bfg: big friendly giant (steven spielberg, usa/kanada/großbritannien 2016)

Veröffentlicht: August 21, 2016 in Film
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bfg-big-friendly-giant-1-rcm0x1920uAls ich den Trailer zu BFG: BIG FRIENDLY GIANT, Spielbergs Verfilmung des (fast) gleichnamigen Kinderbuchs von Roald Dahl, zum ersten Mal sah, überwogen die Zweifel – und ich verfiel in die naheliegende Hollywood-Kritik: Dahls Stoff sei einfach zu böse und nonkonform, um ausgerechnet von Spielberg, dem großen Harmoniebedürftigen des Filmgeschäfts, adäquat auf die Leinwand gebracht zu werden. Die kurzen Ausschnitte erschienen mir zu putzig, märchenhaft und lieb. Dahls Vorlage ist zwar nicht so finster wie sein „The Witches“ (dessen Verfilmung von Nicholas Roeg ich noch nicht kenne), aber mit Kindesentführung, kinder- und menschenfressenden Riesen und der finalen militärischen Intervention gegen die Monster doch weit weg von dem bonbonbunten, zuckersüß-naiven Kram, der Kindern gewöhnlicherweise vorgesetzt wird. Dahl hat sehr gut verstanden, dass Kinder durchaus gefordert werden können – und außerdem einiges verkraften. Das ausgeprägte manichäistische Weltbild, das ihr Denken bestimmt – es gibt Gut und Böse und wenig dazwischen -, ist eine gute Voraussetzung, auch mit kinderfressenden Monstern und kinderhassenden Hexen klarzukommen.

Es ist richtig: Bei Spielberg ist alles etwas bunter, fluffiger und süßer als bei Dahl. Waren die bösen Riesen in der Romanvorlage noch fette, behaarte und nackte Unholde, die auch in den Abbildungen nur grob und krude skizziert wurden, sehen sie mit ihren riesigen Nasen, wulstigen Lippen, wilden Haaren und wikingerhaften Klamotten bei Spielberg genauso aus, wie man sie sich eben vorstellen würde. Überhaupt ist in Spielbergs Film alles deutlich „runder“, werden die Ellipsen, die Dahl sehr bewusst stehen ließ, ausgefüllt, die karg gehaltene Riesenwelt sehr opulent ausgemalt. Spielberg das zum Vorwurf zu machen, wäre aber auch reichlich naiv: Zum einen kennt man seinen Stil, zum anderen hat er eben einen Film gedreht und der lebt nun einmal von Bildern, hat sogar die Aufgabe, konkret zu verbildlichen, was in einem Buch vom Leser ausgestaltet werden muss. (Und wenn man bedenkt, wie manches Buch in seiner Adaption schon vergewaltigt wurde, sind die kleinen Freiheiten, die er sich erlaubt, mehr als verzeihlich.) Spielberg entscheidet sich für eine nostalgisch-europäisch-dickensische Ausgestaltung (Protagonistin Sophie liest dann auch „Nicholas Nickleby“): Das London, in dem der Film spielt, mutet historisch an, die Riesenwelt erinnert an die schottischen Highlands, ins Traumland, wo der BFG auf Traumjagd geht, gelangt man, indem man in einen idyllischen Teich springt, in dessen Oberfläche sich ein riesiger Baum spiegelt. Die Queen ist verständnisvoll und gütig, ohne die Fassade royaler Strenge jemals ganz abzulegen, ihr Hofstaat sind etwas steife, aber ultimativ liebenswürdige Gestalten, die sehr freundlich zu Sophie und dem Riesen sind. Es ist vielleicht nicht die originellste Interpretation von Dahls Bildern, aber sie ist geschlossen und wunderschön anzusehen.

Dass Dahls Buch kaum einen Plot aufweist, über weite Strecken lediglich über das Zwiegespräch zwischen Sophie und dem Riesen fortgetragen wird, ist da schon ein größeres Problem für eine Verfilmung. Spielberg löst es, indem er seine opulenten Settings erkundet, kurze Passagen durch brillante Choreografien zu großen Actiontableaus ausweitet (die Suche der bösen Riesen nach Sophie) oder natürlich auch Handlungselemente hinzuerfindet. Dass der BFG vor alnger Zeit schon einmal ein Kind bei sich hatte, ist ein Spielberg-Einfall, der die tiefe Zuneigung des BFG zu Sophie erklärt, aber auch etwas beliebig erscheint. Auch der kurze Konflikt zwischen den beiden Freunden am Ende des zweiten Akts ist lediglich der Erzählkonvention geschuldet: BFG: BIG FRIENDLY GIANT wäre ohne diese Standards sowohl kürzer als auch origineller gewesen, andererseits sind von Spielberg inszenierte Standards natürlich immer noch besser als die genuinen Einfälle so manches weniger begabten Filmemachers. Man freut sich einfach über jede Sekunde, die man sich in diesem Film aufhalten darf. Der Höhepunkt ist gewiss die Sequenz im Buckingham Palace, die in einer wunderbar anarchisch-albern ausgedehnten Pupssequenz kulminiert. Der folgende Showdown kann da nicht mehr ganz mithalten, aber auch das ist wahrscheinlich im Sinne von Dahl: Das Herz seines Buches ist die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen dem Riesen und dem kleinen Mädchen und es pocht auch in Spielbergs Verfilmung warm und kraftvoll.

