer bloß zur nächsten Attraktion zu hetzen, und schafft so mitunter eine eigentümliche Atmosphäre, die das Unfassliche der zugrundliegenden Geschichte erst richtig zur Geltung bringt. Die Schauspieler helfen ihm dabei: Hal Holbrook hatte ich schon erwähnt, grandios sind auch David Doyle in einem szenefressenden Kurzauftritt als Caulfields Chef, Brenda Vaccaro als trauernde Ehefrau sowie James Karen als Vizepräsident, David Huddleston als großkotziger Politiker und natürlich Telly Savalas als brummiger Pilot, der am Ende die Stimmung heben darf.

Manisches Herzstück von CAPRICORN ONE ist aber die Episode um die Auslöschung von Caulfields Bekanntem: Wie der innerhalb von wenigen Sekunden während Caulfields Gang zur Theke aus einer gut besuchten Bar verschwindet, in seiner Wohnung nichts mehr an ihn erinnert, vielmehr eine fremde Frau behauptet, schon immer dort gewohnt zu haben, ist auch deshalb so gruselig, weil Hyams es vergleichsweise unaufgeregt in Szene setzt und Elliott Gould das Ganze seinerseits nur mit einem belämmerten Gesichtsausdruck quittiert. Diese Beiläufigkeit ist eine Stärke des Films, dem man daher auch manchen kleineren Fehlgriff – wie das erwähnte Happy End – gern verzeiht.

wolfen_1981Früher, in meiner Kindheit, als ich noch keine Horrorfilme sehen durfte, da ließ ich mir gern von ihnen erzählen. Auch als WOLFEN im Fernsehen lief, mussten meine Eltern mir am nächsten Tag davon berichten. Und meine Fantasie schmückte diese natürlich eher knappen Berichte gnadenlos aus, ließ die Filme ins Unermessliche anwachsen. Weil ich als Steppke noch dazu keinerlei Ahnung hatte, was das für Filme waren, welchen Stellenwert sie hatten, war jeder Film für mich gleichermaßen beeindruckend. Ich meine, WOLFEN jetzt mittlerweile zum dritten Mal gesehen zu haben, aber es war die erste Sichtung, bei der sich annähernd dieses Gefühl einstellte, das ich damals hatte, als meine Eltern mir von dem Film erzählten.

WOLFEN ist kein einfacher Film und schon gar kein „klassischer“ Horrorfilm, auch wenn er seinen sparsamen Plot relativ straight abwickelt. Es geht um den Zusammenprall einer archaischen, längst vergessenen Welt und der Moderne, aber dieses Thema läuft lange Zeit nur im Hintergrund mit, wird erst spät wirklich ausformuliert und trotz des etwas erklärbärigen Finales nie überstrapaziert. Wadleigh liefert vor allem ein tolles Porträt eines New York vor der großen Generealüberholung durch Rudolph Giuliani ab, als die Metropole noch der Inbegriff von Schmutz, Gewalt und Verbrechen war. Ein nicht unbeträchtlicher Teil von WOLFEN spielt in den Ruinen der Bronx, jenen wie Mahnmale in den Himmel ragenden Backsteintorsos, ein unfassbares Bild urbanen Verfalls, das man heute, etwas mehr als 30 Jahre später, kaum noch begreifen kann. Interessant aus heutiger Perspektive sind außerdem die ständigen Terror-Exkurse: Die Sicherheitskräfte vermuten hinter den rätselhaften Morden das Werk von linksextremistischen Terrorgruppen, die nur zu gern die Verantwortung für die prestigeträchtigen Verbrechen übernehmen, auch wenn sie nichts mit ihnen zu tun haben. Die Angst, die dahinter steckt, ist dieselbe geblieben, aber die Terroristen, mit denen wir es heute zu tun haben, haben mit den naiven Aufschneidern und Träumern von damals rein gar nichts mehr zu tun. Es wäre nicht nur in dieser Hinsicht interessant zu wissen, wie WOLFEN heute aussähe, denn die Kritik, die in ihm steckt, müsste noch deutlich schärfer formuliert werden.

