eis am stiel 8. teil: summertime blues (reinhard schwabenitzky, deutschland/israel 1988)

Veröffentlicht: August 7, 2016 in Film
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eis-am-stiel-viii-summertime-bluesKeine Ahnung, warum der letzte Teil der Originalreihe (im Jahr 2001 wurde ein verspätetes Sequel mit neuen Darstellern aufgelegt) nicht eine Art neues Gesetz des Franchise-Filmemachens begründete, etwa: „Wenn eine schon seit Jahren nur noch künstlich am Leben gehaltene Filmserie frischen Wind für einen achten Teil braucht, engagiere den Regisseur von DIDI, DER DOPPELGÄNGER„. Bei EIS AM STIEL 8. TEIL: SUMMERTIME BLUES ist die Rechnung jedenfalls voll aufgegangen. So gut, dass man es danach klugerweise dabei bewenden ließ. Man sollte sein Glück nicht überstrapazieren.

Der achte Teil – basierend auf einer Idee von Zachi Noy, dessen Johnny nun auch ins Zentrum der Handlung rückt – widmet sich den Bemühungen der drei Kumpels, einen Tanzschuppen am Strand zu eröffnen. Das Ding ist eine jämmerliche Ruine und sieht mit der riesigen Fabrik in Sichtweite aus wie das Setting eines Endzeitfilms, aber Johnny hat eine große Vision und kann seine Kumpels Benny (Yftach Katzur) und Bobby (Jonathan Segal) überzeugen. Das Problem: Der Besitzer will zu viel Geld und die einzige Chance, ihm einen Vertrag abzuluchsen, besteht darin, sein tolpatschiges Mauerblümchen-Töchterlein Polly (Elfi Eschke) zu erobern. Nachdem Benny erfolglos sein Glück versucht hat, ist Bobby an der Reihe, doch der ist natürliche heißere Geschosse gewohnt …

Schwabenitzkys macht mit seinem Schwanengesang alles richtig, nämlich anders. Anstatt verzweifelt zu versuchen, die Magie des zehn Jahre zuvor entstandenen ESKIMO LIMON wiederaufleben zu lassen und zwangsläufig einen traurigen Abklatsch zu liefern wie seine erfolglosen Vorgänger, erkennt er zunächst einmal, dass die Zeiten der frivolen Coming-of-Age-Späße für seine Hauptdarsteller längst vorbei sind. SUMMERTIME BLUES ist, wie der Titel schon unmissverständlich andeutet, sehr melancholisch. Es ist ein Abschiedsfilm, ein Film, der in einer Erinnerungsblase angesiedelt scheint, weniger in einer konkreten Zeit oder an einem konkreten Ort. Die Fifties sind noch da in Form von Musik und Mode, aber mehr als um Details einer bestimmten Epoche handelt es sich bei diesen Markern um Symbole, die die Ideale und Träume der Protagonisten verkörpern. Die Fifties, das ist für die Jungs der Raum der Jugend, die Zeit des Sturm und Drangs, der großen Abenteuer und Pläne: Diese Zeichen sind noch da, aber sie sind im Schwinden begriffen, werden abgelöst von etwas Neuem, was man noch nicht ganz einordnen kann. Im Hintergrund stehen auffallend of Kräne rum, statt der bekannten Innenstadtstraßen sieht man triste Plattenbausiedlungen am Horizont hinter dem Brachland, der Tanzschuppen am Strand ist ein Refugium, in dem man sich gegen den Fortschritt verbarrikadieren, sich ein Stück der Jugend bewahren kann. Aber es ist eigentlich von Anfang an klar, dass das nicht fnktionieren wird. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und auch nicht festhalten. Nach dem neurotischen Beharren auf jugendlichem Leichtsinn und Übermut, der die schon erwachsenen Helden in den unmittelbaren Vorgängern wie Idioten erscheinen ließ, lässt Schwabenitzky die Blase gnadenlos platzen. Auch die letzten Schwaden des Tagtraums sind nun dabei, sich zu verziehen und den Blick auf die Wirklichkeit freizugeben.

Sehr schön auch, wie hier nun endlich Johnny zu seinem Recht kommt. Die Figur war eigentlich immer das Herz der Reihe, auch wenn sie zu Beginn auf den Part des Comic Reliefs reduziert wurde. Mit den Jahren wurde immer offensichtlicher, dass auch Benny nur ein egozentrischer Narziss war, im Unterschied zu Bobby/Momo lediglich mit einem gerüttelt Maß an ätzendem Selbstmitleid und Unentschlossenheit ausgestattet. Johnny hingegen war immer Johnny, eine ehrliche Haut, die das Pech hatte, nur die zweite Geige neben seinen eingebildeten Freunden spielen zu dürfen. Benny und Bobby stehen am Ende von SUMMERTIME BLUES nackt vor einer ungewissen Zukunft. Johnny hingegen hat das, worum es all die Jahre zuvor immer ging, wovor aber alle letztlich zu große Angst hatten: die große Liebe. Ein schöner, nahezu perfekter Film und wahrscheinlich einer der besten achten Teile, die je gedreht wurden. Das ist keine kleine Sache.

 

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