Ich habe BFG: BIG FRIENDLY GIANT zusammen mit meiner sechsjährigen Tochter im Kino gesehen und hatte ein bisschen Sorge, dass der Film sie emotional überfordern könne. Umsonst: Sie kennt das Buch und ist wunderbar mitgegangen, hat sich gegruselt, gefürchtet, gelacht, gezittert und insgesamt eine tolle Zeit gehabt. Es war großartig, dieses Kinoerlebnis mit ihr teilen zu dürfen.

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Kommentare
  1. Josselin Beaumont sagt:

    Nach den ersten Zeilen war ich noch sehr erpicht darauf den Film zu sehen, da Spielberg mich bereits lange mit seinen Werken begleitet, aber als ich den folgenden Satz las, wurde ich schlagartig skeptisch, ob des Resultats:

    „Der Höhepunkt ist gewiss die Sequenz im Buckingham Palace, die in einer wunderbar anarchisch-albern ausgedehnten Pupssequenz kulminiert.“

    Ich kann mit einem Humor, welcher auf Körperausdünstungen basiert nämlich schlicht nichts anfangen. Schon eine einzige Szene jener Art sorgt bei mir quasi umgehend dafür, dass das Endresultat – so gut es auch sonst sein mag – sofort einen Kratzer, einen Makel hat, was daran liegt, dass ich in noch keinem filmischen oder literarischen Werk eine Szene oder Episode gesehen bzw. gelesen habe, die auf Körperausdünstungen basierte und nicht gleichzeitig auch mit dem Makel der Überflüssigkeit und Niveaulosigkeit behaftet war.

    Gerne erinnere ich mich an die Zeit eines E. T. (gut, es gibt eine Szene, in der E. T. nach dem Genuss eines Bieres rülpst, aber dies wurde nicht einer Sequenz zelebriert) oder IN EINEM LAND VOR UNSERER ZEIT, als man in Kinderfilmen auf dergleichen verzichten konnte.

  2. Josselin Beaumont sagt:

    Die Vorlage kenne ich nicht.
    Dass es aber gar eine „wichtige Rolle“ spielen soll, erhöht meine Skepsis noch einmal. Da ich jeden Spielberg irgendwann anschauen werde, eröffnet sich mir bei Zeiten vielleicht, was Schrifsteller Dahl so an diesem Topos fasziniert. Aber gegenwärtig befindet sich BFG am unteren Ende meiner Filmliste.

    Übrigens, auch wenn ich aus vorangegangen Beiträgen von dir weiß, dass du auf aktuelle Serien gemeinhin eher pfeifst, kann ich dir STRANGER THINGS wärmstens empfehlen. M. E. stellt die Serie einen überlangen Film – vergleichbar mit TRUE DETECTIVE – dar. Prinzipiell können die acht Folgen auch als abgeschlossen gelten.

    Für Liebhaber der Achtzigerjahre – insbesondere von Filmen wie E. T., DIE GOONIES, STAND BY ME, DER FEUERTEUFEL, EXPLORERS oder Büchern wie Stephen Kings ES – ist es schlicht eine Offenbarung.

    Insbesondere deswegen, weil die Serie – im Gegensatz zu Abrams SUPER 8 – nicht nur abpaust und sich dabei selbst vergisst, sondern mit Seele und einer fühlbaren Notwendigkeit daherkommt.

    • Oliver sagt:

      Dahl ist fantastisch und kein Stück niveaulos, auch nicht, wenn er Witze übers Pupsen macht.

      Geschmack lässt sich nicht wegdiskutieren, aber vielleicht solltest du deine anerzogene Skepsis und doch etwas spießig anmutenden Vorstellungen davon, was niveauvoll ist und was angeblich pfui, mal beiseite lassen und überlegen, was du als Kind lustig fandest. Das waren wahrscheinlich auch eher keine feingeistigen Schmunzler für Platon-lesende Rotweintrinker, oder? Körperhumor hat genauso seine Berechtigung wie jede andere Form des Humors auch und nur weil es haufenweise miese Vertreter der Gattung gibt, heißt das ja nicht, dass das Thema an sich verloren ist. (Dein Kommentar eben und der Duktus, in dem du ihn formuliert hast, klang für mich fast wie die Parodie eines distinguierten Feuilleton-Lesers, der für weltliche Dinge nicht mehr zu haben ist..)