Was mich aber in allererster Linie beeindruckt und für den Film eingenommen hat, ist sein grandioses Sound Design, das genauso vielschichtig und geheimnisvoll ist, wie die Stadt, in der er spielt. James Horners Score ist sehr verhalten, pluckert oft unbemerkt und sparsam im Hintergrund, fügt sich ganz organisch in das Gesamtbild, anstatt die Stimmung zu diktieren, vermischt sich mit den Soundeffekten, vor allem dem Raunen des Herbstwindes, dem Echo, das durch die Straßen hallt (wer einmal in New York war, vergisst diesen Sound nie wieder), dem Rascheln des Laubs. Dazu Albert Finneys knarzige Stimme, der man jeden Schluck Whisky, jede Zigarre, jeden verschissenen Tag in dieser Drecksstadt anhört: Ein Soundeffekt für sich. Und dann ist da noch die Tonmischung: Wie da die Stimmen oft in den Hintergrund gemischt, von der Soundkulisse der Stadt überlagert werden, wie oft einfach die Stille regiert. Es entsteht ein wirklich dreidimensionales Bild, das enorm zum Realismus des Films beiträgt, der doch eigentlich eine eher esoterische, traumgleiche Atmosphäre kreiert (Spielbergs JAWS setzt Ton ganz ähnlich ein). Ich schätze, das ist auch das, was an WOLFEN so nachhaltig fasziniert. Seine Geschichte um Indianermagie und intelligente Wölfe, die vielleicht alte Gottheiten sind und sich auf dem Kriegszug gegen Grundstückspekulanten befinden, die ihnen den Lebensraum nehmen wollen, wäre unter der Regie eines weniger zurückhaltenden Regisseurs nur zu leicht zum Ökoquark mit zuckersüßen Ethnostreuseln mutiert. Aber Wadleigh hält all diese Tendenzen im Zaum und hat einen Film gedreht, der wunderbar unterkühlt, rätselhaft und enigmatisch ist, gleichzeitig aber so schroff und direkt wie ein Wolkenkratzer im Winterhimmel.

the_informer-596297532-largeMit THE INFORMER nähere ich mich nach 27 gesehenen Filmen Fords langsam, aber sicher seiner großen Phase an. Bei der schieren Menge großer, epochemachender Werke ist es eigentlich ziemlich sinnlos, noch die Allergrößten unter den eh schon Großen hervorzuheben. JUDGE PRIEST, THE LOST PATROL, DOCTOR BULL, PILGRIMAGE, AIR MAIL, ARROWSMITH, UP THE RIVER: Das waren alles für sich genommen Masterpieces, von den früheren FOUR SONS, UPSTREAM, 3 BAD MEN oder THE IRON HORSE mal ganz abgesehen. Aber ich meine trotzdem, dass Ford mit THE INFORMER noch einmal einen Sprung gemacht hat. Nach THE IRON HORSE handelt es sich dabei vielleicht um den ersten Film von ihm, der über den Kreis von Spezialisten und Ford-Enthusiasten hinaus als wirklich filmhistorisch bedeutsam angesehen wird, dem der Status eines großen, wegweisenden amerikanischen Klassikers zukommt. Wie der bedeutende Filmhistoriker Theodore Huff in den Fünfzigerjahren schrieb: “ Nearly every list of ten best pictures of all time contains it. Many consider it the greatest American talking picture ever made. It is as much a landmark in the history of sound film as THE BIRTH OF A NATION is in the silent era.“

Laut Wikipedia gilt THE INFORMER als einer von Fords „most widely referenced films“ und er sahnte bei den Academy Awards mächtig ab. Er war in sechs Kategorien nominiert und gewann immerhin vier der begehrten Trophäen: Best Director, Best Actor (Victor McLaglen), Best Writing/Screenplay (Dudley Nichols) und Best Score (Max Steiner). Ford selbst schätzte den Film interessanterweise gar nicht so hoch ein, für ihn war er zu eintönig in seiner Stimmung und zu wenig humorvoll, wie er gegenüber Bogdanovich behauptete. Möglicherweise war dieser visuell stark von Murnau und Lang inspirierte also nicht so sehr Anfang und Aufbruch, wie sein Status suggeriert, sondern eher das Ende einer Entwicklungsphase. Auch Ford-Forscher Tag Gallagher kommt zu diesem Schluss: „And today the very qualities that won THE INFORMER its place as an official film classic seem even antithetical to Ford’s virtues. Its single sustained mood, its heavy shadows and muffled sounds, its pedantic, heavy, slow tempo in acting and cutting […] all these qualities delighted thirties critics, most of whom failed to recall the waves of murky expressionism of the twenties and thirties.“ Wenn man, wie ich, Gallaghers Absatz zu THE INFORMER nach der euphorischen Erstbetrachtung liest, ist man fast ein wenig ernüchtert oder fühlt sich etwas dumm, dass man ausgerechnet von diesem angeblich so un-Ford’schen Film so begeistert ist.

