13 hours (michael bay, usa 2016)

Veröffentlicht: August 6, 2016 in Film
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timthumb.php„Faschokino.“ – Das war die Reaktion von Hasko Baumann, seines Zeichens Regisseur der viel gelobten arte-Serie „Durch die Nacht mit“, Redakteur der Seite Das Manifest und liebenswerter Facebook-Rüpel, als ich dort erwähnte, dass ich mir 13 HOURS ansehe. Ich weiß natürlich, woher die Aussage kommt: Michael Bays Film feierte seine Premiere bei einer Open-Air-Vorführung in einem texanischen Footballstadion und die Einnahmen kamen dem „Shadow Warriors Project“ zugute, das sich Privatpersonen im Dienste der Armee widmet. Außerdem zielte das Marketing der Paramount speziell auf Konservative ab (wie zuvor erfolgreich bei LONE SURVIVOR und AMERICAN SNIPER praktiziert) und wurde in einer Spezialvorführung vor Mitgliedern der Republikaner gezeigt. Das Ende des Films würdigt den Einsatz der im Film porträtierten CIA-Operatives mit Fotos der realen Vorbilder und einem Blick auf das Memorial, das auch die bei den Auseinandersetzungen in Bengasi gefallenen ehrt. Und er betreibt hier und da Geschichtsklitterung, damit die Protagonisten noch heldenhafter, die sesselpupsenden Beamten – und die Politiker Obama und Clinton hinter ihnen – hinter ihnen feige, falsch und unamerikanisch rüberkommen. Das Star-Spangled-Banner weht sparsam während des Films, wird dann am Ende aber in einer geradezu herzzerreißenden Aufnahme zerrissen und verkohlt in einem mit Müll, Trümmern und Blut besudelten Pool schwimmend gezeigt. Es wäre verblendet, wenn man nicht die politische Stoßrichtung hinter dem Film sehen würde. Aber mindert das zum einen seine Wirkung als Kriegs- und Actionfilm? Vermittelt er darüber hinaus eine besonders verachtenswerte Gesinnung? Ich meine zu beiden Punkten: Nein.

Am 11. September 2012 kam es im lybischen Bengasi, einer Stadt, die nach dem Tod Muammar al-Gaddafis in einem tosenden Bürgerkrieg steckte, zum Angriff libyscher Milizen auf das amerikanische Konsulat, in dessen Folge der amerikanische Botschafter J. Christopher Stevens ums Leben sowie der Informatiker Sean Smith ums Leben kamen. Es war der erste gewaltsame Tod eines US-amerikanischen Diplomaten auf remdem Boden seit 1979. Wenig später setzten sich die Kampfhandlungen in einem nicht weit entfernten Gebäudekomplex des CIA fort: Mehrere hundert libysche Milizen stürmten das Gelände, auf dem neben sechs kampferprobten Männern vor allem Geheimdienstler und Staatsbeamte untergebracht waren. Nach einer mehrere Stunden währenden Schlacht waren auf amerikanischer Seite zwei, auf libyscher Seite mehrere hundert Tote zu beklagen. Im Anschluss wurde der Komplex aufgegeben, die Amerikaner traten den Rückzug an. Als Ursache für den Angriff wird ein anti-islamisches Youtube-Video amerikanischen Ursprungs angesehen, der Angriff demnach nicht als geplanter Terrorakt, sondern als spontane Gewalteskalation. Obama und Clinton wurden von konservativen Kräften für ihr Missmanagement hart kritisiert und für den Angriff mitverantwortlich gemacht. Die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz im Ausland tätiger US-Diplomaten danach stark verschärft.

Bays Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Mitchell Zuckoff, das sich den Vorfällen widmet und dem Film auch die Perspektive diktiert: Die politische Situation in Libyen wird zu Beginn in einigen Text- und Bildeinblendungen erklärt, danach konzentriert sich Bay ganz auf seine Protagonisten, sechs private „Contractors“, die es immer wieder an Krisenherde verschlägt, wenn es gilt, die Leben amerikanischer Staatsbeamten und Geheimdienstler zu schützen. Im Mittelpunkt steht Jack Silva (John Krasinski), der eine Frau und drei Töchter zu Hause zurücklässt, um in Bengasi seinem Freund „Rone“ (James Badge Dale) zu helfen, der dort eine Gruppe von Männern anführt, die einen (nicht mehr ganz so) geheimen CIA-Compound. Bengasi wird als „einer der gefährlichsten Orte der Welt“ und als infernalisch-chaotischer Moloch gezeichnet, wo Jack schon kurz nach seiner Ankunft in die erste lebensbedrohliche Situation gerät und nur ein riskantes „Alles oder Nichts“-Manöver sein und Rones Leben rettet. Wie auch in Ridley Scotts ähnlichem BLACK HAWK DOWN besteht die Bedrohung nicht zuletzt in der „Fremdheit“ des Gegners: Wer da Verbündete und wer Gegner sind, weiß keiner so genau, genausowenig, wofür die einzelnen Splittergruppen und Milizen eigentlich kämpfen. Bengasi ist ein Pulverfass mit glimmender Lunte. Die Besichtigung des Konsulats im Vorfeld des Besuchs des Botschafters ist ernüchternd: Wenn es zum Angriff kommen sollte, ist das von ein paar libyschen Partisanen bewachte Gelände, auf dem nur drei amerikanische Sicherheitsbeamte mit leichten Schusswaffen stationiert sind, nicht zu halten. Eine echte Verteidigungsstrategie gibt es nicht, dafür aber viele Möglichkeiten, sich von außen gewaltsam Zugang zu verschaffen.

