the mafu cage (karen arthur, usa 1979)

Veröffentlicht: September 5, 2016 in Film
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mafu2bcage252c2btheTHE MAFU CAGE wurde im berüchtigten Horrorfilm-Lexikon von Hahn/Jansen mit einem kurzen, relativ nichtssagenden Absatz abgespeist, aber der rätselhafte Titel des Films (zu Deutsch ebenfalls DER MAFU-KÄFIG) hat sich mir damals unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Nachdem ich das reizvoll betitelte Zweitlingswerk der Regisseurin nun bei einem Waldspaziergang unter einem bemoosten Stein gefunden und ein bisschen im Internet geforscht habe, habe ich festgestellt, dass er in den letzten Jahren eine Art Wiederentdeckung erlebt hat. So lief er etwa 2012 im Rahmen des US-amerikanischen Fantastic Fests und ein Jahr später dann während des Internationalen Frauenfilmfestivals in Dortmund. Es ist einer von wer weiß wie vielen bizarren Werken, die in den Siebzigerjahren in und um Hollywood enstanden, dann in Vergessenheit gerieten und heute nur noch staunen machen über das, was einst möglich war. Sicher, niemand der Beteiligten hatte einen Kassenschlager im Sinn und es handelt sich bei THE MAFU CAGE auch nicht um eine teure Studioproduktion; aber eben auch nicht um einen Underground-Film, wie man vielleicht vermuten könnte: Mit Lee Grant war eine viel beschäftigte Darstellerin an Bord, die in den Jahren zuvor an solchen kommerziell erfolgreichen Filmen wie DAMIEN: OMEN II, AIRPORT ’77 oder SHAMPOO mitgewirkt hatte, Carol Kane gehörte in den Siebzigern zu den hoffnungsvollsten Jungschauspielerinnen (1975 hatte sie eine Oscar-Nominierung erhalten und danach immerhin unter der Regie von Woody Allen gespielt) und Will Geer war ein gestandener Veteran mit fast 50 Jahren Erfahrung auf dem Buckel.

Bei THE MAFU CAGE handelt es sich um die freie Adaption des Stückes „Toi et tes nuages“ des französischen Autoren Eric Westphal: Ellen (Lee Grant) musste ihrem Vater, einem Abenteurer und Afrika-Forscher, vor dessen Tod versprechen, sich um ihre jüngere Schwester Cissy (Carol Kane) zu kümmern, die in Afrika aufgewachsen ist und nie eine „normale“ Sozialisation erfahren hat. Ellen soll sicherstellen, dass die Unschuld ihrer Schwester bewahrt, sie nie in eine Klinik übergeben werde. Die Anstrengungen der Frau, dem Wunsch ihres Vaters gerecht zu werden, führen geradewegs in die Katastrophe. Zunächst lässt die tief verunsicherte, egozentrische und schweren Stimmungsschwankungen unterworfene Cissy ihre Wut nur an ihren Affen aus, die sie in einem Käfig im Wohnzimmmer des Vaters hält, doch dann richtet sich ihre unkontrollierbare Wut gegen David (James Olson), einen Arbeitskollegen und Freund der Schwester …

Karen Arthur zeichnet zum einen das Bild einer Frau, die durch die antizivilisatorischen Ideen ihres Vaters zur Lebensunfähigkeit verdammt wurde. In Afrika mag Cissy unter ihresgleichen gewesen, ihre Lebensstil angemessen gewesen sein, in den USA, umgeben von Menschen, die „normale“ Leben führen müssen, ist sie ein krasser Außenseiter, hilfsbedürftig wie ein Schwerkranker, nicht in der Lage, sich den gängigen Konventionen des Zusammenlebens unterzuordnen. Langsam, aber unaufhaltsam vollzieht sich ihr Abstieg in den Wahnsinn, als sich andeutet, dass Ellen nicht immer für sie da sein wird. Darum geht es auf der anderen Seite: Um die Selbstüberschätzung, die familiäre Bindungen und die damit einhergehenden Verpflichtungen mit sich bringen. Ellen kämpft von Anfang an auf verlorenem Posten, ist mit einer Aufgabe betraut, die sie nicht erfüllen kann. Dass sie es weiterhin versucht, mit Cissy gemeinsam die Kadaver der erschlagenen Affen im Garten verscharrt, ist nichts weniger als Fahrlässigkeit. Anstatt sich einzugestehen, dass sie überfordert ist, zu erkennen, dass ihre Schwester professionelle Hilfe benötigt – Versprechen hin oder her -, macht sie weiter und treibt damit alle ins Verderben. THE MAFU CAGE handelt auch von einer gefährlichen Romantisierung von „Natur“ bzw. den Fehlschlüssen, die mit der Prägung des Begriffes eben in der Romantik einhergehen. Man kann den unschuldigen Urzustand, so er denn überhaupt ein solcher ist, nicht inmitten der Zivilisation implementieren. Hier werden grausame Experimente am lebenden Menschen vollzogen.

Das ist gewissermaßen die weltliche Seite des Films, der eine solch banale Ausdeutung aber eigentlich nicht braucht. Kameramann James Bailey, der hier noch am Anfang einer eindrucksvollen Karriere stand, nutzt das brillante Set Design und die tolle Requisiten- und Kostümarbeit für opulente Bilder: Was eigentlich ein Ein-Raum-Stück ist, verwandelt er so beinahe in einen Monumentalfilm, dessen Centerpiece die kind-/tierfrauliche Carol Kane ist. Mit blassem Teint, dunklen Augen, einer wie Schlingpflanzen aus dem Kopf wuchernden Haarpracht und der Vorliebe für afrikanischer Kleider und Schmuckstücke wird sie eins mit dem Wohnzimmer ihres Vaters, eines Stücks Afrikas im US-amerikanischen Exil. Vom Tonband schallt neben Trommelrhythmen eine Kakophonie von Tierschreien und Urwaldgeräuschen, während Cissy in ekstatischen Zuckungen durch den mit üppigen Pflanzen und Götzenstatuen vollgestellten Raum tanzt. Eine Montage-Sequenz zeigt sie, wie ihre Liebe zu ihrem „Mafu“, einem Orang-Utan, in ungezügelten Hass umschlägt. Immer wieder explodiert sie förmlich in ihrer kindliche Unbeherrschtheit, ein Naturgewalt, deren Zyklen für den Außenstehenden kaum nachvollziehbar sind. Auch für Ellen nicht, die sich als Astronomin mit unfassbaren Energieausbrüchen eigentlich gut auskennt: Fasziniert betrachtet sie Bilder der Feuersbrünste auf der Sonnenoberfläche, ohne zu bemerken, mit welchem Feuer sie zu Hause spielt. Auch in der Gesamtgestaltung des Films spiegelt sich dieses Spannungsverhältnis: Da ist diese typische, herbstlich-melancholische Atmosphäre und Schwere, die wir an Filmen aus den Siebzigerjaren so lieben, die akademische Diszipliniertheit auf der einen Seite, auf der anderen dieser tosende, feurige Lavabrocken ausspuckende Vulkan, der einfach nicht in den Griff zu bekommen ist, und ein Ende, das einem die Schuhe auszieht.

 

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