Aber ganz egal, wie man selbst die Frage nach dem künstlerischen Stellenwert von THE INFORMER im Werk des Meisters beantworten mag, es bleibt ein großer, beeindruckender, vor allem bewegender Film. Victor McLaglen, ein Kerl wie ein Baum, den man bei seinen vorangegangenen Auftritten bei Ford eher als Typen denn als Schauspieler wahrgenommen hat, trägt die Rolle des jämmerlichen Verräters Gypo Nolan – und eigentlich den ganzen Film – auf seinen breiten Schultern und liefert ein frühes, beeindruckendes Vorbild für all die großen Verliererporträts, nach denen sich Schauspieler für gewöhnlich die Finger lecken. Die Erblinie von Gypo Nolan führt direkt zu De Niros Travis Bickle. McLaglens Verräter ist eine traurige Figur, ein Opfer der Umstände, der eigenen Schwäche und dann auch seiner Ehrlichkeit. Im von Bürgerkrieg, Hungersnot und Armut geplagten Dublin lockt ein Plakat mit der Überfahrt ins goldene Amerika – für eigentlich unerreichbare 20 Pfund. Doch 20 Pfund sind auch auf die Ergreifung von Gypos altem Freund und IRA-Kamerad Frankie McPhillip (Wallace Ford) ausgesetzt und das Angebot macht Gypo schwach. Er verrät den Freund, der von der Polizei gestellt und erschossen wird, und taumelt im Folgenden zunehmend betrunkener durch die Straßen, das Geld, das ihm und seiner Freundin Mary (Heather Angel) eigentlich eine bessere Zukunft erkaufen sollte, wild verprassend, förmlich um Bestrafung und Sühne für den Frevel bettelnd.

McLaglens Darbietung ist nichts weniger als herzzerreißend: Wie er in einem Moment des Egoismus – den er vor sich als männliche Tatkraft rechtfertigt – den Freund verrät, es sofort bereut und von Gewissensbissen geplagt wird (in Form eines Blinden und des Wanted-Posters mit dem Antlitz des nun toten Freundes), ganz „Mann“, der er gar nicht ist, versucht, über seine Unsicherheit hinwegzutäuschen, aber eigentlich jede Gelegenheit ergreift, sich selbst als Schuldigen zu entblößen, das ist bitter und schmerzhaft anzuschauen. Man leidet mit diesem armen Tropf, der einfach etwas zu einfältig ist, um die Situation und die Umstände zu durchschauen, ein guter Kerl, der genau eine Entscheidung in seinem Leben getroffen hat – und zwar die falsche. Frankie erinnert ihn bei ihrem Treffen noch daran, dass er immer der Kopf für Gypo war, ihm immer aus der Patsche helfen musste, in die der sich mit seinem Übereifer und seiner Impulsivität hineinmamövriert hatte, aber Gypo versteht es nicht, er hört ihn nicht. Und als er Frankie dann verrät, ihn für 20 Pfund verkauft, da ist es eben, als schlüge er sich eben genau diesen Kopf selbst ab. Sein Schicksal ist vorgezeichnet ab diesem Moment, es kann keine Rettung mehr für ihn geben. Nur noch die Vergebung von Frankies Mutter.

Neben dem beeindruckenden Charakterporträt und der düsteren Moritat – THE INFORMER spielt in einer einzigen nebelverhangenen Nacht – handelt Fords Film natürlich auch davon, was der Bürgerkrieg aus den Menschen macht. Wie er Brüder zu Verrätern werden lässt, die Not der Schwachen ausnutzt, um sie zu willigen Vollstreckern zu formen. Der herablassende, Abscheu zeigende Blick des Beamten, der Gypo die Belohnung für den Hinweis zur Ergreifung Frankies auszahlt, spricht Bände: Gypo hat nicht etwa die Seiten gewechselt. Er hat sich ganz aus der menschlichen Gemeinschaft verabschiedet. Er ist nur noch ein Geist.

