the rape of richard beck (karen arthur, usa 1985)

Veröffentlicht: September 7, 2016 in Film
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unbenanntMehr durch Zufall kam das Karen-Arthur-Double-Feature bestehend aus THE MAFU CAGE und diesem Fernsehfilm aus dem Jahr 1985 zustande. Ich kannte die Regisseurin überhaupt gar nicht, bis mir auffiel, dass mir gleich zwei Filme von ihr vorliegen. Und welchen besseren Zeitpunkt hätte es also für THE RAPE OF RICHARD BECK geben können?

Es gibt im Netz eine kleine Huldigung für diesen TV-Film, die darauf basiert, dass es eben Richard Crenna – auf ewig verbunden mit Rambos Mentor Colonel Trautman – ist, der hier einer Vergwaltigung unterzogen wird. Ich gebe zu, dass das durchaus nicht ohne Humor ist: Es fällt einfach irrsinnig schwer Crenna von seiner ikonischen Rolle zu trennen, auch wenn es natürlich ungerecht ist, ihn auf diese festzunageln: Die Filmografie des Mannes umfasst über 100 Einträge und seine Karriere begann in den Fünfzigerjahren, satte drei Jahrzehnte vor FIRST BLOOD. THE RAPE OF RICHARD BECK gibt zudem eine gute Zielscheibe für Spott ab, weil es einer jener Fernsehfilme ist, die ihren aufklärerischen Impetus kaum verbergen können, dabei aber ungemein marktschreierisch und konstruiert daherkommen. Es ist Regisseurin Karen Arthur zu verdanken, dass der Film zunächst trotzdem sehr leichtfüßig voranschreitet, bisweilen gar einen unerwarteten Witz an den Tag legt, der das mitgelieferte Entrüstungspotenzial sanft, aber bestimmt unterläuft. Anders als etwa ein Jahrzehnt später ein prestigeträchtiges Werk wie Barry Levinsons DISCLOSURE, das zeigte, dass auch arme Sexsüchtige wie Michael Douglas von ekligen Frauen wie Demi Moore sexuell belästigt werden können, geht es Karen Arthur auch nicht darum, chauvinistischen Relativismus zu betreiben: Der Punkt von THE RAPE OF RICHARD BECK ist eben nicht, dass – *gasp* – auch Männer vergewaltigt werden können. Vielmehr verfolgt der Film eine ähnliche Strategie wie unzählige TWILIGHT ZONE-Folgen vor ihm: Der Protagonist, der Kriminalbeamte Richard Beck (Richard Crenna), ein Chauvi, wie er im Buche steht, wird durch die Vergewaltigung durch zwei schmierige Kriminelle (einer davon der unvergessene Nicholas Worth) gezwungen, sich mit den meist weiblichen Opfern sexueller Gewalt zu identifizieren, für die er zuvor nicht allzu viel Empathie und noch weniger Geduld übrig hatte. Und natürlich hält der geläuterte Hardliner am Ende eine ergreifende Rede vor den Frischlingen, in der er sie dazu mahnt, eine Ehepartnerin, Schwester, Tocher, Freundin oder sich selbst im Vergewaltigungsopfer zu sehen und entsprechend zu handeln.

THE RAPE OF RICHARD BECK fängt sehr gut an, mit einem als tough guy nicht ganz optimal besetzten Crenna. Aber gerade das ist eine Stärke des Films: Dieser Beck ist im ständigen Kampf mit sich selbst und seinem Männlichkeitsbild und wenn er sich in einer dunklen Seitenstraße vor den Augen seines verdutzten Partners (George Dzundza) mit gleich drei Strauchdieben anlegt, ist das beinahe lebensmüde zu nennen. Er scheint den Moment, in dem ihm jemand seine Grenzen aufzeigt, förmlich herbeizusehnen. Von der Gattin ist er geschieden, den Sohn nimmt er zu Angeltrip mit seinem Vater (Pat Hingle), selbst ein Ex-Cop, mit, weil er dort mehr lerne übers „Mannsein“, als von den doofen Büchern in der Schule. Vergewaltigungsopfer sind für ihn vor allem unkooperativ mit ihrer Scham, Sexualdelikte irgendwie zweitklassig. Und nachdem er eine vergewaltigte Frau in eine Decke gehüllt zum Krankenwagen tragen muss, erzählt er den Kumpels beim Bier danach lachend, dass er dabei beinahe „hart“ geworden sei. Aber das Machogehabe fällt von ihm ab wie Herbstlaub, als er selbst Opfer einer Vergewaltigung wird.

Leider ist genau dieser zentrale Moment auch der, in dem es mit dem Film bergab geht. Alles, was danach kommt, ist vorhersehbar und unangenehm gefühlsduselig. Crenna ist gut, erhielt einen Emmy für seine Darbietung, aber trotzdem kann er den Eindruck, der ganze Film sei ein konstrurierter Medienstunt, nicht zerstreuen. Und irgendwie ist es ja dann auch doch so, dass die Vergewaltigung für Beck „schlimmer“ ist als für eine „gewöhnliche“ Frau, eben weil er ein Mann ist, ein Polizist dazu. THE RAPE OF RICHARD BECK tut alles, um die Demütigung für ihn besonders groß zu machen. Sein Vorgesetzter freut sich insgeheim, dass der aufmüpfige Cop zurechtgestutzt wurde, sein Partner redet auf ihn ein, dass man die ganze Angelegenheit unter den Teppich kehren solle, weil man Beck sonst vor seinen Kollegen „zerstöre“, der Vater wendet sich verständnislos ab von seinem Sohn, der sich, so seine Sicht der Dinge, lieber vergewaltigen ließ, statt den Tod zu wählen. Die Fokussierung auf Becks Seelenpein und den inneren Wandel wirkt dann tatsächlich etwas albern, weil er einer fadenscheinigen Fernsehdramaturgie unterworfen ist: Der zu Beginn noch so ambivalente Charakter wird gnadenlos gestreamlinet und so letzten Endes unglaubwürdig.

Kommentare
  1. Josselin Beaumont sagt:

    Darf ich fragen, ob die dialogische Filmbesprechungsform, welche sich hinter deinem „Huldigungs-Link“ verbirgt, dich und deinen Partner seinerzeit dazu inspirierte bei den „Himmelhunden“ auf die gleiche Weise zu verfahren?

  2. Oliver sagt:

    Nein. Die verlinkte Seite habe ich erst anlässlich dieses Textes entdeckt. Für unser Blog damals gab es kein direktes Vorbild. Eigentlich kann ich mich noch nicht einmal an ein indirektes erinnern.

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