Gerade in der ersten Hälfte schafft Bay eine sehr fiebrige Atmosphäre, die etwas an die alten Katastrophenfilme erinnert: Zahlreiche Indizien machen im Vorfeld mehr als deutlich, das hier zahlreiche Menschenleben geradezu fahrlässig riskiert werden, es eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, wann das große Sterben beginnen wird. Immer wieder fängt die Kamera bedrohlich dreinblickende Libyer ein, die die Amerikaner aus sicherer Distanz beäugen und dann verschwinden, Fotos machen und abdrehen, anhalten und dann weitergehen. Es ist klar, dass sich die Protagonisten auf einem massiv feindlich gesonnenen Terrain bewegen, die Sicherheit bislang eigentlich nur deshalb gewährleistet war, weil es die Gegenseite bei Drohgebärden belassen hat. Wenn sich dieses Drohpotenzial dann im Angriff auf das Konsulat manifestiert, entfaltet Bay das Szenario in all seiner albtraumhaften Wucht. Ja, man kann (wie das auch im genannten BLACK HAWK DOWN getan wurde) durchaus kritisieren, dass die Libyer als gesichtslose Horde vorzivilisierter Barbaren gezeichnet wird: Allerdings befürchte ich, dass jeder „Westler“, der sich in einer ähnlichen Situation wiederfände, sie genauso betrachten würde. (Die westliche Angst vor islamischem Terror fußt m. E. zu nicht unerheblichen Teilen darauf, dass einem diese Menschen und ihr Glauben fremd sind, dass sie anders aussehen und einer Kultur angehören, an der die von uns so hoch gehaltene Aufklärung vorbeigegangen ist. Die für unsere Ohren hart klingenden Sprache, die bärtigen Gesichter, das alles trägt zu dieser Fremdheit bei.) Die Situation, mit der die Protagonisten konfrontiert sind, ist nicht durchschaubar, genauso wenig wie die Taktik, die hinter den Angriffswellen steckt. Mehrfach in dem Film stellt sich die Frage, welcher Seite die Einheimischen angehören: Hat man es nun mit Verbündeten oder mit Feinden zu tun? Und im Schlussgefecht, wenn die Contractors den Stützpunkt von den Dächern der quadratisch angeordneten Gebäude verteidigen, wird immer wieder die Albtraumhaftigkeit und Fremdartigkeit der Situation betont.

In seiner Actioninszenierung setzt Bay Maßstäbe, gerade auch weil er sich nicht jener Überbietungslogik verschreibt, die das Hollywood-Eventkino in Beschlag genommen hat. „Authentizität“ kann ich natürlich nur unterstellen, weder war ich in Bengasi noch überhaupt jemals in Kriegshandlungen verwickelt (Gott sei dank), aber 13 HOURS fühlt sich realistisch an. Und es ist gut, dass dieser Realismus nicht mithilfe von Shakycam, Schnittgewitter und Fragmentchaos erreicht wird, sondern darin, wie der Kampf choreografiert und inszeniert ist, dass bei aller Hektik dennoch die Übersicht gewährleistet ist. Bay weiß, was er tut, und es wäre schön, wenn man das endlich einmal auf breiter Ebene zur Kenntnis nehmen würde: Wie er den ihm zur Verfügung stehenden Raum nutzt und erkundet, ist bisweilen atemberaubend – und eine deutliche Weiterentwicklung zu seinem frühen, oft zu Recht kritisierten Augenkleister. Toll auch, wie er das Chaos immer wieder mit Ruhepausen unterbricht, die Protagonisten sich sammeln und austauschen lässt: Da erinnert 13 HOURS durchaus an alte Westernklassiker, erscheinen die vollbärtigen, kampferprobten, ausgehöhlten Helden durchaus an Wiedergänger der furchigen Existenzialisten, die Peckinpah in THE WILD BUNCH in die Schlacht warf. Mit der Ausnahme natürlich, dass die für den Staat nur noch ein müdes Lächeln übrig hatten.

Sauer aufstoßen muss einem gewiss, wie die vier Toten auf amerikanischer Seite betrauert werden, die vielen libyschen Opfer aber – immerhin – nur einen kursorischen Blick wert sind. Mehrfach mahnen Staatsdiener, dass hier Amerikaner zu sterben drohen, als sei das völlig undenkbar. Ohne Frage war der Angriff auf das Konsulat ein grausamer Anschlag, wurde damit ein Tabu gebrochen, aber das Späne fallen, wo gehobelt wird, ist nun einmal ein ungeschriebenes Gesetz, das auch und besonders für den Aufenthalt in Krisengebieten gilt. 13 HOURS entwickelt kein echtes kontextuelles Problembewusstsein: Er bemerkt, dass es absurd ist, dass da Amerikaner in Konflikten sterben, mit denen sie rein gar nichts zu tun haben, aber da diese Konflikte immerhin auch Gelegenheit für echten amerikanischen Heroismus bieten, ist es auch wieder ganz OK. Andererseits ist es vielleicht auch ein bisschen viel verlangt, von einem amerikanischen Film über ein gerade mal vier Jahre zurückliegendes Ereignis, bei dem Amerikaner starben, diese Differenzierung und Kritik zu erwarten. Vielleicht wäre es besser, man würde auf die filmische Dramatisierung solcher Fälle verzichten. Warum man es nicht tut, ist indes einleuchtend. In diesem Fall hat es nicht funktioniert, 13 HOURS war Bays „lowest grossing“ Film bisher, aber sicherlich war er nicht der letzte Vertreter seiner Art. Man muss sich damit auseinandersetzen. Und 13 HOURS lädt auch Gegner wie ich finde dazu ein, statt ihnen volles Programm vor den Koffer zu scheißen.

 

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