e9hxsmmkolgfxigay3in1hmm3l0Deutschland, deine Titelschmiede: QUELLA ETÀ MALIZIOSA (etwa: „Dieses bösartige Alter“) erschien hierzulande erst 1981, also sechs Jahre nach seiner italienischen Kinoauswertung, und wurde sogleich dem noch immer nicht abgekühlten FLOTTE TEENS-Zyklus eingemeindet, der schon kaum noch zu überblicken war und mit seinem ursprünglichen Ausgangspunkt LA LICEALE rein gar nichts mehr zu tun hatte. So wurde Amadios Film dann flugs FLOTTE TEENS UND HEISSE TYPEN oder auch WENN BEI TEENS DIE HÜLLEN FALLEN getauft, auf Video gar als DIE SÜNDIGEN TÖCHTER VON IBIZA vermarktet. Vor allem letzterer Einfall ist ein echtes Husarenstück, denn der Film spielt zum einen auf Elba, zum anderen kommt nur eine einzelne sündige Tochter darin vor.

QUELLA ETÀ MALIZIOSA verstärkt die bei meinen Ausflügen ins Oeuvre des blonden Sexsternchens Gloria Guida gewonnene Erkenntnis, dass die Commedia sexy all’Italiana ein bisweilen tückisches Genre ist. Auch dieser Beitrag ist alles andere als komisch, hat viel mehr mit dem amerikanischen Noir gemein als mit dullen Tittenwitzchen, die von Scherzbolden wie Gianfranco D’Angelo, Alvaro Vitali, Lino Banfi oder Mario Carotenuto grimassierend kommentiert werden. Schon die Auftaktsequenz, in der Protagonist Napoleone (Nino Castelnuovo) – Elba + Napoleon, get it? – schweigend, aber zunehmend genervt eine minutenlange Schimpftirade von einer hinter der subjektiven Kamera verborgen bleibenden Mutter über sich ergehen lassen muss, bevor er (letztlich aber folgenlos) sogar zur Schusswaffe greift, erstickt jede Hoffnung auf harmloses Amüsement im Keim. Danach verschlägt es den seinen Lebensumständen verständlicherweise Entfliehenden nach Elba, wo er im Auftrag einer wohlhabenden Familie als Gärtner arbeiten soll. Die Mutter (Anita Sanders), eine unterkühlte Rothaarige, scheint irgendetwas zu verbergen, der Vater (Andrea Aureli), angeblich unter einer schweren Krankheit leidend, bleibt lange unsichtbar, und die Tochter Paola (Gloria Guida) fängt schon im Bus an, sich heftig an dem neuen Bediensteten zu reiben. Es entspinnt sich eine Affäre zwischen Napoleone und der ihre jugendlichen Reize provokant einsetzenden Jugendlichen, doch statt Liebesglück und Happy End setzt es Mord und Totschlag …

Wieder einmal ein komischer Film: Für einen Quasi-Noir verwendet Amadio zu viel Zeit auf das amouröse Hin und Her zwischen den Protagonisten und die Geheimniskrämerei der Familie, deren Zweck sich nicht so recht erschließen mag. Man erwartet am Ende, dass das alles ein großes Komplott war, dass man Napoleone gar nicht als Gärtner, sondern als willfährigen Mordgehilfen engagiert hat, aber dem ist nicht so. Das böse Finale ist eigentlich dem Zufall geschuldet und warum dem armen Napo so böse mitgespielt wird, erschließt sich aus dramaturgischer Sicht nicht wirklich. Was soll man aus QUELLA ETÀ MALIZIOSA mitnehmen? Dass man sich besser nicht mit den frechen, minderjährigen Töchtern seiner Arbeitgeber einlässt? Dass man auf seine Mama hören und was Ordentliches lernen soll? Dass Elba mit seiner urwüchsigen Vegetation und den schroffen Felsen immer eine Reise wert ist? Oder dass Fischer sich auf der Mittelmeerinsel mit ekstatischen Veitstänzen als geeigneter Sexualpartner anbieten? Es bleibt das Geheimnis von Silvio Amadio und – wieder einmal – Piero Regnoli, die das Drehbuch gemeinsam verfassten und viele interessante Ideen einbrachten, die am Ende etwas unverbunden nebeneinanderstehen. Trotz vieler offen bleibender Fragen ist QUELLA ETÀ MALIZIOSA aber durchweg unterhaltsam, wenn auch nicht unbedingt spannend. Vielleicht ist es sogar eine ausgesprochene Stärke, dass die Dinge hier so unvermittelt passieren, ohne in passende Schubladen eingeordnet werden zu können. Ich bin mir noch nicht so sicher, aber durchaus fasziniert.