la setta (michele soavi, italien 1991)

Veröffentlicht: Oktober 1, 2016 in Film
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lasetta1Michele Soavis dritter Spielfilm wurde damals in Deutschland schwerst misshandelt auf Video verramscht: Unmotivierte Handlungsschnitte und eine gruselige Pornosynchro setzten dem Werk ziemlich zu. Nach den beiden vorangegangenen, visuell zwar beeindruckenden, inhaltlich aber eher „einfachen“ DELIRIA und LA CHIESA zeigt LA SETTA, was sich da in näherer Zukunft anbahnen sollte. Mit DELLAMORTE DELLAMORE sollte Soavi nur weniger Jahre später ein absolutes Meisterwerk des europäischen Genrefilms vorlegen – und danach dem Niedergang des italienischen Kinos zum Opfer fallen. Der damals 36-Jährige drehte in den 20 darauffolgenden Jahren sage und schreibe zwei Kinofilme, arbeitete sonst ausschließlich fürs Fernsehen. Traurig.

LA SETTA beginnt in der Wüste, irgendwo in den USA. Vom Soundtrack erklingt Americas Evergreen „A Horse with no Name“, während sich ein paar Hippies um ein Wohnmobil scharen. Sie bekommen Besuch aus dem Nichts, ein bärtiger, ebenfalls langhaariger Mann in einem langen Kaftan bittet sie um Wasser, stellt sich als „Damon“ vor und zitiert „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones. Am nächsten Morgen sind die Hippies tot, niedergemetzelt von den Schergen Damons. Der Film springt ins Frankfurt der Gegenwart: Ein Mann (Freunde des Italofilms erkennen ihn als Giovanni Lombardo Radice oder auch „John Morghen“) verfolgt eine Frau, überfällt sie in ihrem Haus und sticht sie brutal nieder. In der U-Bahn wird er mit ihrem herausgerissenen Herzen gestellt. Er jammert, im Auftrag einer Sekte gehandelt zu haben, dann entwendet er einem Polizeibeamten die Waffe und bläst sich das Gehirn weg. Wieder ein Szenenwechsel: Ein alter Mann (Herbert Lom) packt ein Päckchen und begibt sich auf eine Busreise. Als der Bus an einer Landstraße hält, blickt er verträumt in die Sonne. Eine Frau (Kelly Curtis) rast mit ihrem Wagen heran und kann gerade noch ausweichen. Der Mann stürzt, scheint aber unversehrt. Die Frau nimmt ihn mit nach Hause, damit er sich ausruhen kann. Und jetzt beginnt LA SETTA wirklich.

Der verschachtelte Anfang suggeriert einen komplizierten Plot mit vielen verschiedenen Schauplätzen und Parteien, aber so, wie da schon in den ersten 20 Minuten immer wieder Geschichten abgebrochen werden oder enden, bevor sie richtig begonnen haben, macht Soavi auch im weiteren Verlauf jede Hoffnung auf eine geradlinige Storyentwicklung zunichte. Die Frau – Miriam – ist das Opfer der Bemühungen einer satanischen Sekte, der alte Mann ein Bote, der sie mit dem Bösen infiziert und dann verstirbt, ihr Haus ein Tor zur Hölle. Das ist ungefähr die Handlung, die sich in einem stetigen Wegbröckeln der Ratio entspinnt, Fulcis LA PAURA NELLA CITTA DEI MORTI VIVENTI oder L’ALDILA nicht unähnlich, nur dass das hier alles weniger albtraumhaft und grotesk, sondern eher enigmatisch und rätselhaft daherkommt. Die Wirkung von LA SETTA ist nicht leicht zu beschreiben: Er zeichnet keine überspannten surrealen Tableaus und Soavi akzentuiert auch nicht den Realitätsverlust seiner Protagonistin durch grelle Effekte, vielmehr nimmt er ihre Perspektive ein und teilt ihren Wahn, der sich meist eher in Kleinigkeiten zeigt. Es lässt sich nicht mehr genau sagen, ob sich die unheimlichen Vorgänge wirklich ereignen oder ob sie nur Halluzinationen sind, die Miriam eingeimpft wurden. Es spielt auch keine Rolle: Der Film folgt seiner eigenen Logik – und tut sich dann auch schwer damit, ein sinnvolles Ende zu finden, anstatt, wie es wahrscheinlich richtig wäre, bloß aufzuhören. Noch nicht alles ist voll und ganz ausgereift – mit DELLAMORTE DELLAMORE gelang es Soavi deutlich besser, eine Welt zu zeichnen, die gleichermaßen innere wie äußere Apokalypse ist. Aber faszinierend ist LA SETTA in jedem Fall und bietet einige fantastische Bilder und Regieeinfälle. Allein diese Schnittfolge im Prolog, wenn John Morghen sein Opfer überfällt, ist reines Kino und zeigt, was für ein Wunderkind mit Soavi einer ungünstigen Marktlage zum Opfer fiel. Was hätte man von ihm noch erwarten dürfen?

Anlass dieses Textes ist übrigens eine anstehende deutsche Veröffentlichung, zu der ich etwas beisteuern darf, und mit der die Schmach der alten Videoveröffentlichung dann auch vergessen sein sollte. Ich empfehle schon jetzt: Zuschlagen!

Kommentare
  1. Josselin Beaumont sagt:

    Gab es vielleicht noch eine Synchronisation des Films? Bzw. weißt du, ob eine solche auf der BD sein wird?

    Es scheint zwei deutsche Tonspuren auf dem Datenträger zu geben und von einem Audiokommentar habe ich bis dato nichts gelesen.

    Die baldige Veröffentlichung will ich mir kaufen und da ich die deutsche Synchronarbeit gemeinhin sehr schätze, bin ich nun ein wenig ernüchtert, dass die Synchro so schlecht sein soll.

    Gerade, weil ich den Film in Gesellschaft gucken wollte. Und jene lehnen den O-Ton meistens dankend ab.

    • Oliver sagt:

      Nein, dazu kann ich nichts sagen. Die Synchro, die ich kenne, ist nicht gerade ein Ruhmesblatt, sie versaut einem den Film aber auch nicht vollkommen. Das Problem sind weniger die Sprecher als das Script. Wie bei fast allen Italienern der Niedergangsphase trägt die deutsche Vertonung zur ohnehin ausgeprägten Künstlichkeit bei. Irgendwie „passt“ sie also auch.

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