      Von STRANGE THINGS habe ich schon viel Gutes gehört. Aber irgendwie habe ich keinen Bock drauf derzeit. 😦

  3. Josselin Beaumont sagt:

    Erst einmal vielen Dank für deinen längeren Kommentar, der mich durchaus zum Schmunzeln gebracht hat, da ich freilich kein gänzlich Entrückter bin und mich auch problemlos über mich selbst amüsieren kann.

    Wie du dir vielleicht denken kannst, höre ich dergleichen (ich beziehe mich an dieser Stelle an den von dir angesprochene Duktus) nicht zum ersten Mal. Da ich mich allerdings durchaus von mir selbst distanzieren kann, kann ich nachvollziehen, wenn ich mit meiner Art zu schreiben (selbiges wird überdies auch oft über meine äußerliche Erscheinung gesagt) ein wenig wie aus der Zeit gefallen erscheine und dies auf den ersten Blick eher befremdlich wirkt. Aufgesetzt ist’s allerdings nicht, ich war schlicht immer so eine Type. So fantastisch es auch klingen mag… Ja, bereits als Kind mochte ich einen solchen Humor nicht.
    Allerdings habe ich, wie gesagt, auch gegenwärtig keinen Fall präsent, in welchem ich „Körperhumor“ in diesem eng ausgelegten Sinne in irgend einem Sinne als fruchtbar empfand. Aber sicherlich hat es auch mit einer gewissen Abneigung zu tun, dass kann ich schwerlich leugnen. Manchmal kann man dagegen kaum etwas ausrichten.
    Ein Kollege von mir konnte sich beispielsweise den von mir sehr geschätzen Film INHERENT VICE nicht zu Ende ansehen, da ihm zu oft die nackten Füße von Joaquin Phoenix gezeigt wurden und ihn dies ungeahnt belastete. Menschen können manchmal durchaus komisch sein.

    Aber sei versichert, dass ich – auch wenn ich durchaus gerne Platon lese – nicht unbedingt in die Schublade des klischeehaften, distinguierten Feuilleton-Lesers passe, wenn man sich meine Vorlieben in der Kunst ein wenig näher anschaut.

    Ich bin nämlich, wie auch du, ein großer Liebhaber des Actionfilms (so uneindeutig diese Genre-Zuweisung auch sein mag). Insbesondere jener der Achtzigerjahre gehört zu meinen künstlerischen Grundnahrungsmitteln. Erst letzte Woche habe ich mich – freilich mit einem Glas Wein, da ich zumindest teilweise wohl tatsächlich ein wenig etwas mit der von dir angesprochene Gruppe gemein habe – WHITE GHOST gewidmet und den Abend mit DER KAMPFKOLOSS ausklingen lassen.

    Überdies reihen sich auch – neben Gestalten wie Thomas Mann, Kafka, Dostojewski, Kleist, Roth, Tolstoi oder Nobokov aus der literarischen und Coppola, Scorsese, Hitchcock, Hawks, Ford, Lang, Herzog, Melville, Renoir oder Godard aus der filmischen Welt auch – für den distinguierten Feuilleton-Leser eher unübliche – Gesellen wie beispielsweise Stallone (er ist auch für mich ein Heiligtum, um eine Zuschreibung von dir zu bemühen), Glickenhaus oder Larry Cohen in die Reihe der von mir sehr geschätzten und in manchen Fällen demütig bewunderter Künstler!

    Ich muss übrigens noch gestehen, dass ich von Dahl, obwohl ich die Literatur neben der Filmkunst als meine Heimat betrachte, noch nichts gelesen habe. Vielleicht gönne ich mir demnächst ein paar Zeilen von ihm.

    Hier noch ein Trailer, in welchem Maestro Seagal erschreckend viele Bonmots offeriert und welcher einen Film anpreist, der ein weiteres unverzichtbares Teilstück des Seagal’schen Gesamtkunstwerkes zu sein scheint:

    Ist in nächster Zeit zufälligerweise eine neue Seagal-Kritik angedacht?

  4. bullion sagt:

    Ich habe den Film auch mit meiner sechsjährigen Tochter im Kino gesehen (übrigens ihr erstes Kinoerlebnis). Entsprechend gelungen fand ich den Film auch, speziell auch die „Pupssequenz“. Ein großer Spaß und insgesamt wohl ein ziemlich perfekter erster Kinofilm.

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